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Freitag, 15.06.2018

Verletztes Kind beim Arzt abgewiesen

Eine Meißnerin wird mit ihrer elfjährigen Tochter noch während der Akut-Sprechstunde zum Notarzt weitergeschickt. Dabei ist die Praxis eigentlich spezialisiert auf Unfälle.

Von Dominique Bielmeier

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Lea Hempel aus Meißen wurde trotz angebrochenen Zehs von der Arztpraxis nicht mehr als Patient angenommen. Schon eine halbe Stunde vor Schließzeit wurde sie abgewiesen.
Lea Hempel aus Meißen wurde trotz angebrochenen Zehs von der Arztpraxis nicht mehr als Patient angenommen. Schon eine halbe Stunde vor Schließzeit wurde sie abgewiesen.

© Anne Hübschmann

Immer blauer und dicker wurde der Zeh der Elfjährigen.
Immer blauer und dicker wurde der Zeh der Elfjährigen.

© privat

Meißen. Stocksauer ist Ines Hempel, als sie am 24. Mai auf ihrer Facebook-Seite beschreibt, was ihr am Abend zuvor passiert ist. Knapp drei Stunden habe sie mit ihrer elfjährigen Tochter in der Notaufnahme verbracht, nachdem die Meißner Gemeinschaftspraxis der Ärzte Lamnek, Schreiter, Seidel, Heduschke, Glutig und Ambros in Cölln das verletzte Kind zuvor abgelehnt habe. Dabei sei es noch während der Akut-Sprechstunde gewesen, wie Hempel gegenüber der SZ erklärt.

Um 17.30 Uhr sei sie mit ihrer Tochter an der Praxis angekommen, zuvor habe sie recherchiert, dass die Akutsprechstunde auch wirklich bis 18 Uhr dauere. „Dann habe ich mein Kind aus dem Auto gehievt und bin mit ihr unter dem Arm reingehumpelt. Da kam eine Schwester raus, schloss von innen die Tür auf und von außen wieder zu, ignorierte uns aber“, beschreibt Hempel den Vorfall. Sie habe die Frau erst ansprechen müssen, um wahrgenommen zu werden. „Dann schaute sie mich an und sagte schnippisch: ‚Wir nehmen heute keine Akutfälle mehr. Das ist so. Sie müssen in die Notaufnahme fahren.‘ Und verschwand.“ Bis in die Praxis kamen Mutter und Tochter gar nicht erst. „Dabei sah sie ja, dass mein Kind keinen Schuh anhatte, es also nicht etwas Nicht-Akutes sein konnte.“

In der Notaufnahme erfährt Ines Hempel nicht nur, dass der kleine Zeh ihrer Tochter, den diese sich schon am Tag zuvor an einer Kommode angestoßen hatte und der danach immer dicker und dunkler wurde, tatsächlich angebrochen ist. Sie hört auch am Empfang, dass es nicht das erste Mal sei, dass Patienten aus dieser Praxis noch während der Sprechzeiten zur Notaufnahme weitergeschickt wurden. „Für mich ist das unterlassene Hilfeleistung“, sagt Hempel.

Die Sächsische Landesärztekammer erklärte auf SZ-Anfrage: „Grundsätzlich kann ein Arzt einen Patienten abweisen. Dies kann zum Beispiel aufgrund von hohem Patientenaufkommen oder vollständiger Auslastung der Praxis erfolgen.“ Nicht abgewiesen werden dürfe ein Notfall. „Die Einschätzung, ob im konkreten Einzelfall ein Notfall vorliegt, trifft regelhaft der Arzt.“ Den bekam Ines Hempel jedoch gar nicht erst zu Gesicht. Die Landesärztekammer empfiehlt der Mutter, sich im konkreten Fall an den Berufsrechtsausschuss in Dresden zu wenden. „Dieser prüft den Vorfall gemäß Berufsordnung und kann je nach Ergebnis Rügen und/oder Bußgelder aussprechen.“ Mit den Ärzten der Praxis, betont Ines Hempel, habe sie noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. „Oft kann man den Ärzten ja keinen Vorwurf machen.“

Die Praxis für Chirurgie, Unfallchirurgie und Anästhesie war trotz unzähliger telefonischer Kontaktversuche zu unterschiedlichen Zeiten bis heute nicht für die Sächsische Zeitung zu erreichen. Nach achtmaligem Klingeln erklang stets eine freundliche Frauenstimme auf Band und erklärte: „Hatten Sie heute einen Unfall? Kommen Sie bitte ohne Anruf direkt zu uns. Unsere Sprechzeiten sind: Montag bis Donnerstag, 8 bis 18 Uhr, und Freitag, 8 bis 12 Uhr.“ Auch eine Anfrage per Fax blieb bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 22 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Hartmut Krien

    Uns fehlen Ärzte, weil ich viel zu viele Praxen sehe in denen sich Mediziner darstellen wie sie jahrelang in Afrika gewesen sind. Wenn man sieht wer an der Uni als Arzt ausgebildet wird, dann zu einem hohen Anteil Leute die dann in ihren Heimatländern als Ärzte arbeiten. Wieso bezahle ich als Steuerzahler das und die eigenen Bürger werden dann wegen Überlastung abgewiesen. Deutschland schafft sich ab. Der SPD Autor hat mit seiner Analyse schon recht. Die konkreten Ärzte die noch arbeiten, zu beschimpfen ist ja wohl das Unpassendste was man sich vorstellen kann.

  2. Christian Müller

    Herr Krien, ich weiß, das passt jetzt nicht in Ihr Weltbild: Aber ohne ausländische Ärzte, Pfleger usw. wäre die medizinische Infrastruktur insbes. in Krankenhäusern in Stadt und Land längst kollabiert. Bei den Neuzulassungen in Sachsen sind es übrigens über 25% ausländische Ärzte. Der Anteil ausländischer Studierender liegt an der Dresdner TU (inkl. mediz. Fak.) bei 13%. Wo Ihr "hoher Anteil" an teuer ausgebildeten Ausländern bleibt, die dann hier nicht arbeiten, ist ihr Geheimnis. Sie können ja selbst entscheiden, ob Ihre Einlassungen einfach böswillig sind, oder es am Intellekt liegt.

  3. western pacific

    @1: Ihre Wahrnehmung hinkt etwas. An unseren Krankenhäusern arbeiten Ärzte, deren Ausbildung eben nicht vom deutschen Steuerzahler finanziert wurde, sondern vom polnischen, tschechischen, slowakischen, ungarischen... Sie können das jetzt natürlich gern als Steilvorlage nutzen, um über mangelnde Deutschkenntnisse der Ärzte usw. zu jammern. Hauptsache gegen Ausländer gemeckert...

  4. Echt jetzt?

    Ein gebrochener Zeh ist alles andere als ein Notfall. Und dann auch nur angebrochen. Und obwohl es schon am Tag vorher passiert ist, will Sie kurz vor 18 Uhr am nächsten Tag noch Einlass haben. Hier wird doch sehr kräftig aufgebauscht. 24 Stunden kein Problem und jetzt ist es ein Notfall? So nicht. In der Praxis hätte das sowieso nicht mehr behandelt werden können. Röntgen, ggf Schienen. Wie lange hätten die Ärzte da noch sein müssen? Warum war Frau Hempel nicht um 15 Uhr da?

  5. pretextat tach

    Wenn ich schon wieder soo viele Namen an einer "Gemeinschaftspraxis" lese, kommt sogleich die Erfahrung, daß bei genauerem Hinschauen die gemeinschaftliche Praxis hauptsächlich darin besteht, je Praktizierenden nach vieljähriger akademischer Hochzüchtung gutdotierte Halbtagsjobs / Halbwochenjobs einzurichten und der ärztlichen Verantwortung durch persönlichen Drang zu möglichst viel Freizeit nachzukommen. In solchen Praxen besteht die neumodische Praxis eben darin, dem individuellen Profit zu fröhnen auf Kosten der Allgemeinheit und des Krankensystems. Es ist gleichsam eine Fortschreibung der Servicewüste DDR mit anderen Mitteln. So, ich muß nun zum Rentnerzählen in die Praxis, zum WE hin fühlen sich viele einsam und brauchen Gespräche.

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