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Freitag, 05.01.2018

Gestüt will Ausgleich für tote Pferde

Wölfe sollen das Unfalldrama 2013 bei Zehren ausgelöst haben. Doch der Freistaat zahlte bisher keinen Cent.

Von Peter Anderson

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Furchtbare Szenen spielen sich im Dezember 2013 auf der B6 ab. Drei Autos fahren in eine Pferdeherde. Am Ende bleiben neun der Tiere tot zurück. Zwei Menschen werden schwer verletzt. Ein Wolf könnte der Auslöser für das tragische Geschehen sein. Doch das allein soll für einen Schadensausgleich nach Naturschutzgesetz nicht ausreichen.
Furchtbare Szenen spielen sich im Dezember 2013 auf der B 6 ab. Drei Autos fahren in eine Pferdeherde. Am Ende bleiben neun der Tiere tot zurück. Zwei Menschen werden schwer verletzt. Ein Wolf könnte der Auslöser für das tragische Geschehen sein. Doch das allein soll für einen Schadensausgleich nach Naturschutzgesetz nicht ausreichen.

© Roland Halkasch

Diera-Zehren. Peter Kunath weiß nicht so richtig, wie er sich fühlen soll: Einfach nur veralbert von der Justiz oder sogar schon durch sie betrogen? Der Pferdezüchter aus dem Örtchen Mischwitz bei Meißen hält ein aktuelles Urteil des Verwaltungsgerichts Dresden in den Händen. Seine Klage auf Schadensausgleich nach dem Sächsischen Naturschutzgesetz werde abgewiesen. Die Kosten des Verfahrens habe er zu tragen, heißt es darin lapidar. Zwei knappe Sätze, hinter denen sich ein Drama versteckt, wie es Sachsen in dieser Zuspitzung bis dahin noch nicht erlebt hatte.

Ihren Ausgang nimmt die Geschichte am späten Abend des 10. Dezembers 2013 auf einer Koppel in Mischwitz an der Elbe. Der linkselbisch gelegene Ortsteil des vor allem durch ihr Schloss bekannten Gemeinde Diera-Zehren zählt Einwohner im einstelligen Bereich. Seit 1999 züchten Silke und Peter Kunath hier im Gestüt am Kirschberg erfolgreich edle Pferde.

Es ist 15 Minuten vor 23 Uhr, Peter Kunath will gerade ein Bad nehmen, da steht plötzlich eine Frau vor der Tür und berichtet, eine Herde sei von der Koppel unten an der Elbe ausgebrochen. Im Nu sind Peter Kunath und seine Frau an der Straße. Als sie ankommen, ist die Polizei schon da. Bei Keilbusch fangen Halter und Helfer die Pferde ein. Anschließend führen sie die Tiere gemeinsam an der B 6 entlang, um sie über einen abgekürzten Weg zum Gestüt oberhalb der Straße zu bringen.

Schaden von fast 68 000 Euro

Peter Kunath geht vornweg mit einem Wallach, dem Leittier der Herde. Die restlichen Pferde folgen mit den zwei Frauen. Alles scheint gut zu gehen, der Zug ist schon ein paar Hundert Meter weit gekommen. Plötzlich springt der Wallach herum, irgendetwas hat ihn furchtbar erschreckt. Das scheucht die anderen elf Pferde auf, sie rennen los, nach unten, Richtung Bundesstraße. Die Polizistin versucht noch, mit einer Lampe Autofahrer auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Doch dann geht an der Stelle unweit des Gasthauses Güldene Aue alles ganz schnell.

Gleich drei Autos fahren heran, zwei aus Richtung Zehren, eines aus Richtung Meißen. Sie haben in der Dunkelheit keine Chance mehr, rechtzeitig zu bremsen. Neun der zwölf Pferde verenden teils unmittelbar bei dem Unfall oder müssen kurz darauf durch Gnadenschüsse von ihren Leiden erlöst werden. Insgesamt entsteht durch den Tod der Tiere ein Schaden von knapp 68 000 Euro. Eine 39-jährige Frau und ein 24-jähriger Mann kommen nach dem Zusammenprall auf der B 6 schwer verletzt ins Krankenhaus.

Sofort nach dem tragischen Geschehen beginnt die Suche nach den Ursachen. Dabei erhärtet sich aus Sicht der Züchter die These, ein Wolf oder sogar mehrere Wölfe könnten die Tiere derart erschreckt haben, dass sie gleich zweimal ihr Heil in der Flucht suchten. „Es sind damals unter anderem Spuren und Kot vom Wolf gefunden worden“, so Peter Kunath. Zur Zeit des Unglücks habe es Sichtungen von mindestens einem der Raubtiere in der Gegend gegeben. Dies alles sei kein Zufall.

Tatsächlich berichten Jäger bereits seit 2010 davon, dass es die Tiere über die Elbe geschafft haben. Der Wolf ist ein sehr guter Schwimmer. Zwischen seinen Zehen besitzt er eine Haut, mit welcher er die Fläche seiner Pfote beim Schwimmen vergrößern kann. Das Überwinden selbst eines breiten Flusses wie der Elbe bereitet ihm keine Schwierigkeiten.

„In den Augen der Richterin hat das alles keine Rolle gespielt“, beschwert sich Peter Kunath. Die Juristin habe in der mündlichen Verhandlung sogar angezweifelt, dass Pferde überhaupt Fluchttiere sind. „Damit wird Jahrtausende altes Wissen lächerlich gemacht“, so der Züchter.

Wolf muss zugebissen haben

In der schriftlichen Begründung des Urteils spielen die Belege für eine Anwesenheit des Wolfes in Mischwitz unterdessen nur eine nachgeordnete Rolle. Entscheidend für das Nein zu Ausgleichszahlungen sei, dass der Wolf höchstens Auslöser für den Tod der neun Pferde war. Das Sächsische Naturschutzgesetz verlange im Gegensatz dazu, dass die Opfer direkt von dem Raubtier gerissen oder tödlich verwundet sein müssen. Nur dann könne Geld fließen.

Für Peter Kunath ist das Wortklauberei, welche an der Realität vorbeigeht. Dies widerspreche seinem Rechtsempfinden. Er werde nicht aufgeben und vor das Sächsische Oberverwaltungsgericht ziehen.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 7 Kommentare

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  1. Naja

    Wenn ich alle Berichte über Wölfe und deren Verhaltensweisen auch nur annähernd verstanden habe, dann ist es doch sehr unwahrscheinlich, dass ein Wolf an einer befahren Straße auf der Lauer lag. Um dann eine Herde von 12 Pferden plus mehrere Menschen plus diverse (Polizei-)Auto's anzugreifen? Vielleicht war ein Wolf Tage oder Stunden zuvor an dieser Stelle, aber wenn dieser Tross dort vorbeikommt, sieht es doch eher zu, dass er wegkommt.

  2. Emwe

    Wenn Weidetiere erstmal durch Wölfe gehetzt wurden, kann allein die Witterung von einem Raubtier sie schon zu kopfloser Flucht bewegen. Seit hier Wölfe immer öfter gesehen werden, sind meine Pferde immer wieder mal unglaublich schreckhaft. Da reicht ein knackendes Geräusch im Graben und alle stürmen innerhalb von Sekunden davon. OHNE Rücksicht auf Verluste! Sie würden dann auch jeden Zaun nieder rennen, wenn zu wenig Platz wäre! Bei großen Hunden reagieren sie seit 2015 mit extremer Anspannung und fixieren die Tiere minutenlang. Dann sind sie noch eher fluchtbereit. Diese Verhaltensweisen haben sie NIEMALS gezeigt, bevor hier Wölfe waren. Sie sind auch sonst kein bisschen schreckhaft, weder mit Fahrzeugen, mit Motorsägen oder flatternden Plastikplanen o.ä. Wenn sie sich mal total erschrecken, weil z.B. neben ihnen ein Baum umbricht, rennen sie nur ein paar Galoppsprünge und gucken sich dann in Ruhe an, was sie erschreckt hat. Das geht mit großen Hundeartigen nicht (mehr). :(

  3. Wagner

    Wir sind in Sachsen! Und da ist es eben so mit der Justiz und den Behörden....

  4. Juliane

    Es ist ja durchaus verständlich, dass der Pferdehalter bei solch einem hohen Schaden versucht einen finanziellen Ausgleich zu erhalten. Jemanden "schuldig" sprechen zu wollen, der nicht als Täter/Verursacher eindeutig nachweisbar ist, ist allerdings schon ein starkes Stück. Mit hätte wäre könnte eventuell vermutlich Urteile zu fällen und Entschädigungen kassieren zu wollen funktioniert nicht, auch wenn es gerade "in" ist dem Wolf jedwede Schuld zuzuschieben. Selbst wenn noch nach dem Unfall gar kein Wolf offiziell linkselbisch in Sachsen nachgewiesen wurde (siehe Broschüre "Mit Wölfen leben" vom Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft, Monitoringjahr 2015/2016). Bei aller vorhandenen Tierliebe... Übrigens wurden bei dem Unfall zwei Menschen schwer verletzt. Wie geht es denen inzwischen? Haben die irgendwelchen Ausgleich wegen Personen- und Sachschäden erhalten?

  5. LGmbH

    Zitat: >>„Damit wird Jahrtausende altes Wissen lächerlich gemacht“, so der Züchter.<< Da stellt sich mir die Frage, warum die Pferde nicht besser gesichert waren? Schade um diese Tierleben. Und schade, dass manche erst im Nachhinein schlau werden und evtl. Eigenverschulden abwälzen wollen.

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