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Dienstag, 13.02.2018

Zahnärzte fühlen sich ungerecht bezahlt

Ein Honorarstreit mit den Ersatzkassen wird jetzt öffentlich ausgetragen – mit Flugblättern in den Praxen.

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„Patienten sollten das wissen“, sagt Dr. Holger Weißig und hängt das Informationsblatt in seiner Praxis in Gaußig (Landkreis Bautzen) aus. Der 60-Jährige ist seit 2005 Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsen. Er arbeitet noch einen Tag in der Woche in der Praxis, in der auch sein Sohn und seine Schwiegertochter tätig sind. Auch seine Tochter ist Zahnärztin.
„Patienten sollten das wissen“, sagt Dr. Holger Weißig und hängt das Informationsblatt in seiner Praxis in Gaußig (Landkreis Bautzen) aus. Der 60-Jährige ist seit 2005 Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsen. Er arbeitet noch einen Tag in der Woche in der Praxis, in der auch sein Sohn und seine Schwiegertochter tätig sind. Auch seine Tochter ist Zahnärztin.

© Uwe Soeder

Wer in diesen Tagen zum Zahnarzt muss, wird in vielen sächsischen Praxen einen Aushang lesen: „Diese Krankenkassen sparen bei Ihrer Zahngesundheit“, heißt es da. Und: „Sie müssen höhere Zuzahlungen leisten, denn Ihre Krankenkasse möchte weiter sparen und für Sie weniger Geld ausgeben.“ Betroffen sind demnach Versicherte der sechs Ersatzkassen Barmer, DAK-Gesundheit, TK, KKH, HKK und HEK. Initiator der ungewöhnlichen Aktion ist die Kassenzahnärztliche Vereinigung Sachsen. Im Gespräch mit der SZ erklärt deren Vorstandsvorsitzender, Dr. Holger Weißig, die Hintergründe.

Herr Dr. Weißig, Sie stellen sechs Krankenkassen – darunter die drei größten in Deutschland – praktisch an den Pranger. Warum?

Weil wir der Meinung sind, dass unsere Patienten das wissen sollten. Auf den Rechnungen sehen sie ja nicht, dass sie mehr zuzahlen müssen als beispielsweise jemand, der bei der AOK Plus versichert ist.

Wie groß ist denn die Differenz?

Bei einer dreiflächigen Amalgam-Füllung sind es derzeit etwa drei Euro pro Zahn. Das ist die Regelversorgung, die Differenz muss der Zahnarzt ausgleichen. Wünscht der Patient eine höherwertige Versorgung – etwa eine Kunststofffüllung –, wird der Kassenzuschuss von der Gesamtsumme abgezogen. Dann wird es für die betroffenen Versicherten teurer.

Drei Euro sind weder für Patienten noch Zahnärzte ein Schlag ins Kontor.

Das stimmt für den Einzelfall. Der Patient braucht aber vielleicht nicht nur eine neue Zahnfüllung, sondern auch Prophylaxeleistungen – dann geht es um mehr Geld. Und der Zahnarzt hat ja nicht nur einen Patienten. Das summiert sich.

Vergangenes Jahr haben die Ersatzkassen auf diese Weise 2,4 Millionen Euro in Sachsen gespart. Wenn die Entwicklung so weiter geht, werden es dieses Jahr schon fünf Millionen Euro sein.

Wie kann das sein?

Die Honorare werden jedes Jahr neu zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen und den Krankenkassen ausgehandelt. Die Ersatzkassen werden dabei vom Landesverband der Ersatzkassen (vdek) vertreten. Nach der Wende verliefen die Verhandlungen unproblematisch. Ersatzkassen zahlten den Zahnärzten sogar höhere Honorare. Bis es 2013 zu einer Angleichung der Vergütungen kam.

Inwiefern?

Man beschloss ein einheitliches Honorar für alle Kassen pro Bundesland sowie eine Anhebung der Honorare auf 95 Prozent des Westniveaus. Die Lücke zu hundert Prozent sollte nach und nach im Rahmen der jährlichen Verhandlungen geschlossen werden. Doch genau von diesem Moment an sparten die Ersatzkassen, während die AOK und andere Kassen draufzahlten. Inzwischen bleibt der vdek sogar unter dem Punktwert, der der gestiegenen Grundlohnsumme entspricht. Damit wird nicht nur der Abstand zu den alten Bundesländern immer größer, sondern auch zu den anderen Kassen.

Andere Kassen zahlen bereitwillig?

Ja. Die AOK Plus hat sich zur Angleichung der Honorare in Ost und West bekannt. Inzwischen ist die Schere fast geschlossen. Auch die IKK classic, die Knappschaft und die Betriebskrankenkassen stehen zu ihrem Wort, für die TK traf das bis zum vorigen Jahr ebenfalls zu. Seit diesem Jahr verhandelt sie aber auch gemeinsam mit dem vdek.

Wie erklären Sie sich die Haltung der Ersatzkassen?

Es sind bundesweit agierende Kassen, für die Sachsen keine größere Bedeutung hat. In Hamburg sind beispielsweise 57 Prozent aller gesetzlich Versicherten in einer Ersatzkasse, in Berlin 54 Prozent. In Sachsen sind es dagegen nur 22 Prozent. Da kann man also viel leichter sparen – übrigens auch bei Präventivleistungen wie der Professionellen Zahnreinigung. Und so fühlen wir uns auch: als Billiglohnland.

Geht es den sächsischen Zahnärzten so schlecht?

Ein Zahnarzt im Osten verdiente 2016 im Schnitt 115 000 Euro. Davon musste er aber seinen Kredit abbezahlen, die Familie versorgen, fürs Alter vorsorgen. Natürlich geht keine Praxis pleite, wenn die Ersatzkassen bei ihrer Verweigerungshaltung bleiben. Aber ein Zahnarzt im Westen verdiente im gleichen Jahr im Schnitt 148 000 Euro. Es ist also ein unfairer Wettbewerb – auf dem Rücken der Zahnärzte und der Patienten.

Die Ersatzkassen sagen, dass ein sächsischer Zahnarzt nach Abzug der Betriebsausgaben sogar mehr verdient als sein Kollege in Baden-Württemberg.

Das zeigt nur, wie unsachlich der vdek in den Punktwertverhandlungen argumentiert. Im Schnitt liegt der Einnahmen-Überschusses in Baden-Württemberg 29 Prozent höher als in Sachsen. Der Wert einer Praxis ist ebenso wie die Mietkosten eher vom Faktor Stadt oder Land abhängig. Die Unterschiede liegen im Wesentlichen bei den Personalkosten. Hier möchten wir auch in Sachsen in die Lage versetzt werden, ebenso wie in westlichen Ländern unser Praxispersonal gerecht zu entlohnen.

Glauben Sie, dass Ihre Flugblatt-Kampagne in den Praxen etwas bewirkt?

Diese Information richtet sich an die Patienten. Die Auseinandersetzung mit dem vdek führen wir vor Gericht, nachdem uns per Schiedsspruch weniger als die Steigerung gegenüber anderen Krankenkassen beschieden wurde. Uns wäre nichts lieber, als wenn wir die Klage zurückziehen könnten. Denn wegen der Ungewissheit über den Ausgang des Verfahrens stehen jetzt alle Rechnungen unter Vorbehalt.

Müssen Versicherte von Ersatzkassen damit rechnen, nicht mehr ordentlich versorgt zu werden?

Wir Zahnärzte haben einen Sicherstellungsauftrag. Der gilt natürlich ohne Abstriche auch für diese Patienten.

Das Gespräch führte Steffen Klameth.





Das sagen die Ersatzkassen


Simone Hartmann, Leiterin der TK Sachsen: "Bisher hat die Techniker Krankenkasse Sachsen immer konstruktiv mit Zahnärzten zusammengearbeitet und über Einzelverträge die Versorgung abgesichert. Unser Verhandlungsziel ist eine für beide Seiten tragfähige Lösung – ohne Schieds- oder Klageverfahren. Daran halten wir fest, auch wenn ab diesem Jahr die Verhandlungen über die Zahnarzthonorare im Verbund der Ersatzkassen stattfinden. Wir werden uns im vdek intensiv einsetzen, mit den Zahnärzten in Sachsen einen Kompromiss zu finden."

Silke Heinke, Leiterin der vdek-Landesvertretung Sachsen: "Wir sind enttäuscht, dass die KZV Sachsen bei laufenden Verhandlungen Ersatzkassen-Patienten verunsichert. Die Ersatzkassen stehen für eine gute Versorgung ihrer Versicherten und eine sachgerechte Vergütung. Auch das für 2017 angerufene Schiedsamt hat eine ausgewogene Entscheidung getroffen und dabei die Forderungen der KZV berücksichtigt. Zahnärzte hierzulande verdienen zum Teil mehr als ihre Berufskollegen in den alten Bundesländern, was auch an niedrigeren Betriebsausgaben liegt."

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 21 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. JulesWDD

    Diese Raffgier ist schlichtweg unerträglich ... EUR 115.000,00, und das soll nicht reichen? Unglaublich!

  2. @JulesDD

    @1: Bei Ihnen sieht man mal wieder, was halbgare Artikel anrichten. 115.000€. Unglaublich! Aber steht da was, dass dies das Nettoeinkommen nach allen Abzügen ist? Nö. Ich hötte mal ein paar Vorschläge für damit zu zahlende Kosten: Praxismiete mit Nebenkosten, Prsxiseinrichtung, Material und Medikamente und natürlich auch noch das Gehalt der Sprechstundenhilfe. Oder halten Sie Ihr Spucknäpfchen selber? Und von dem Rest wird dann das Private bestritten, d.h. Miete, Krankenversicherung, Altersvorsorge und die restlichen Lebenshaltungskosten.

  3. Any

    115000 Bruttojahreseinkommen sind für einen Job mit 8 jährigem Studium nicht besonders viel, wer darauf neidisch ist kann gern ebenso Zahnmedizin studieren und sich für ca. 1/4 Million ein Praxis einrichten. Jeder erhält was er verdient.

  4. Kanonikus

    "Zahnärzte fühlen sich ungerecht bezahlt" ist eine tolle Überschrift. Wer fühlt sich nicht eigentlich nicht ungerecht bezahlt? Will nicht jeder mehr?

  5. Ali B.

    Gerade die Zahnärzte.. Jammern auf hohen Niveau. Da ich als Privatpatient die original Rechnungen bekomme sehe ich die Summen. Und diese sind zb. deutlich höher als die in den Allgemeinen Praxen. Darüber holen sich nämlich die Ärzte das Geld wieder rein. Sprich, über uns Privat Patienten!! Wer in der Materie drin steckt weiß, das man sich zb. bei einer Wurzelbehandlung einen Kostenvoranschlag erstellen lassen muss. Dann geht man los und holt alle möglichen Angebote ein. Es gibt einen erhöhten Satz den jeder Arzt FREI mit dem Grundbetrag der Leistung multiplizieren kann. Dieser beträgt in der Regel das 3,5 fache. Ich hatte aber auch schon mal einen "Star" Zahnarzt, der sage und schreibe den 8,5 fachen!!! Satz abkassieren wollte. Ich sage aber jetzt hier nicht wer das war!! Übrigens bei der ganzen Debatte um die Angleichung der Abrechnungssätze wäre mal interessant zu wissen, ob die Sätze dann an den einfachen (Ges.Vers.) oder an die privaten Sätze angeglichen werden sollen?!

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