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Mittwoch, 13.06.2018

Getötet für ein Auto - Angeklagte voll schuldfähig

Völlig planlos machen sich zwei junge Leute auf die Flucht. Als das Paar ein Auto braucht, wird ein Mensch getötet. Auch wenn der Tathergang grotesk anmutet, hält ein Psychiater beide Angeklagte für voll schuldfähig.

Der Prozess wird vor dem Landgericht Zwickau verhandelt.
Der Prozess wird vor dem Landgericht Zwickau verhandelt.

© ymbolfoto: Jan Woitas/dpa

Zwickau. Im Prozess um den Mord an einem 45-Jährigen aus Gera hat das Landgericht Zwickau am Mittwoch den persönlichen Hintergrund des angeklagten Paares beleuchtet. Der 20-Jährige sei ebenso wie seine drei Jahre jüngere Freundin zwar unreif für sein Alter, aber voll schuldfähig, sagte ein Gutachter.

Der junge Mann wuchs demnach in schwierigen Verhältnissen auf und wurde von der Mutter als Kind jahrelang schwer misshandelt. Mit acht Jahren kam er in ein SOS-Kinderdorf, nachdem eine Klinik Verbrühungen an den Füßen, Kopfverletzungen und Würgemale am Hals festgestellt hatte. Eine Persönlichkeitsstörung liegt nach Ansicht des Gutachters allerdings nicht vor.

Die Anklage wirft dem Mann und seiner Freundin vor, im November 2017 einen 45-Jährigen getötet zu haben, um mit dessen Auto in die Schweiz zu flüchten. Zum Prozessauftakt hatte der Mann zugegeben, das Opfer ohne Vorwarnung durch mehrere Messerstiche getötet zu haben. Die Minderjährige bestreitet hingegen eine Beteiligung. Nach der Tat war das Opfer bei Niederaula (Osthessen) in die Fulda geworfen worden. Die Leiche wurde erst drei Monate später von einem Spaziergänger entdeckt.

Dem Sachverständigen zufolge ist Jonny H. intelligent und zeigte auch in der Schule recht gute Leistungen. Mit der Volljährigkeit und damit verbundenen Veränderungen im Hilfesystem sei er jedoch ins Straucheln geraten. Seinen Alltag habe er allein nicht bewältigen können, er wirke gefühlskalt, so die Einschätzung der Jugendgerichtshilfe. Zudem habe er oft unüberlegt gehandelt.

Jonny H. soll seinem Opfer laut Anklage nach einem Kneipenbesuch aufgelauert haben. Er will von seiner 17-jährigen Freundin Sarah P. angestiftet worden sein.

Grund für die Flucht sei ein misslungenes Drogengeschäft und die Angst vor Strafverfolgung gewesen. Zunächst wollte das Paar demnach zu Fuß in die Schweiz gelangen. Einen wirklichen Tatplan habe man nicht gehabt, betonte der Angeklagte erneut.

Seine minderjährige Freundin bestreitet eine direkte Beteiligung am Tod des 45-Jährigen. Sie habe in einem Hauseingang etwa 200 Meter entfernt gewartet. Nach Angaben des Vorsitzenden Richters zieht die Strafkammer deshalb eine Verurteilung wegen Beihilfe in Betracht und nicht wie angeklagt als Mittäterin.

Der Jugendlichen attestierte der Gutachter eine abhängige Persönlichkeit. Sie sei mit 14 Jahren an die falschen Freunde geraten und habe begonnen, Drogen zu nehmen. Noch während der Untersuchungshaft soll sie Jonny H. in mehreren Briefen ihre Liebe versichert haben.

Unklar blieb, wie das zu ihrer früheren Aussage passt, sie sei nach der Bluttat nur aus Angst weiter mit ihrem Freund nach Frankfurt/Main geflüchtet. Das Paar war dort einem Security-Mann aufgefallen und festgenommen worden. Ihr Opfer hatten die beiden bei Niederaula (Osthessen) in die Fulda geworfen. Die Leiche wurde erst drei Monate später entdeckt.

Die Lebensgefährtin des Toten zeigte sich während der Verhandlung am Mittwoch fassungslos. Während die Angeklagten im Gefängnis eine Ausbildung antreten und ihren Schulabschluss nachholen könnten, frage niemand sie und den 86-jährigen Vater des Getöteten, wie sie mit dem entsetzlichen Geschehen klarkämen.

Das Verfahren wird in der nächsten Woche (Donnerstag) mit den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung fortgesetzt. Das Urteil wird voraussichtlich in der letzten Juniwoche gesprochen. (dpa)

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