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Mittwoch, 14.03.2018

Ärzte fordern Antibiotika-Test

Bei Erkältung bekommt jeder Vierte Antibiotika. Pneumologen beraten ab heute in Dresden, wie das zu ändern ist.

Von Stephanie Wesely

Schwierige Suche nach dem wirksamen Antibiotikum: Dort, wo sich ein Hof um das Mittel bildet, wurden die Bakterien getötet – bei den anderen nicht. Solche Resistenzen werden immer mehr zum Problem.
Schwierige Suche nach dem wirksamen Antibiotikum: Dort, wo sich ein Hof um das Mittel bildet, wurden die Bakterien getötet – bei den anderen nicht. Solche Resistenzen werden immer mehr zum Problem.

© Mauritius Images

Weit über 40 000 Menschen sind in dieser Saison bereits an einer Virusgrippe erkrankt. Für alle gilt: Ein wirksames Influenza-Medikament gibt es nicht, nur die Symptome lassen sich behandeln. Darüber hinaus erhielten und erhalten viele Patienten aber auch noch Antibiotika, obwohl diese Medikamente nur gegen Bakterien wirken. Gegen Viren können sie nichts ausrichten, erklärt Professor Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene in Jena.

„Die Symptome der Grippe sind so unspezifisch, dass sie auch auf eine Lungenentzündung hinweisen könnten – eine gefürchtete und oft tödliche Komplikation.“ Deshalb gingen Hausärzte oft auf Nummer sicher und verordneten Antibiotika. „Bei einer Lungenentzündung ist das zwar richtig“, sagt er. „Für die überwiegende Zahl der Erkrankten aber nicht. Sie werden nur unnötigen Nebenwirkungen ausgesetzt.“ Mehr noch: Auch Antibiotikaresistenzen nehmen zu. Bereits jetzt stehen gegen eine Reihe von schweren Infektionen kaum noch wirksame Antibiotika zur Verfügung. Der Infektiologe setzt sich deshalb dafür ein, dass Hausärzte Tests durchführen können, mit denen sie ermitteln, ob die Infektion von Bakterien oder Viren verursacht wurde. Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, der heute in Dresden beginnt, wird er seine Vorschläge zur Antibiotikaeinsparung vortragen und mit den Fachärzten diskutieren.

„Es gibt einen sehr gut untersuchten Entzündungswert, der helfen kann, Virusinfektionen von einer bakteriellen Pneumonie zu unterscheiden.“ Viele Notaufnahmen nutzten diesen Test bereits. „So etwas brauchen wir auch für die Hausarztpraxis“, sagt Pletz. Pro Untersuchung fielen etwa zehn Euro Laborkosten an. Allein damit ließen sich nach Studienlage fast die Hälfte aller Antibiotika, die im ambulanten Bereich für Atemwegsinfektionen verordnet werden, einsparen, ohne die Patienten zu gefährden. Da im ambulanten Bereich 85 Prozent aller Antibiotika verordnet werden, führe an einem Schnelltest in Hausarztpraxen aus seiner Sicht kein Weg vorbei. Die Kosten müssten die Krankenkassen übernehmen, da auch sie von der Antibiotikaeinsparung profitierten.

Verbrauch steigt weiter

Einer Erhebung der Techniker Krankenkasse (TK) zufolge ist der Antibiotikaverbrauch bei ihren Versicherten in Sachsen bereits leicht zurückgegangen. Bekam im Jahr 2014 fast jeder dritte Versicherte mit Erkältungssymptomen ein Antibiotikum, war es 2016 nur noch knapp jeder vierte.

Insgesamt ist der Verbrauch allerdings leicht gestiegen: Laut Kassenärztlicher Vereinigung Sachsen wurden im Jahr 2015 im ambulanten Bereich 13,6 Millionen definierte Tagesdosen abgerechnet, im Jahr darauf bereits 13,7 Millionen. Die definierte Tagesdosis ist ein statistisches Maß für den Arzneimittelverbrauch und bezeichnet die durchschnittliche Einnahmemenge Erwachsener.

Und wie ist die Situation in den sächsischen Krankenhäusern? Hier gebe es bei einigen Präparaten Zunahmen, bei anderen Abnahmen, sagt Jörg Förster, Sprecher des Sächsischen Sozialministeriums. In der Gesamtheit sei der Verbrauch stabil. Anders in der Uniklinik Dresden, die laut Medizinischem Vorstand, Professor Michael Albrecht, seit 2013 den Antibiotikaverbrauch um 20 Prozent reduziert hat. Beispielsweise sei die massive Antibiotikagabe nach Operationen eingestellt worden; die Mittel gebe es nur einmalig vor der OP. Die Infektionszahlen seien trotzdem auf einem niedrigen Niveau geblieben.

Nicht nur die Menge der Antibiotika hat Einfluss auf die Resistenzentwicklung, sondern auch die Art des Medikaments. Sogenannte Breitbandantibiotika, die gegen viele Bakterienarten gleichzeitig wirken, haben ein höheres Resistenzrisiko als Mittel, die nur einen speziellen Keim ausschalten. Solche Breitband- und Reserveantibiotika machen aber mehr als die Hälfte der Verordnungen im ambulanten Bereich aus, wie das Sozialministerium ermittelte.

Der Verband der Ersatzkassen hat deshalb Mitte 2017 das Projekt „Resist“ ins Leben gerufen, an dem sich auch Sachsen beteiligt. Speziell geschulte Kinder- und Hausärzte beraten hier Patienten in der Antibiotikaanwendung. Auch Ärzte werden weitergebildet, um die Patienten mit den richtigen Antibiotika behandeln zu können. Reserveantibiotika sollten unbedingt auf schwere Infektionen, gegen die nichts anderes mehr hilft, begrenzt bleiben.

Auch die Patienten selbst können viel dazu beitragen, dass der Antibiotikaverbrauch reduziert und eine Resistenzbildung vermieden wird, sagt Professor Pletz. So könne eine höhere Impfbeteiligung die Zahl der Grippekranken und damit auch der Patienten mit Lungenentzündung senken. So reduzierten sich automatisch die Antibiotikaverordnungen und in Folge dessen die Resistenzentwicklungen.

Wie bei jedem Medikament gelte auch für Antibiotika, die Mittel nach ärztlichem Rat anzuwenden. Entgegen bisheriger Empfehlungen müssten Antibiotika nicht immer bis zum Ende der Packung eingenommen werden. Oft reiche auch eine verkürzte Anwendung – bei Lungenentzündung sind fünf bis sieben Tage ausreichend. Dies müsse mit dem Arzt besprochen werden. „Übrige Medikamente sind aber zu entsorgen. Sie dürfen nicht in Eigenregie wiederverwendet werden“, betont Pletz.

Das alles löse die Probleme aber nicht auf Dauer. „Es sind dringend neue Substanzen nötig, und dafür braucht die Industrie Anreize“, sagt Mathias Pletz. Die Antibiotikaforschung lohne sich für sie nicht. „Die Firmen schießen Milliarden vor, doch nach Ablauf des Patentschutzes werden die Mittel billig verkauft.“ Die USA hätten bereits den Patentschutz verlängert. Europa unterstütze die Forschung mit Fördergeld. Wege aus dem Dilemma werden Thema des Kongresses sein.

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