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Montag, 17.09.2018

Lieber Lehrer als Kriegsheld

Roland Schimmelpfennigs „Odyssee“ sucht zwischen Aufbruch und Ankunft nach dem Sinn. Und ist für die Landeshauptstadt von Sachsen das richtige Stück am richtigen Ort.

Von Sebastian Thiele

Odyssee in der Gegenwart: Matthias Reichwald (vorne), Philipp Lux, Luise Aschenbrenner, Eva Hüster, Karina Plachetka und Moritz Kienemann (hinten) suchen unterschiedliche Arten von Heimat.
Odyssee in der Gegenwart: Matthias Reichwald (vorne), Philipp Lux, Luise Aschenbrenner, Eva Hüster, Karina Plachetka und Moritz Kienemann (hinten) suchen unterschiedliche Arten von Heimat.

© Sebastian Hoppe

Heimat. Wer das Wort nicht mehr hören kann, der hört am besten jetzt auf zu lesen. Derzeit hat man ja das Gefühl, dieses herrlich diffuse Substantiv wird täglich neu in allen Bedeutungen seziert. Ob sich auch Odysseus darüber seinen antiken Kopf zerbrach? Und wenn, denkt er dabei an Ithaka, an die geliebte Familie? Oder nur an seinen Garten? Auf jeden Fall hatte er bei all den Widrigkeiten von Charybdis bis Zyklop viel Zeit dafür.

Die „Odyssee“ für die Theaterbühne einzurichten, klingt eigentlich nach einem spätsommerlichen Unterhaltungsplan. Doch wer mit dieser Inszenierung die mythischen Details der berühmten Irrfahrten auffrischen will, der liest lieber zu Hause bei Gustav Schwab nach. Oder genießt die eloquenten Erzählungen von Michael Köhlmeier als Hörbuch. Aber wenn der meistgespielte deutsche Dramatiker Roland Schimmelpfennig vom Staatsschauspiel Dresden den Auftrag erhält, aus Homers Versen einen neuen „Odyssee“-Text zu kreieren, so gibt es nicht einfach ein Update des alten Epos’, sondern ein Stück über eine Sinnsuche auf dem Meer der Schlagwörter wie Flüchtlingskrise, Mythenmissbrauch, Entfremdung und natürlich: Heimat. Vielumjubelte Uraufführung der neuen „Odyssee“ war am vergangenen Sonnabend im Dresdner Schauspielhaus.

Die Welt ist ein nach vorn spitz zulaufender, halboffener holzgetäfelter Würfel. Hier herrscht der akkurate rechte Winkel im warmen Licht. Wie immer lässt Karoly Risz’ Bühnenbild viel Raum zum Assoziieren und fürs Spiel, der vom hochgradig energetischen Ensemble auch benötigt wird. Das Licht im Saal bleibt erst einmal an, denn die Sonne ist grell in Griechenland. „Der Krieg ist aus!“ Ganz hinten liegt das Ensemble als symbolischer Leichenberg übereinander. Zehn Jahre war Odysseus samt Gefolge im Krieg, nun schreien sie es der Sonne entgegen: „Aufbruch!“ Und zack, Perspektivwechsel. Karina Plachetka reckt sich als Penelope an der Rampe und sinniert mit hoher Stimme, warum ihr Odysseus nicht heimkehrt. Gern hilft ihr dabei ein Lehrer, der ihr in Gestalt von Philipp Lux sinnlich zu Leibe rückt. Oft treffen sich die beiden auf dem Rücksitz seines Kleinwagens, erzählt sie kokett. Erst werden Triebe befriedigt, dann erfindet der Lehrer in alten Unterhosen Geschichten, die sich um Odysseus drehen. Geschichten, die ergründen, weshalb der Held nicht heimkommt.

Subtile Gesellschaftskritik

Von Beginn an entmythologisiert Schimmelpfennig herzerfrischend. Orientiert an Homers Stationen wirft er Figuren und Probleme der Gegenwart in die Geschichten-Maschine, die auch das Erzählen selbst thematisiert. Und immer wieder skizziert sie den Heimatbegriff. Vom allabendlichen Seriengucken bis zum Traum vom Geräteschuppenbau ist alles dabei. Sprachwitz und Tragik geben sich die Hand, Brüche und Widersprüche füttern fortwährend neue Assoziationen. Nur schlaglichtartig dürfen dabei die Schauspieler zu Figuren werden. Bevor sie wieder emotionsgeladene Erzähler sind, die vom unfreiwilligen Aufbrechen und Ankommen berichten. Mal beten sie mit berührendem Gesang Eos, die Sonne, an. Dann überlegen sie im temporeichen Dialog, wie man am listigsten als Fremder Einheimischen entgegentritt. Beim Spiel stechen Luise Aschenbrenner und Moritz Kienemann noch einmal aus dem starken Ensemble hervor. Mit jeder Faser ihrer Körper leben sie den vielschichtigen Text Schimmelpfennigs. Subtil, aber deutlich blitzt Gesellschaftskritik hindurch: „Grundrecht auf Heimat, Grundrecht auf einen Rettungsring“, fordern die Schauspieler vom Publikum.

Für dieses kluge und fantasiereiche Erzähltheaterstück hat Regisseur Tilmann Köhler auch die passenden Inszenierungsideen. Ohne aufgeregte Kostüme und überflüssige Requisiten zelebriert er körperliches Spiel, arbeitet mit Verfremdung. So schaben die Spieler mit ihren Körpern an den Holzwänden entlang, um durch zusätzliche Aufnahmetechnik Sturmgeheul zu erzeugen. Oder in der Höhle des Zyklopen erzeugen absolute Dunkelheit und einige Streichhölzer ein simples Horrorszenario, dazu die rhythmischen Schreie der Schauspieler, und dieser Erzählstrang lässt Bilder eines entfesselten Mobs auf Flüchtlingshetzjagd entstehen – nur im Kopf des Zuschauers, ohne Sozialrealismus.

Am Ende bleibt vom Helden Odysseus wenig übrig: Erfinder einer Tötungsmaschine, gezeichnet vom Getriebensein und fremd in einer Heimat, die nur noch in der Erinnerung existiert. Nach 20 Jahren Trennung von Penelope fällt ihm nichts Besseres ein, als alle ihre Verehrer umzubringen. Köstlich, sein letzter Gedanke, er wäre doch lieber Lehrer geworden: mit altem Kleinwagen und schäbigen Unterhosen. Aber mit Zeit für Frauen. Und Geschichten.

Wieder am: 18. und 24.9.; 19.30 Uhr, Kartentel. 0351-32042777

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