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Samstag, 30.12.2017

Schön, dass es Sie gibt!

Fällt Ihnen beim Jahresrückblick überwiegend Negatives ein? Dann wird es Zeit für eine freundliche Bestandsaufnahme.

Von Ilona Bürgel

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© Uli Stein/Catprint Media GmbH

Ilona Bürgel ist Diplom-Psychologin und Coach in Dresden. Für die SZ schreibt sie regelmäßig die Kolumne „Psychotalk“.
Ilona Bürgel ist Diplom-Psychologin und Coach in Dresden. Für die SZ schreibt sie regelmäßig die Kolumne „Psychotalk“.

Wann haben Sie dieses Kompliment zuletzt gehört: „Schön, dass es Sie gibt!“? Sie können sich nicht mehr daran erinnern? Um sich etwas zu sagen, braucht es gar keinen besonderen Anlass wie einen Geburtstag oder Weihnachten.

In unserem Leben gibt es so viele gute Dinge. Wir sehen sie nur nicht mehr. Weil sich unser Gehirn automatisch schneller, intensiver und länger auf Negatives konzentriert. Ein Mechanismus, der aus den Zeiten der Evolution stammt und unserem Schutz dient. Doch wir leben nicht mehr in ständiger Gefahr, zu verhungern oder gefressen zu werden, sondern so sicher wie noch nie zuvor eine Generation. Trotzdem fühlen wir uns oft unsicher oder haben Angst.

Dabei ist jedes Leben voller Geschenke an Gutem, Schönem, Besonderem. Nur betrachten wir es schnell als selbstverständlich. Wachen erst auf, wenn wir etwas verlieren, zum Beispiel die Gesundheit, den Partner, die Arbeit. Vorher sehen wir es als normal an. Oder schlimmer noch: Wir tun nichts oder zu wenig für den Erhalt.

Verhält es sich mit dem Jahresrückblick nicht ähnlich? Wir fahren im Dezember ein noch höheres Tempo als sonst und wollen alles, was schon ewig liegt, unbedingt noch fertigstellen. Wir haben das Feiern zum Sport erklärt und nehmen so viele Veranstaltungen wie möglich mit. Um dann nach den Feiertagen zu beklagen, was das wieder für ein Stress war.

Würde ich Sie fragen, was Ihnen zu diesem Jahr einfällt, wäre bestimmt manches negative Ereignis dabei. Attentate, Sturmschäden, Verluste, Streit, missglückter Urlaub usw. All dies wäre sofort präsent. Doch wenn wir genau hinschauen, ist das eine Minderheit in einer großen Menge von Gutem. Weil Medien, Nachbarn, Kollegen, Freunde – und ja, auch wir selbst – bevorzugt Negatives kommunizieren, scheint es, als wäre die Welt so. Nein. Wir haben nur einen anderen Zugang zu Informationen. Und sind so gestresst, dass wir mittels Tunnelblick unsere Wahrnehmung einengen und bevorzugt auf Probleme richten.

Nutzen Sie den Jahresausklang dafür, sich an den zurückliegenden zwölf Monaten zu freuen. Machen Sie eine freundliche Bestandsaufnahme. Was ist Ihnen gelungen? Was war besser als erwartet? Wo gab es eine Lösung für ein Problem? Was haben Sie gelernt oder sich getraut? Welchen angenehmen Menschen sind Sie begegnet? Und wer von ihnen hat Ihnen gesagt: „Schön, dass es dich gibt!“?

Vielleicht fällt Ihnen dieser freundliche Rückblick gar nicht leicht. Denn wir alle erleben an jedem Tag, in jeder Woche und jedem Monat so viel, dass manches in Vergessenheit gerät. Oder könnten Sie auf Anhieb sagen, was Sie am vergangenen Mittwoch erlebt haben?

Angesichts eines Überangebotes an Erlebnissen und Möglichkeiten versuchen wir, nichts zu verpassen. In allen Lebensbereichen wollen wir das Optimum herausholen. Dabei kommt eines viel zu kurz: das bewusste Genießen. Wir sitzen im Konzert oder liegen auf der Massagebank, sind in Gedanken aber schon beim Abendessen oder der Steuererklärung. Unser kostbares Leben rinnt uns durch die Hände, weil wir nicht aufmerksam sind. Als hätten wir endlos Zeit. Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob das alles sein muss? Und wenn ja, wie Sie bewusster wahrnehmen und dadurch nicht nur Quantität, sondern Qualität leben könnten?

Nutzen Sie den freundlichen Jahresrückblick, um sich an schöne Erlebnisse zu erinnern. Was genau hat Sie begeistert, als Sie auf Reisen waren? Welche besonderen Konzerte oder Sportevents haben Sie besucht? Welches Restaurant hat Ihnen eine kulinarische Offenbarung beschert? Welche Freunde waren an Ihrer Seite und haben Ihnen gutgetan und gezeigt, dass Sie ihnen wichtig sind?

Ich pflege mit meiner Familie folgendes Ritual: Jeder von uns schreibt am Jahresende auf, was er erlebt hat. In vier Kategorien: Städte, Hotels/Urlaube, Events, Restaurantbesuche. Zuerst befragt jeder sein Gedächtnis. Das braucht richtig Zeit. Dann helfen wir mit dem Kalender nach, um anschließend gemeinsam zu vergleichen und Bewertungen für Gold, Silber, Bronze in allen Kategorien zu vergeben. Das ist jedes Mal ein großer Spaß, und uns wird bewusst, wie reich das Jahr war, ganz gleich, was sonst noch passiert ist.

Wann haben Sie das das letzte Mal zu einer anderen Person gesagt: „Schön, dass es dich gibt!“? Nicht ungefähr. Sondern genau so – direkt und kraftvoll. Wo, wann, wem? Falls es Ihnen nicht gleich einfällt, dürfen Sie hier eine Pause machen. Vielleicht haben Sie diesen Satz auf Weihnachtskarten geschrieben. Doch gesagt?

„Nicht getadelt ist genug gelobt“ heißt ein Sprichwort. Es spiegelt unsere Kultur und Geisteshaltung wider. Bedauerlicherweise. In vielen Umfragen zum Thema Stress beklagen Menschen die mangelnde Wertschätzung. Gut vorstellbar, dass Sie einen Chef haben, der nie lobt, oder eine Mutter, die stets kritisch ist. Auch Ihre Nachbarn gehören vielleicht zu jenen, denen kein Danke über die Lippen kommt, wenn Sie den Schnee vor ihrer Haustür mit wegräumen. Na und? Sie können es besser. Führen Sie eine ehrliche Strichliste. Die gute Absicht ist gewiss vorhanden, die Umsetzung jedoch geht manchmal im Tempo und der Anspannung des Alltags unter.

Wenn wir kritisieren, erwarten wir, dass unser Gegenüber uns anschaut, sich auf uns konzentriert – damit unsere Kritik auch ankommt. Warum verfahren wir nicht ebenso, wenn wir loben? Zumal einem Lob noch größere Bedeutung zukommt, um all das Kritische, das wir im Leben zu hören bekommen, auszugleichen. Nehmen Sie sich also Zeit zum Loben. Schenken Sie und bitten Sie um vollständige Aufmerksamkeit. Und geben Sie Ihr Herz mit hinein.

Schlussendlich: Wann haben Sie sich selbst zuletzt gesagt: „Schön, dass es dich gibt!“? Sind wir nicht unsere schärfsten und ungnädigsten Kritiker? Der Schreibtisch nicht aufgeräumt, die Steuererklärung nicht fertig, Sport wieder einmal verschoben. Das mag ja alles sein. Und trotzdem sind und haben Sie so vieles, das es wertzuschätzen gilt. Schließen Sie in die freundliche Bestandsaufnahme zum Jahresende sich selbst mit ein. Was mögen Sie an sich? Sind Sie hilfsbereit, großzügig, charmant, stilsicher? Können Sie gut planen oder andere zum Lachen bringen? Haben Sie schöne Haare? Es gibt 99 gute Gründe, gut über sich selbst zu denken. Und das noch in diesem Jahr. Das tut nicht nur Ihnen gut, sondern auch Ihrer Ausstrahlung auf andere. Ebenfalls sinnvoll: Andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Doch es reicht nicht, wenn wir uns selbst nicht mit einschließen. Wollen Sie sich etwas besonders Gutes tun, dann stellen Sie sich nach Ihrer positiven Bestandsaufnahme noch unbekleidet vor den Spiegel. Schauen Sie sich in die Augen und sagen Sie sich: „Schön, dass es dich gibt!“. Ihre Seele wird sich freuen, und Sie starten mit guter Energie in ein neues Jahr.

Schön, dass es Sie gibt, liebe Leser. Denn ohne Sie gäbe es meine Kolumne in der SZ nicht; könnte ich nicht tun, was ich leidenschaftlich gern tue: schreiben. Schreiben und ein Feld positiver Gedanken schaffen. Weil wir alle davon profitieren, wenn jeder von uns großzügiger und wohlwollender mit sich selbst umgeht. Denn dann gehen wir positiver auf andere zu. Jeder, der dies liest und die Gedanken in Herz und Geist aufnimmt, wird damit andere anstecken. Je mehr Menschen in unserer an Schönheit so reichen Welt positiv unterwegs sind, desto mehr profitieren wir alle davon. Lassen Sie uns gemeinsam positive Kreisläufe schaffen, in denen wir gesund bleiben und uns wohlfühlen.

Ich wünsche uns allen ein neues Jahr voller Aufmerksamkeit für uns selbst, die Menschen neben uns und die vielen kostbaren Dinge, die unser Leben ausmachen.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Annette Vlatschkov

    Ich lese die Beiträge von Frau Bürgel regelmäßig und sie begeistern mich immer wieder. Auch wenn man denkt, das ist ja alles nichts neues, muss man sich immer wieder hinterfragen, wie gehe ich mit meinen Mitmenschen und mir selber um. Sich ab und zu das vor Augen zu führen, hilft das Leben besser zu machen. Vielen Dank Frau Bürgel.

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