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Donnerstag, 13.09.2018

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

SPD-Politiker Homann will wissen, ob sich die Kinderbetreuung verbessert hat. Die Basis sagt ja – aber es reicht noch nicht.

Von Verena Toth

Die Kinderbetreuung soll mit zusätzlichen Millionen vom Land besser werden. Doch Wunsch und Wirklichkeit klaffen dabei oft noch weit auseinander.
Die Kinderbetreuung soll mit zusätzlichen Millionen vom Land besser werden. Doch Wunsch und Wirklichkeit klaffen dabei oft noch weit auseinander.

© Monika Skolimowska/dpa

Landkreis. Die Kinderbetreuung in den sächsischen Einrichtungen soll sich schrittweise verbessern. Mit dieser Forderung und einem Stufenplan hatten sich die Soziademokraten im Koalitionsvertrag vor vier Jahren durchgesetzt. Die letzte Stufe, die weitere Herabsetzung des Betreuungsschlüssels in der Kinderkrippe auf 1:5, ist in diesem Monat in Kraft getreten. Die Landesregierung stellt also mehr Geld für die Betreuung von Kindern in Kita und Krippe bereit. Mehr als 2000 zusätzliche Erzieherstellen sollen geschaffen werden, rund 726 Millionen Euro zusätzlich in die frühkindliche Bildung fließen.

Ob und wie das millionenschwere Investitionspaket nun tatsächlich in den Kindereinrichtungen der mittelsächsischen Region ankommt, wollte der SPD-Landtagsabgeordnete Henning Homann an der Basis herausfinden und hatte zu einer Gesprächsrunde eingeladen. Nur ein kleiner Kreis von Vertretern verschiedener Kindereinrichtungen hatte sich am Dienstagabend im Bürgerbüro des SPD-Politikers eingefunden. Zu diskutieren gab es dennoch viel. Dazu eingeladen hatte Homann die familienpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag, Juliane Pfeil-Zabel. Reichlich Aufklärungs- und Gesprächsbedarf hatten die Gäste vor allem in den Schwerpunkten, die die tägliche Arbeit beeinflussen.

Betreuungsschlüssel auf dem Papier ist fast nie realistisch.

Was auf dem Papier steht, ist nicht das, was letztlich tatsächlich in den Kindereinrichtungen passiert. So ist auch der seit 2016 gültige Schlüssel von 1:12 im Kindergarten fast nie zu erreichen. Zu dieser Erkenntnis waren Einrichtungsleiterinnen und Erzieher längst gekommen. Eingerechnet sind dabei ebenfalls nicht Personalausfälle durch Urlaub, Krankheit und Weiterbildung. Weil fast kein Erzieher tatsächlich Vollzeit arbeitet, müssen zudem komplizierte Berechnungen angestellt werden, um genau herauszufinden, wie sich die neuen Schlüssel auf das Personal auswirkt. Dennoch sei jede Verbesserung, die mit mehr Mitteln für mehr Personal geschaffen werden könne, wichtig und richtig. Darin war sich die Diskussionsrunde einig. Und auch die für nächstes Jahr geplante Einführung der Vor- und Nachbereitungszeit soll einen positiven Effekt auf die Personaldecke haben.

Beitragsfreiheit sollte in der Hortbetreuung beginnen.

Etwa 360 Millionen Euro würde es den Freistaat Sachsen zusätzlich kosten, wenn alle Eltern von den Beiträgen für die Betreuung ihrer Kinder in Krippe, Kita und Hort befreit würden. Das sei wünschenswert, aber: „Für einen solchen Schritt benötigen wir Mehrheiten im Landesparlament“, machte die familienpolitische Sprecherin deutlich. Befürworten würde sie eine schrittweise Einführung der Beitragsfreiheit. „Beginnen wollen wir damit zunächst im Hort. Wir möchten die Hortbetreuung in die Ganztagsschule integrieren“, so die Sozialdemokratin. Eine Beitragsfreiheit im Krippen- und Kitabereich würde derzeit die Kapazitäten vollkommen überfordern, so Juliane Pfeil-Zabel.

Erzieherausbildung muss flexibler gestaltet werden.

Die Verbesserung des Betreuungsschlüssels ist nur möglich, wenn die zusätzlich geschaffenen Stellen auch tatsächlich besetzt werden können. Dazu werden gut ausgebildete Fachkräfte gebraucht. Doch die Ausbildungsdauer von insgesamt fünf Jahren, in der die angehenden Erzieher kein Ausbildungsgehalt erhalten, sehen die Praktiker kritisch. „Viel flexibler und attraktiver muss die Ausbildung werden“, forderten die Vertreter der Kindereinrichtungen. Vor allem die vorgeschaltete zweijährige Ausbildung zum Sozialassistenten empfänden die künftigen Pädagogen oft als Zeitverschwendung. „Besser wäre es, die berufsbegleitende Ausbildung zu verstärken. So können die angehenden Erzieher auch mehr Praxiserfahrung sammeln“, so der Vorschlag. Auch für die Möglichkeit einer Spezialisierung in Richtung Kinderbetreuung oder Jugendarbeit setzen sich die Fachleute ein.

Höhere Landeszuschüsse sollen den Kommunen helfen.

Für die Kommunen, die die dritte Säule der Finanzierung von Kinderbetreuungsplätzen darstellen, sollen sich ebenfalls die Verbesserungen schrittweise auswirken. Seit 2014, als der Landeszuschuss pro Kind noch 1 875 Euro betrug, wurde dieser Betrag Jahr für Jahr angehoben. Aktuell liegt der Zuschuss bei 2 455 Euro und soll im nächsten Jahr auf 3 025 Euro steigen. „Diese Erhöhung war längst überfällig. Aber wir wissen auch, dass das lediglich ein Ausgleich für die versäumten Jahre ist“, so die SPD-Sprecherin.

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