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Donnerstag, 26.07.2018

„Wir müssen die Anpassung an den Klimawandel ernster nehmen“

Von Bernhard Müller

Prof. Bernhard Müller (66) ist Direktor des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung in Dresden und Leiter des Lehrstuhls für Raumentwicklung an der TU Dresden.
Prof. Bernhard Müller (66) ist Direktor des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung in Dresden und Leiter des Lehrstuhls für Raumentwicklung an der TU Dresden.

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Hat sich seit der Hitzewelle von 2003 etwas in Sachsen getan, was Vorkehrungen und Schutz betrifft?

Wären wir heute besser dran?

Seit der Hitzewelle 2003 hat sich in Deutschland und auch in Sachsen viel getan. Fragen des Klimawandels haben einen wesentlich größeren Stellenwert erhalten als früher. In der sogenannten Modellregion hat eine Vielzahl von Akteuren aus dem Bereich der öffentlichen Verwaltung, der Wirtschaft und der Wissenschaft unter Leitung meines Instituts an der Erarbeitung einer regionalen Anpassungsstrategie an den Klimawandel mitgewirkt. Allerdings war es inzwischen wieder recht still geworden. Die Vorschläge, die gerade auch mit Blick auf Hitze und Stadtentwicklung und unter Berücksichtigung besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen erarbeitet wurden, wurden nur schleppend, wenn überhaupt, umgesetzt. Hier hätte man mehr tun können. Grün in der Stadt und Bereiche, die Schatten bieten, sind wichtig. Sie tragen auch zur besseren nächtlichen Auskühlung bei. Klimatisierte Räume haben an heißen Tagen besondere Bedeutung, gerade für Kinder und ältere Menschen. Warum bietet man älteren Menschen und Kindern an solchen Tagen nicht zum Beispiel kostenlosen Eintritt in Museen an? Das wäre ein wichtiger Beitrag zum Klimawandel. Warum fördert man Gemeinschaftsgärten nicht in noch stärkerem Ausmaß? Sie bieten nicht nur Grünflächen, sondern auch Gemeinschaft im Wohnquartier – und ein Wissen voneinander, das im Fall von Alter oder Krankheit der Nachbarin oder des Nachbarn lebensrettend sein kann.

Warum sind hier 35 Grad ein Problem und in einer Region wie Süditalien anscheinend nicht?

35 Grad im Schatten sind auch in Süditalien ein Problem, nicht nur für Urlauber, die es jedes Jahr ausgerechnet in der heißesten Jahreszeit in den Süden zieht. Aber es geht dabei natürlich um unsere Gewohnheiten. Wir trinken nicht genug, wir kühlen unseren Körper nicht regelmäßig und ausreichend. Das ist insbesondere bei Kranken und älteren Menschen ein Problem. Deshalb sind sie besonders anfällig. Die Gesundheits- und Verhaltenshinweise auf www.gesunde.sachsen.de, Tipps bei Hitze, oder auch in einzelnen Hitzeaktionsplänen auf regionaler bzw. lokaler Ebene sind richtig und wichtig, verfehlen aber wahrscheinlich ihre Wirkung. Erstens: Wer liest und befolgt sie? Und zweitens: Der Staat und die Kommunen können und müssen mehr tun, als an die Eigenverantwortung von Bürgerinnen und Bürgern zu appellieren. Sie müssen für den Notfall gerüstet sein und ausreichend Vorsorge treffen, zum Beispiel indem sie Vorschläge zur Anpassung an den Klimawandel ernst nehmen. Und zwar mit Blick auf alle Extremereignisse, nicht nur auf Hochwasser.

Wie wichtig ist Stadtumbau, oder reichen nicht auch Hitzeaktionspläne, wie vom Bundesinnenministerium gefordert?

Hier geht es nicht um das eine oder das andere. Beides ist wichtig. Das ehemalige Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit hat im März 2017 auf der Grundlage der Arbeit einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit vorgelegt. Die Empfehlungen sind umfassend. Und darin wird auch beschrieben, was im Hinblick auf die langfristige Stadtplanung und das Bauwesen zu tun ist, sowohl im Hinblick auf gebäudebezogene Maßnahmen als auch im Hinblick auf die Stadt- und Bauplanung. Geschehen ist bisher wenig. Wir müssen unsere Städte umbauen. Wir müssen für mehr Lebensqualität gerade auch bei Extremereignissen wie Hitzewellen sorgen. Aber wie soll das gelingen, wenn wir – wie in Sachsen vor einigen Jahren unter dem Motto der Vereinfachung des Umweltrechts – das Fällen von Bäumen erleichtern, lokale Baumschutzsatzungen außer Kraft setzen und mittlerweile vielerorts einen nicht unerheblichen Verlust von Bäumen beklagen müssen? Praktische Anpassung an den Klimawandel und Vorsorge vor Hitze muss anders aussehen! Und auch im „Aktionsplan Klima und Energie des Freistaats Sachsen“ verdient das Wort „Hitze“, mehr als dreimal erwähnt zu werden.

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