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Montag, 13.08.2018

Sommernachtstraum auch für den E-Golf

Von wegen Trott: Das 26. Moritzburg Festival ist unverändert vital, emotional und kommunikativ. Es wird sogar intim.

Von Bernd Klempnow

Schöne Musik für ein aufmerksames Publikum und schweigende Autos: Moment des Eröffnungskonzertes des diesjährigen Moritzburg Festivals in der VW-Manufaktur in Dresden. Bis zum 26. August gibt es vor allem in Augusts Jagdschloss und in der Evangelischen Kirche von Moritzburg Kammermusik-Konzerte.
Schöne Musik für ein aufmerksames Publikum und schweigende Autos: Moment des Eröffnungskonzertes des diesjährigen Moritzburg Festivals in der VW-Manufaktur in Dresden. Bis zum 26. August gibt es vor allem in Augusts Jagdschloss und in der Evangelischen Kirche von Moritzburg Kammermusik-Konzerte.

© Jürgen Lösel

Es gibt Musik, die ist perfekt. Wer je Mendelssohns Schauspielmusik „Ein Sommernachtstraum“ gehört hat, weiß das. Wie der Komponist in geradezu luftigen Tönen Geister, Feen, Elfen und Kobolde in einem Zauberwald heiter schweben lässt, ist unvergleichlich und nimmt einen mit. Alltag, Stress und Hitze fallen ab – so wie am Sonnabend in der Gläsernen Manufaktur von VW in Dresden zum Start des diesjährigen Moritzburg Kammermusikfestivals. Vor allem das Nocturne mit seinem romantisch warmen Hornklang umschmeichelte das Publikum im ausverkauften Saal und auch die hier präsentierten e-Golfs wie eine laue Sommernacht.

Die Qualität und Virtuosität erfreuten den Liebhaber und erstaunten den Fachmann, weil die Interpreten noch sehr jung waren. Nicht Stars eröffneten traditionell die alljährlichen Festtage, sondern Mitglieder der Festival-Akademie. Die 32 Talente aus 15 Nationen des Akademieorchesters, die sich gegen 420 andere Bewerber durchgesetzt hatten, spielten dieses Wispern, Seufzen und Sehnen einer Liebesnacht hoch konzentriert und doch aus vollem Herzen. Und genau das macht die Kraft dieses 2006 erstmals gebildeten Orchesters aus. Der Zuhörer erlebt, wie die jungen Leute, die sich bis vor einer Woche noch nicht einmal kannten, wachsen und gemeinsam wundervollste Klänge wie ein eingespieltes Profi-Ensemble erzeugen.

Auch nach den anderen Stücken des Abends mit Mozart und Schubert jubelte das Auditorium, ließ die Künstler nicht ohne Zugabe in deren geplante Partynacht. Die dürfte kurz gewesen sein, denn am Sonntag hatte die Akademie das beliebte Proschwitzer Musik-Picknick zu gestalten.

Derart eindrücklich startet das einst von Dresdner Staatskapellmusikern um den heutigen Intendanten Jan Vogler gegründete Festival jedes Jahr. Doch auch im dritten Jahrzehnt des Bestehens ist nichts von einem Trott zu spüren. Im Gegenteil: Vogler, der ja als Cellist international Karriere macht sowie in Dresden die Musikfestspiele und die „Meisterkonzerte auf Schloss Albrechtsberg“ leitet, und sein Team haben immer neue Ideen für ein inspirierendes Programm.

Nicht nur in der Auswahl der Künstlerkollegen präsentieren sie die Top-Leute der Szene wie in diesem Jahr den deutschen Bratschisten Nils Mönkemeyer, den amerikanischen Geiger Benjamin Beilman und den israelischen Mandolinisten Avi Avital. Die kommen gern und immer wieder, obwohl sie den Sommer auch urlaubend verbringen könnten. Sie alle schätzen die intensive Arbeit mit den Kollegen und gewinnen auch der „Labor-Tätigkeit“ mit den hochbegabten Akademietalenten viel ab. So gehört das Festival zu den wichtigsten seiner Art.

Ebenso sorgt die Zusammenstellung der Konzerte durch Vogler – oft ungewöhnliche, überraschend stimmige Kombinationen von Komponisten und Stücken – für Spannung und stachelt die Neugier an. Entsprechend gilt das Moritzburg-Fest bei Kennern dieser Musik als begehrt. Die reisen aus aller Welt an. Keiner gibt sich elitär, dazu sind die Temperaturen in den Spielstätten wie dem Moritzburger Schloss zumeist auch zu hoch. Man kennt sich, grüßt im Saal, tauscht sich aus, freut sich auf bezaubernde Momente gemeinsamen und vertrauten Innehaltens.

Diese frische Art des Musizierens findet man im sonstigen Konzertalltag in Dresden eher selten. Und auch nicht, dass die Künstler das Publikum vom Podium aus ansprechend, sich in Porträtabenden vorstellen oder bei Galas mit den Gästen gemeinsam tafeln. Ex-Bundesminister und Musikliebhaber Thomas de Maizière spricht „von einem emotionalen und kommunikativen Band zwischen Interpreten und Zuhörern“.

Und doch ist 2018 etwas anders. Jan Vogler hat Neues eingebracht, hat facettenreicher ausgewählt und eine schöne, überzeugende Betitelung der Konzerte gefunden. So gibt es die gebündelten Programme einer „Argentinischen Nacht“ und eines „Skandinavischen Sommers“, eines „Geistertrios“ und des von Joseph Haydns gleichnamigem Stück inspirierten „Sonnenaufgang“ – das allerdings trotzdem erst 20 Uhr beginnt.

Zudem heißt ein Abend „Intime Briefe“, in dessen Zentrum ebensolche von Leos Janacek stehen. In seinem zweiten Streichquartett hatte der Tscheche kurz vor seinem Tod die Liebe zu einer 38 Jahre Jüngeren verarbeitet: „Hinter jedem Ton stehst du, lebhaft, unbändig, liebevoll. Der Duft deines Körpers, die Feuerglut deiner Küsse...“ Gut, dass die Programmheftgestalter das Publikum an die Hand nehmen: „Achtung, diese Musik glüht“, heißt es zum „Intime Briefe“-Konzert. Andernorts heißt es: „Von all dem Tanzen in der Musik sind Sie bestimmt ein paar Kilo leichter. Merken Sie es schon?“ Und nett ist auch der Hinweis zur „Appassionata“ von Beethoven, wonach „die Pianistenhände rasen über die gesamte Klaviatur, es gibt kein Halten, keinen Trost, die Verzweiflung ist unendlich. Es geht nicht gut aus. Für keinen von uns. Aber das ist es wert.“

Woher die Energie? Jan Vogler, der bei seinen weltweiten Aktivitäten wie ein Schwamm attraktive Ideen aufsaugt und dann für Dresden modifiziert, hat zu einer anderen Art des Regenerierens gefunden: „Ich habe einen herrlichen Sommer verbracht. Ich habe den ganzen Juli nicht einmal musiziert. Das tat gut, das mache ich künftig immer so. Jetzt brenne ich wieder für mein Cello und die Musik!“

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