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Dienstag, 24.07.2018

Wir müssen die Hitze ernster nehmen

Mehr Grün, lebenswertere Städte und besserer Gesundheitsschutz. Der Dresdner Professor für Raumplanung Bernhard Müller fordert Aktionspläne für so ein Wetter, wie wir es gerade erleben.

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Prof. Bernhard Müller
Prof. Bernhard Müller

© Ricardo Vigh

Seit der letzten großen Hitzewelle 2003 hat sich in Deutschland und auch in Sachsen viel getan. Fragen des Klimawandels haben einen wesentlich größeren Stellenwert erhalten als früher. In der sogenannten Modellregion hat eine Vielzahl von Akteuren aus dem Bereich der öffentlichen Verwaltung, der Wirtschaft und der Wissenschaft unter Leitung meines Instituts an der Erarbeitung einer regionalen Anpassungsstrategie an den Klimawandel mitgewirkt.

Allerdings war es inzwischen wieder recht still geworden. Die Vorschläge, die gerade auch mit Blick auf Hitze und Stadtentwicklung und unter Berücksichtigung besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen erarbeitet wurden, wurden nur schleppend, wenn überhaupt umgesetzt. Hier hätte man mehr tun können. Grün in der Stadt und Bereiche die Schatten bieten, sind wichtig. Sie tragen auch zur besseren nächtlichen Auskühlung bei. Klimatisierte Räume haben an heißen Tagen besondere Bedeutung, gerade für Kinder und ältere Menschen. Warum bietet man älteren Menschen und Kindern an solchen Tagen nicht zum Beispiel kostenlosen Eintritt in Museen an. Das wäre ein wichtiger Beitrag zum Klimawandel. Warum fördert man Gemeinschaftsgärten nicht in noch stärkerem Ausmaß? Sie bieten nicht nur Grünflächen, sondern auch Gemeinschaft im Wohnquartier – und ein Wissen voneinander, das im Fall von Alter oder Krankheit der Nachbarin oder des Nachbarn lebensrettend sein kann.

35 Grad im Schatten sind auch in Süditalien ein Problem, nicht nur für Urlauber, die es jedes Jahr ausgerechnet in der heißesten Jahreszeit in den Süden zieht. Aber es geht dabei natürlich um unsere Gewohnheiten. Wir trinken nicht genug, wir kühlen unseren Körper nicht regelmäßig und ausreichend. Das ist insbesondere bei Kranken und älteren Menschen ein Problem. Deshalb sind sie besonders anfällig. Die Gesundheits- und Verhaltenshinweise auf www.gesunde.sachsen.de, Tipps bei Hitze, oder auch in einzelnen Hitzeaktionsplänen auf regionaler beziehungsweise lokaler Ebene sind richtig und wichtig, verfehlen aber wahrscheinlich ihre Wirkung. Erstens: Wer liest und befolgt sie? Und zweitens: Der Staat und die Kommunen können und müssen mehr tun, als an die Eigenverantwortung von Bürgerinnen und Bürgern zu appellieren. Sie müssen für den Notfall gerüstet sein und ausreichend Vorsorge treffen, zum Beispiel in dem sie Vorschläge zur Anpassung an den Klimawandel ernst nehmen. Und zwar mit Blick auf alle Extremereignisse, nicht nur auf Hochwasser.

Das ehemalige Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit hat im März 2017 auf der Grundlage der Arbeit einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit vorgelegt. Die Empfehlungen sind umfassend. Und darin wird auch beschrieben, was im Hinblick auf die langfristige Stadtplanung und das Bauwesen zu tun ist, sowohl im Hinblick auf gebäudebezogene Maßnahmen als auch im Hinblick auf die Stadt- und Bauplanung. Geschehen ist bisher wenig. Wir müssen unsere Städte umbauen. Wir müssen für mehr Lebensqualität gerade auch bei Extremereignissen wie Hitzewellen sorgen.

Aber wie soll das gelingen, wenn wir – wie in Sachsen vor einigen Jahren unter dem Motto der Vereinfachung des Umweltrechts – das Fällen von Bäumen erleichtern, lokale Baumschutzsatzungen außer Kraft setzen und mittlerweile vielerorts einen nicht unerheblichen Verlust von Bäumen beklagen müssen? Praktische Anpassung an den Klimaanpassung und Vorsorge vor Hitze muss anders aussehen! Und auch im „Aktionsplan Klima und Energie des Freistaats Sachsen“ verdient das Wort „Hitze“, mehr als dreimal erwähnt zu werden.

Unser Autor Prof. Bernhard Müller ist Direktor des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung in Dresden und Leiter des Lehrstuhls für Raumentwicklung an der TU Dresden

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Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. Steffen

    Am liebsten wäre mir das einfachste. Nachts zu lüften. Das ist mir leider zur Zeit nicht möglich. Gestern hat ganz Pieschen wieder mal gestunken. Vom Hammerweg bis Ballhaus Watzke. Unsere Stadt hat nämlich eine tolle ökologische Abfallaufbereitungsanlage am Hammerweg. Und die stinkt nachts gewaltig. Aber nur wenn die Sonne tagsüber richtig scheint. Also genau dann, wenn die Wohnung heiß wird. Alle Beschwerden bei der Landesdirektion und beim Umweltamt bringen nichts. Man bekommt nur die Aussage: Wenn das Wetter sich ändert, wird es bestimmt besser.

  2. Titania

    Genau, Klimaanlagen gegen die Hitze! Ist wie mit dem Kühlschrank ein Zimmer kühlen. Ey, versucht es mal mit Physik, Thermodynamik. Lüften wäre sicher schön, nur dass ständig die Idioten mit ihren (klimatisierten!) Autos unterwegs sind. Wo ist denn das versprochene Grün? Die Anpassung? Nix ist geworden: mehr Autos, mehr Menschen, mehr Hitze. Immer noch Wachstumswahn auf einem endlichen Planeten.

  3. Vernunft

    Bei der aktuellen städtebaulichen Entwicklung (Verdichtung der Bebauung, Abholzen von großen Bäumen, Pseudoaufforstung mit pflegeleichten Gehölzen, Erhalt von überbreiten Durchfahrtsstraßen, ...) in Dresden werden extreme Wetterereignisse wie anhaltende Hitze oder lokaler Starkregen zu weiteren massiven Beeinträchtigungen des städtischen Lebens führen. Dilettantismus statt nachhaltiger + vorausschauender Politik an allen Ecken.

  4. Der echte jk

    Es ist gut, dass es endlich auch mal ein profunder Kenner - ein Professor - sagt: "Warum bietet man älteren Menschen und Kindern an solchen Tagen nicht zum Beispiel kostenlosen Eintritt in Museen an. Das wäre ein wichtiger Beitrag zum Klimawandel." Okay - also noch mal langsam: wenn in Hitzeperioden wie jetzt ältere Menschen und Kinder kostenlosen Eintritt in Museen erhalten, ist das ein wichtiger Beitrag zum Klimawandel. Ja, nee - ist klar... Allein die Formulierung: "...wichtiger Beitrag zum Klimawandel." und das noch in Konstellation zu Hitze und kostenlosen Museumstickets für Ältere und Kinder ist kabarettreif. Vielen Dank Herr Müller für Ihren wichtigen Beitrag zur Erheiterung der SZ-Leser.

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