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Mittwoch, 13.06.2018

Billiglehrer oder Edelpädagoge?

Die Pädagogen protestieren gegen das 1,7-Milliarden-Euro-Programm. Was sie wollen und welche Chancen sie haben.

Von Andrea Schawe

49 Die Lehrer-Demo in Dresden

Lauter Protest vor dem Kultusministerium: Die Lehrer kamen mit Bussen aus ganz Sachsen, unter anderem aus Leipzig, Chemnitz, Plauen, Bautzen, Görlitz und dem Vogtland. Sie alle wollen mehr Wertschätzung, Respekt und Anerkennung.
Lauter Protest vor dem Kultusministerium: Die Lehrer kamen mit Bussen aus ganz Sachsen, unter anderem aus Leipzig, Chemnitz, Plauen, Bautzen, Görlitz und dem Vogtland. Sie alle wollen mehr Wertschätzung, Respekt und Anerkennung.

© kairospress

Dresden. Mit Trillerpfeifen, Rasseln und Transparenten machten die Lehrer Druck. Etwa 2 000 Teilnehmer forderten am Dienstag vor dem Kultusministerium mehr Wertschätzung. Die Sächsische Zeitung erklärt die wichtigsten Punkte.

Was wollen die Lehrer?

Sie wollen Nachbesserungen am Handlungsprogramm. Die Verbeamtung führe zu Ungerechtigkeiten im Lehrerzimmer, weil junge künftig mehr verdienen. Den Lehrern geht es um deutliche Einkommensverbesserungen für Angestellte und die Senkung der Arbeitsbelastung. Doch die Lehrerorganisationen sind sich nicht einig – vor allem bei der Verbeamtung. Die GEW hat sich dagegen ausgesprochen, wohl auch, weil ihnen damit ein Mitgliederschwund bevorsteht. Der sächsische Lehrerverband begrüßt die Verbeamtung, ebenso der Verband der Gymnasiallehrer.

Wie reagiert das Kultusministerium?

„Ich habe großen Respekt vor dem Protest der Lehrer“, sagte Kultusminister Christian Piwarz (CDU) vor der Demo. „Ich nehme den sehr, sehr ernst.“ Er verwies aber auch auf finanzielle Verbesserungen für Oberschul- und Förderschullehrer sowie nun für Grundschullehrer. 420 Millionen Euro des aktuellen 1,7-Milliarden-Euro-Paketes sind ausschließlich für die älteren, angestellten Lehrer vorgesehen. Sie könnten erstmals befördert werden, es gebe eine Leistungsprämie und eine Zulage, über deren Auszahlung momentan noch verhandelt werde. „Der Vorwurf, wir würden nur Verlierer produzieren, ist nicht richtig.“ Ziel des Handlungsprogramms ist es, mehr junge Lehrer für den Schuldienst in Sachsen zu gewinnen – nur so seien auch Entlastungen für die älteren möglich.

Wie realistisch sind die Forderungen?

Das Argument ist: Die Nettolücke zwischen verbeamteten und angestellten Lehrern lasse sich aus tarifrechtlichen Gründen nicht schließen. Eine angestellte Lehrkraft in der Entgeltstufe 13 verdient nach mehrjähriger Dienstzeit etwa 5 400 Euro brutto. Um ein „Beamten-Netto“ von etwa 3 500 Euro pro Monat zu bekommen, müsste das Gehalt um rund 1 200 Euro pro Monat erhöht werden. Das Problem: Da sich das Tarifrecht auf das Beamtenrecht stützt, müsste eine solche Brutto-Erhöhung auch für die verbeamteten Lehrkräfte vorgesehen werden. Es seien Erwartungshaltungen geschürt worden, die „ich beim besten Willen nicht bedienen kann“, sagte Piwarz. Dem Freistaat seien nicht nur finanziell Grenzen gesetzt, er sei auch an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes gebunden. „Wir können nicht ohne Weiteres eine allgemeine Zulage für angestellte Lehrer zahlen“, stellte Piwarz klar. Dem muss die Tarifgemeinschaft der Länder zustimmen. „Ob diese kommt, ist mehr als fraglich.“ Momentan laufen Gespräche mit dem Finanzminister. „Die Signale, die ich bekommen habe, sind eher negativ“, sagte Piwarz.

Die Lehrer-Demo in Dresden

Gibt es Kritik an den Lehrern?

Gegenwind kommt von Ex-Kultusminister Frank Haubitz. Der Schulleiter des Gymnasiums Dresden-Klotzsche hatte in seiner 52-tägigen Amtszeit die Verbeamtung der Lehrer entscheidend vorangetrieben. Nun wirft er Gewerkschaften und SPD Populismus vor. „Da werden Thesen und Versprechungen unter die Lehrer geworfen, die mit nichts untersetzt sind“, sagte Haubitz. Er spricht von „Vorgaukeln falscher Tatsachen“. Er rate den Lehrern dringend, den Bogen nicht zu überspannen. „Es hat sich eine Nimmersatt-Mentalität entwickelt, über die ich nur den Kopf schütteln kann“, so Haubitz. Er habe die Erwartungen selbst geschürt, sagte Sabine Friedel (SPD). In seiner Zeit als Minister hatte er „einen Ausgleich für die älteren Kollegen, die das Schulsystem in den letzten Jahrzehnten getragen und zum Erfolg geführt haben“, angekündigt. Der Philologenverband, dessen Vorsitzender Haubitz war, distanzierte sich von den Äußerungen.

Wie geht es weiter?

In der kommenden Woche ist ein Gespräch der Lehrerorganisationen mit dem Kultusminister geplant. Dass Piwarz Änderungen am Programm zustimmt, scheint unwahrscheinlich. „Ich möchte dem Anhörungsverfahren zum Gesetz nicht vorweggreifen“, sagte er. Das läuft noch bis nach den Sommerferien. Grüne und Linke unterstützen den Protest für eine Weiterentwicklung des Paketes. Ein „Nachteilsausgleich für alle nicht verbeamtungsfähigen Lehrer ist unentbehrlich“, sagt Petra Zais (Grüne). Linke-Bildungspolitikerin Cornelia Falken forderte, die Fehlentscheidung Verbeamtung wieder aufzuheben.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 49 Kommentare

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  1. gooo606

    Bevor die Lehrer immer streiken gehen sollten sie ujs Schülern lieber mal was beibringen... In meiner gesamten bisherigen "Schullaufbahn" (13 Jahre) hatte/habe ich vlt. 5 Lehrer gehabt die mir auch wirklich was beigebracht haben.

  2. Claudia Männich

    @1: Zwei Fragen: 1) Wann haben den die Lehrer immer gestreikt? 2) Warum ist denn das letzte Mal bei Dir Unterricht ausgefallen?

  3. ICH

    @g000606, voll auf den Punkt getroffen! Wenn man sich so die Bewerbungen einiger Schüler betrachtet, welche überhaupt noch arbeiten wollen, wird mir Angst und Bange. Es gibt hier zu Lande sehr viele Berufsgruppen im produktiven Bereich und Schichtarbeit ,die sich mit dem Mindest Lohn begnügen müssen. Wir zahlen schon genug für die Beamten mit. Und nun wollen noch mehr auf den Zug des sorgenfreien Leben aufspringen. Nun wird es hier sicher ein Aufschrei der Lehrer geben. getroffene Hunde bellen.

  4. ich

    Die Lehrer "protestieren nicht gegen das 1,7 Mrd Paket" sondern für eine VERBESSERUNG dessen. Liebe SZ, Lieber Redakteur, recherchieren Sie besser, oder schreiben Sie weniger diskriminierend!

  5. Leser

    @1 Das verstehe ich gut, wenn ich auch schon paar Jahrzehnte aus der Schule raus bin. Nun betrifft es meine Kinder gleichermaßen. Es wird dahingehend jedoch nie ein Optimum geben, da das Widergegebene auch Interpretationsraum lässt und vom (Selbs-)verständnis des Individuums abhängt. So erklärt der Eine Dinge auf seine Art, wie er es verstanden hatte, der Andere aber nicht kapiert und umgekehrt. Es gibt leider auch welche, die pädagogisch ungeeignet sind, jedoch sicher nicht die Mehrheit. Übrigens zieht sich das durch alle Berufsgruppen in der Wirtschaft, das werden Sie noch kenn lernen, wenns ans täglich Brot verdienen geht.

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