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Freitag, 14.09.2018

Schlechte Zeiten für Pilzsammler

Im Herbst zieht es Pilzfreunde nach draußen. Im Wald und auf Wiesen lassen sich allerlei Köstlichkeiten finden - normalerweise. In diesem Jahr könnte die Ausbeute aber mager ausfallen.

Von Irena Güttel

Ein Pilzsammler hält Steinpilze, Pfifferlinge und Maronen in seinen Händen (Symbolfoto).
Ein Pilzsammler hält Steinpilze, Pfifferlinge und Maronen in seinen Händen (Symbolfoto).

© Peter Endig/dpa

Bremen. Für Pilzsammler ist dieser Sommer alles andere als super. Jens Karius geht in die Pilze, seit er ein Kind ist. Doch so eine schlechte Saison hat der 47-Jährige aus Weyhe in der Nähe von Bremen bisher noch nie erlebt. „Die Sommerpilze sind komplett ausgefallen“, sagt er. Selbst in seinem Urlaub in Schweden, wo die Pilze normalerweise üppig wachsen, hatte er kein Glück. Schuld daran ist die Trockenheit in diesem Sommer. Denn das mögen die meisten Pilze überhaupt nicht.

„Im Augenblick ist noch relativ wenig zu holen“, bestätigt Marco Thines, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mykologie. Diese kann auf das geballte Wissen von Wissenschaftlern, Hobbyforschern, Züchtern und Naturschützern zurückgreifen. „Lokal sind die Unterschiede riesig“, sagt Thines. „Aber für Gesamtdeutschland würde ich ein eher schlechtes Pilzjahr erwarten.“ Sollte es in den nächsten Wochen jedoch ordentlich regnen, könne sich das noch ändern.

Müssen sich Pilzsammler angesichts des Klimawandels häufiger auf schlechte Jahre einstellen? Das können Fachleute nicht definitiv beantworten. „Man stellt fest, dass manche Pilze früher als sonst im Jahr auftreten und dass wärmeliebende Arten häufiger vorkommen“, sagt Thines. „Im Moment sind das Trends.“ Es fehle aber an Studien, die das statistisch auswerten. Der Grund: Wo welche Pilze wachsen, melden nur einige Dutzend ehrenamtliche Helfer. Deshalb ist die Datenbasis mager.

Etwa 9 000 Großpilze sind in Deutschland bekannt. 6 000 hat das Bundesamt für Naturschutz auf ihre Gefährdung hin untersucht. Ein Viertel davon steht demnach auf der Roten Liste, gilt also als mehr oder weniger stark gefährdet. Ein weitere Viertel gilt als ungefährdet. Bei den übrigen Arten können Experten keine genaue Einschätzung abgeben, da nicht genug Daten vorliegen. „Es gibt Pilzarten, die waren früher weit verbreitet und sind jetzt kaum noch zu finden“, sagt Thines. Von den Großpilzen seien zwar nur etwa 100 als Speisepilz bedeutend, doch auch sie würden Lebensräume verlieren.

Ein Beispiel ist der Wiesenchampignon, dem die intensive Landwirtschaft zu schaffen macht. Durch Dünger und Autoabgase reichert sich Stickstoff in den Böden an, auf den die meisten Pilze empfindlich reagieren. „In Deutschland gibt es außerhalb der Nationalparks keine Wälder, die natürlich sind“, ergänzt Thines. Viele seltene Pilze gebe es nur dort, wo totes Holz herumliege.

Das ist nicht nur eine schlechte Nachricht für Pilzfreunde, sondern auch für Ökosysteme wie den Wald. Denn Pilze spielen darin eine herausragende Rolle. Sie sind die einzigen Organismen, die tote Baumstämme in wenigen Jahren zersetzen können. Zudem versorgen sie mit ihrem unterirdischen Geflecht Bäume und Kräuter mit Nährstoffen und Wasser. Überdies leben sie in Symbiose mit vielen Pflanzen und Tieren - sie helfen Kühen zum Beispiel dabei, Gras zu verdauen. Ohne sie wäre Getreide- oder Obstanbau kaum möglich, Medikamente wie Antibiotika, Brot und Wein könnten nicht hergestellt werden.

Deshalb können sich Wissenschaftler wie der Evolutionsbiologe Thines von der Universität Frankfurt und der Freizeit-Pilzkenner Karius gleichermaßen für die vielfältigen Organismen begeistern. „Ich esse Pilze nicht nur gern“, sagt Karius. „Sie sind auch wunderschön.“ Seit einem Jahr ist er geprüfter Pilzsachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie. Er bietet in diesem Jahr erstmals Pilzwanderungen an und berät Sammler, die sich unsicher mit gefundenen Pilzen sind.

In den Wald gehen und Pilze sammeln - daran haben inzwischen wieder mehr Menschen Spaß. Bei der Deutschen Gesellschaft für Mykologie zeigt sich das in der steigenden Zahl von Pilzsachverständigen. Doch auch Laien zieht es in die Pilze. Allerlei Bestimmungs-Apps für das Smartphone machen die Suche heute vermeintlich leichter. Doch Pilzkenner Karius hält davon wenig. „Ich finde das riskant. Gerade bei Pilzen, wo die Gefahr besteht, dass man sich vergiftet“, sagt er. „Manche Pilze sind nur mit dem Mikroskop voneinander zu unterscheiden.“

Wolfgang Prüfert hat für die Deutsche Gesellschaft für Mykologie bereits 2015 einige Apps getestet. Sein Urteil: Pilzsammler, die bei der Suche nur auf eine App vertrauten, spielen mit ihrem Leben. Seitdem sind zwar weitere Apps auf den Markt gekommen, unter ihnen sieht Prüfert aber keine bahnbrechende Neuerung. „Anfänger sollten komplett die Finger von Apps lassen“, lautet deshalb seine Empfehlung. (dpa)

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