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Samstag, 11.08.2018

Tatort Hauptbahnhof

2017 wurden auf dem Leipziger Hauptbahnhof doppelt so viele Delikte registriert wie auf dem Münchner.

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Auf dem Leipziger Hauptbahnhof sind täglich Hunderttausende Reisende unterwegs. Die Zahl der offiziell registrierten Diebstähle hat sich innerhalb eines Jahres verfünffacht.
Auf dem Leipziger Hauptbahnhof sind täglich Hunderttausende Reisende unterwegs. Die Zahl der offiziell registrierten Diebstähle hat sich innerhalb eines Jahres verfünffacht.

© mauritius images

Ein Wochenende im Juli am Leipziger Hauptbahnhof: Mehrfach gehen rivalisierende Gruppen aufeinander los, Messer werden gezückt, wiederholt muss die Polizei einschreiten. Nächte wie diese sind nicht die Regel, aber auch nicht mehr die Ausnahme. Als die Bundespolizei jüngst ihre neuesten Kriminalitätszahlen vorlegte, gab es eine erschreckende Erkenntnis: Am Tatort Hauptbahnhof Leipzig werden derzeit doppelt so viele Straftaten verübt wie am Münchner Bahnhof: 2017 wurden in Leipzig mehr als 2 000 Delikte wie Körperverletzungen, Sachbeschädigungen und Verstöße gegen das Aufenthaltsrecht registriert – in München dagegen keine 1 000.

Besonders deutlich ist der Unterschied bei den registrierten Diebstählen: 1 386 Anzeigen in Leipzig standen nur 459 Anzeigen in München gegenüber. Und das, obwohl in Bayerns Landeshauptstadt jeden Tag mehr als dreimal so viele Reisende unterwegs sind. Auch in Dresden nimmt die Zahl der Delikte teils zu – doch längst nicht so deutlich wie am Leipziger Verkehrsknoten. Zwar weist die Bundespolizei darauf hin, dass die Tatorte polizeilich gesehen kaum miteinander vergleichbar seien. Doch klar ist: Die Zahl der offiziell festgestellten Diebstähle hat sich in Leipzig innerhalb eines Jahres verfünffacht.

Dass die Straftaten zunehmen, sei nicht zuletzt mit der ständig steigenden Zahl der Reisenden zu erklären – immerhin mehr als 48 Millionen im Jahr. Im „Flaschenhals“ City-Tunnel mit den zahllosen S-Bahn-Zügen würden solche Taten begünstigt – „bei sinkendem Entdeckungsrisiko“, erklärt ein Sprecher der Bundespolizei. Gerade bei Taschendiebstählen seien der Citytunnel und die Fernverkehrs-Bahnsteige klassische Tatorte.

Die meisten Eigentumsdelikte seien indes Ladendiebstähle, erklärt Marcel Pretzsch von der Bundespolizei in Pirna. Betroffen seien vorwiegend Einzelhandelsketten und die Bahnunternehmen. Die Diebe seien indes nicht eindeutig zuzuordnen: „Eine bestimmte Täterstruktur ist kaum zu erkennen. Fast alle Nationalitäten, Altersgruppen und Geschlechter sind vertreten“, betont Pretzsch. Allerdings gilt ein Zusammenhang zur Beschaffungskriminalität in der Rauschgiftszene als eine weitere Ursache. Dabei würden „vor allem rumänische und nordafrikanische Tätergruppierungen“ herausstechen, heißt es. Sie hätten in Leipzig „eine sehr große Community“ und seien „als organisierte Gruppen hochmobil“. Doch auch die Gewalt nimmt zu: In einem Jahr stieg die Zahl der Körperverletzungen von 158 auf 206. Bestimmte Personenkreise oder Gruppierungen seien dabei nicht zu identifizieren, sagt Pretzsch.

Die Täter stammten im vergangenen Jahr zu 64 Prozent aus Deutschland, zu 29 Prozent aus Drittstaaten und zu sieben Prozent aus Staaten der EU. Gerade in der wachsenden Trinker-, Bettler- und Punkerszene würden viele Auseinandersetzungen indes deutlich aggressiver ausgetragen, hießt es. Meist sogar, ohne dass zuvor Gründe oder Auffälligkeiten ersichtlich gewesen seien. „In vielen Fällen waren die beteiligten Personen alkoholisiert“, fügt Pretzsch hinzu.

Zugleich beklagt auch die Leipziger Polizei seit geraumer Zeit eine Zunahme von Delikten im Bahnhofs-Umfeld: Die umliegenden Parks seien Schwerpunkte des Drogenhandels von Straßendealern, die überwiegend männlich, heranwachsend und von nordafrikanischer Abstammung seien, sagt der Leiter des Direktionsbüros, Andreas Loepki. Revierkämpfe und andere Konflikte seien daher wenig überraschend. „Nicht umsonst führt die Polizeidirektion immer wieder Schwerpunktkontrollen durch und leistet eine erhöhte Präsenz“, so Loepki.

Zur Bekämpfung der Kriminalität haben Bundes- und Landespolizei mittlerweile die „Gemeinsame Einsatzgruppe BaZe (Bahnhof/Zentrum)“ eingerichtet. Auch mit dem Wachpersonal der Deutschen Bahn versuche man die Präsenz am Bahnhof zu erhöhen. Für das erste Quartal dieses Jahres weist die Bundespolizei auf SZ-Anfrage inzwischen sogar einen zweistelligen Rückgang in allen Deliktbereichen aus. Dies aber hat offenbar mehr mit veränderten Erhebungen der Statistik zu tun als mit einem realen Rückgang.

Die Händler am Hauptbahnhof sind schon länger besorgt. Im Juli beklagte der Handelsverband Deutschland, schwere Diebstähle in Ladengeschäften hätten in den vergangenen Jahren zugenommen. Langfinger belasteten die Einzelhändler bundesweit mit mehr als zwei Milliarden Euro. Angezeigt würden jährlich etwa 350 000 Ladendiebstähle – die geschätzte Dunkelziffer liege indes fast doppelt so hoch. Der Handelsverband verlangt daher, Mindeststrafen anzuheben, Ermittlungen zentral zu bearbeiten, weniger Verfahren einzustellen, Videoüberwachungen zu erleichtern und die Justiz zu ertüchtigen.

Das sieht Sachsens Generalstaatsanwalt Hans Strobl ähnlich: Er hatte im SZ-Interview für Delikte wie Schwarzfahren, Diebstahl und Sachbeschädigungen mehr beschleunigte Verfahren gefordert: „Die Strafe muss auf dem Fuße folgen.“

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