• Einstellungen
Donnerstag, 08.11.2018

World Trade Center statt Ferdinandplatz?

Die Kritik am geplanten Neubau eines Verwaltungszentrums wächst. Jetzt bietet das WTC der Stadt seine Räume an.

Von Andreas Weller

25

Das WTC an der Ammonstraße (l) sucht Nachmieter für die Drewag. Da käme die Stadt mit 1600 Mitarbeitern, die eigentlich an den Ferdinandplatz in einen nicht unumstrittenen Neubau (r) ziehen sollen, gerade recht. Der WTC-Chef hat ein Angebot gemacht.
Das WTC an der Ammonstraße (l) sucht Nachmieter für die Drewag. Da käme die Stadt mit 1 600 Mitarbeitern, die eigentlich an den Ferdinandplatz in einen nicht unumstrittenen Neubau (r) ziehen sollen, gerade recht. Der WTC-Chef hat ein Angebot gemacht.

© Marion Doering / Barcode Architekten

Ein modernes Verwaltungszentrum mit Platz für 1 600 Mitarbeiter, offen und gut erreichbar für Bürger – so lautet die Vision vom neuen Verwaltungszentrum am Ferdinandplatz. Doch bereits bei den Grundlagen kommt das Projekt ins Stocken. Ein kleines Grundstück auf dem derzeitigen Parkplatz müsste angekauft werden. Es gehört einem Privatmann, der eine horrende Summe dafür fordert. Der Stadtrat muss über diesen Ankauf entscheiden, und es regt sich Widerstand dagegen.

Deswegen und wegen weiterer Unklarheiten droht Zeitverzug. Zeit hat die Stadtverwaltung keine. 2024 soll der Bau fertig sein, denn dann laufen andere Mietverträge aus. Derzeit ist die Verwaltung auf 56 Standorte quer über das Stadtgebiet verteilt. Die meisten Gebäude sind gemietet. Dafür zahlt die Stadt knapp 5,7 Millionen Euro im Jahr. Künftig dürfte es eher mehr werden, da die Mieten allgemein steigen. Auch deshalb soll am Ferdinandplatz selber gebaut werden, um langfristig zu sparen. Der Bau ist mit 162 Millionen Euro geplant. Allerdings besteht laut Stadtverwaltung bereits jetzt ein Risiko von 40 Millionen Euro.

Mitten in die Diskussion platzt nun der Chef vom World Trade Center (WTC), Jürgen Rees, und macht der Stadt ein Angebot. In einem Brief an Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) schreibt Rees, der selber Ingenieur ist, von einer „nicht zu unterschätzenden Gefahr, dass sich die Fertigstellung des Verwaltungszentrums ganz erheblich verzögert“. Er warnt vor enormen Kostensteigerungen. Im WTC sei noch Platz. Rees könne die kompletten 1 600 Mitarbeiter, die für den Ferdinandplatz vorgesehen waren, unterbringen.

Gegenüber der SZ betont Rees: „Wir wollen das neue Verwaltungszentrum nicht blockieren, sondern der Stadt den Druck nehmen, jetzt um jeden Preis bauen zu müssen.“ Da die Drewag aus dem WTC komplett auszieht, wird dort Platz. Die Stadtverwaltung könnte bis zu 35 000 Quadratmeter belegen. Der Bereich von Schmidt-Lamontain sitzt dort bereits seit Jahren zur Miete, soll an den Ferdinandplatz umziehen. 368 000 Euro Kaltmiete im Monat fordert Rees von der Stadt. Das sind 10,22 Euro pro Quadratmeter. „Dafür bekäme die Verwaltung Büros, die wie neu gebaute Büros wären“, so Rees. Auch Lagerflächen und 60 Tiefgaragenplätze sind mit drin. Der Eigentümer würde nach dem Bedarf der Verwaltung investieren.

Allerdings ist das Angebot nicht als kurze Zwischenlösung zu haben. „Damit es sich rechnet, müssen wir eine Mindestmietdauer von zehn Jahren fordern“, so Rees.“ Selbstverständlich könne die Verwaltung auch dauerhaft zur Miete ins WTC. Da hat Rees noch eine weitere Idee: Quasi gegenüber vom WTC, in einem Flachbau an der Freiberger Straße, sitzt der Sport-Eigenbetrieb der Stadt in einem eigenen Gebäude. „Dort könnte mit etwa 9 000 Quadratmetern ein kleines Verwaltungszentrum entstehen, das der Stadt gehört, und gegenüber, bei uns, die ganzen Ämter, die an den Ferdinandplatz sollen.“ Vorgesehen ist, dort die Bereiche Finanzen und Liegenschaften, Stadtentwicklung, Bau und Verkehr und Umwelt und Kommunalwirtschaft komplett unterzubringen.

„Je länger ich mich mit dem Projekt am Ferdinandplatz beschäftige, desto mehr Zweifel kommen mir“, sagt Linken-Stadtrat Tilo Wirtz. „Das Angebot WTC wird auf jeden Fall in unsere Überlegungen einbezogen, das Tempo aus dem Spiel zu nehmen und die Risiken zu minimieren.“ Unter Zeitdruck könne kein innovativer Anspruch hinsichtlich der Verwaltungsstruktur und auch noch als „grünes Vorzeigeprojekt“ geplant und gebaut werden. „Das muss gründlich durchdacht werden. Das geht sonst schief“, so Wirtz.

Auch SPD-Stadtrat Thomas Blümel sagt, dieses Angebot „gibt uns Spielräume“. Allerdings will er keinesfalls auf einen Neubau am Ferdinandplatz verzichten. Allerdings könne eventuell auf das geplante zweite Gebäude verzichtet werden. Blümel wolle das Projekt „qualifizieren“. „Also ganz klar ja zum Neubau, aber nicht einfach laufen lassen. Dann besteht die Gefahr, dass es ein Millionengrab wird.“ Stattdessen könnte die städtische WID auf der anderen Hälfte Sozialwohnungen bauen oder auch eine Kita für Mitarbeiter.

Die CDU will sich erst intern abstimmen, und auch die Verwaltung äußerte sich zunächst nicht. „Nur weil Haushaltsberatungen anstehen, auf diesen großen Topf zu schielen, ist keine Haltung“, so Grünen-Fraktionschef Thomas Löser. Der Rat habe sich klar für den Neubau entschieden, um die Verwaltung zu konzentrieren, bürgerfreundlicher zu sein, gute Arbeitsplätze zu bieten und sich die Miete zu sparen. „Das Projekt zu verbessern, ist legitim“, sagt Löser. „Aber wenn wir uns jetzt für zehn Jahre ans WTC binden, ist es gestorben.“

Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) ist skeptisch, was das Angebot anbetrifft, die 1600 Mitarbeiter im World Trade Center unterzubringen: „Dieses Angebot ist noch nicht bewertet. Die Stadt verfolgt mit dem neuen Verwaltungszentrum jedoch eine umfänglichere Vision zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, der Bürgernähe und des Dialogs, auch innerhalb der Verwaltung, als die bloße Unterbringung von Mitarbeitern. Dies wäre im WTC so nicht gegeben.“

Ob am Ferdinandplatz kleiner gebaut werden kann, werde derzeit mit dem Stadtrat und innerhalb der Verwaltung abgestimmt. Der Rat müsse auch entscheiden, ob das überteuerte, kleine Grundstück dort gekauft wird.

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Seite 1 von 5

Insgesamt 25 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Stromer

    Die Wortmeldung kommt natürlich total uneigennützig. *hüstel

  2. Michael H.

    60 Tiefgaragenstellplätze für 1600 Mitarbeiter? - Und alternativ in teuerster Lage Sozialwohnungen bauen?

  3. Frank Schnuppe

    Das World Trade Center ist um es hier einmal zu würdigen archtektonisch für die Stadt einmalig. Leider wurde es durch die provinzielle Haltung der Stadt nicht zu dem was sein Name beinhaltet . Es trifft sich hier nicht die Welt zum Handel (Büros internat.Firmen) Nun aber zu eigentlichen Thema sicher muß geprüft werden was auf lange Sicht teurer ist Miete oder eigene Gebäude. Es stellt sich aber auch die Frage bezüglich der Anzahl der Mitarbeiter 1600 .Brauchen wir überhaupt noch so viel bei der heutigen Technik die voranschreitet ,wo Bürger zukünftig vieles über Computer oder Smartphon regeln können oder werden.Hinzu kommt das auch noch genügend Bürokratie mit dem hohen Mitarbeiterbestand verbunden ist .Dem World Trade Center wäre es natürlich willkommen einen solchen Mieter zu bekommen. Der Auszug der Drewag lässt sich nicht so schnell kompensieren

  4. taigawolf

    Dass es am Ferdinandplatz auch um den Mehrwert geht, eine hässliche Großbrache zu beseitigen, wird bei der Diskussion immer unterschlagen. Wohnungen werden neben dem dortigen "Autobahnkreuz" nur begrenzt sinnvoll sein. Wahrscheinlich freuen sich einige Provinzpolitiker aber auch, wenn die Bebauung scheitert, schließlich bleiben dann die Unmengen geliebter Kfz-Stellplätze auf diesem zentral exponierten Platz erhalten, was mancher insgeheim für krönenden Abschluss und höchstes Ziel städtbaulicher Entwicklung in Dresden hält. Motto: Bloß keine Veränderung und Hauptsache, ich kann mein Blech abstellen.

  5. Dresdner

    Also jetzt greift man sich wirklich an den Kopf. Wieso spricht die Verwaltung und der zuständige BM Hr.Dr.Lames nicht mit den städtischen Betrieben/Versorgern? Wie kann sowas sein, dass der Umzug und damit freiwerdende Platz dort nicht bekannt ist und man unbedingt was teures neues bauen muss? Also mit Verlaub, das ist ja wohl ein Armutszeugnis für Stadt und verantwortlichen BM. Zumal die Lösung in vielen Aspekten besser und vor allem nicht so teuer wie der Neubau ist. Die super Verkehrslage spricht auch dafür mit SBahn Station und zwei Straßenbahnhaltestellen. Am Ferdinandplatz ist doch der Verkehrskollaps vorprogrammiert. Und im WTC gibts ja schon Stadtämter so kann man dort auch alles zusammenziehen.Und kleiner Erweiterungsbau auf einem stadteigenen Grundstück wäre viel kostensparender. Also da sollten die Stadträte wirklich nochmal überlegen und unter den neuen Rahmenbedingungen die richtige Entscheid treffen! Zumal wär dann Geld für andere Dinge frei, wie für Umsetzung Radkonzept.

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 5

Ihr Kommentar zum Artikel

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Verbleibende Zeichen: 1000
Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein
Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Datenschutz.