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Dienstag, 10.07.2018

Sonnencremes können Meerestieren schaden

Von Gisela Gross undChristina Horsten

Michael Koenigs verkauft auf einem Markt in Honolulu selbst hergestellte Sonnencreme. Foto: dpa/Christina Horsten
Michael Koenigs verkauft auf einem Markt in Honolulu selbst hergestellte Sonnencreme. Foto: dpa/Christina Horsten

© dpa

Auf einem Bauernmarkt in Honolulu verkauft Michael Koenigs selbst hergestellte Sonnencreme. „Wir müssen uns und unsere Familien vor der Sonne schützen – aber wir müssen auch unsere Meere und Korallenriffe schützen“, sagt der dreifache Familienvater. Seine in silbernen Tiegeln verpackte Paste ist deutlich teurer und dickflüssiger als handelsübliche Sonnencreme und zieht deutlich langsamer in die Haut ein – aber sie besteht dafür aus natürlichen Zutaten wie Kokosöl, Macadamianussöl und Sheabutter.

„Wir müssen die Menschen aufklären“, sagt Koenigs, der mit seiner Frau und den Kindern viel Zeit am Strand und im Meer verbringt. „Die Chemikalien in den normalen Sonnencremes machen unsere Riffe kaputt.“ Mit dem Thema werden viele Hawaii-Besucher neuerdings schon bei der Anreise im Flugzeug konfrontiert: Jeder Passagier bekommt bei Hawaiian Airlines ein kleines Tütchen „Riff-sichere“ Sonnencreme. Auch in einigen Hotels wie dem „Surfjack“ nahe dem weltberühmten Waikiki-Strand hängen Spender mit Sonnencreme – ebenfalls angeblich „Riff-sicher“.

Jahrelang haben Sonnencreme-Hersteller Koenigs und viele Mitstreiter versucht, auf die Dringlichkeit des Problems aufmerksam zu machen – bis das Parlament sie schließlich erhörte: Als erster US-Bundesstaat verabschiedete Hawaii Anfang Mai ein Gesetz, das den Verkauf von Sonnencremes mit bestimmten Chemikalien darin verbietet, trotz des Widerstands mehrerer Sonnencreme-Hersteller. Am 1. Januar 2021 tritt es in Kraft.

Das Problem sehen Wissenschaftler vor allem in zwei Inhaltsstoffen: Octinoxat und Oxybenzon, beide in Hawaii nun verboten. Sie werden in vielen Sonnencremes als UV-Filter benutzt, sollen die Ultraviolettstrahlung der Sonne davon abhalten, die Haut des Menschen zu schädigen. „Diese Chemikalien sind inzwischen überall in der Natur zu finden, von der Arktis bis hin zu abgelegenen Korallenriffen im Südpazifik. Man findet sie in Delfinen, Eiern von Wildvögeln, vielen Fischen, die wir essen, und in Korallen“, sagt Forscher Craig Downs vom Haereticus-Labor in Virginia.

Mögliche Folgen der Chemikalien im Meer können demnach zum Beispiel Korallenbleiche oder Schäden am Erbgut von Fischen oder Korallen sein. „Auch andere Chemikalien in Sonnencremes können Schäden verursachen, aber die Forschung ist noch ziemlich jung und es ist noch nicht viel veröffentlicht worden.“ Natürlich sind die Chemikalien in Sonnencremes nicht die einzige Gefahr für Meere und Korallenriffe – aber Experten hoffen, dass dieses Problem sich einfacher in den Griff bekommen lässt als beispielsweise der Klimawandel und die Verschmutzung durch Abwässer oder Plastikmüll.

Auch in Deutschland sind UV-Filter aus Sonnencremes in Gewässern zu finden – zum Beispiel in der Ostsee, wie Messungen in Strandnähe 2015 ergeben haben. Es geht im Meerwasser um Konzentrationen im Nanogramm-Bereich, wie Kathrin Fisch vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde erläutert. „Ein Nanogramm pro Liter ist wie ein Salzkorn in einem Olympiaschwimmbecken.“ Auch das Umweltbundesamt (UBA) beschäftigt sich vorsorglich seit Jahren mit UV-Filtern. Hintergrund sind Erkenntnisse, dass einige der Stoffe hormonähnlich wirken, sich in der Umwelt und in Organismen anreichern und toxischen Stress auslösen können – mit unklaren Langzeitfolgen für Ökosysteme. „Die Konzentrationen an chemischen UV-Filtern, die in deutschen Gewässern gemessen werden, sind bisher noch so, dass kein Fisch akut lebensbedroht ist“, sagt UBA-Experte Jürgen Arning. Ein flächendeckendes Monitoring von Gewässern in Hinblick auf UV-Filter gebe es nicht.

3-Benzylidencampher ist ein Beispiel für einen UV-Filter, der in der EU aus Kosmetik verbannt wurde, weil durch die Hormon-Wirkung schädliche Folgen für Organismen in Gewässern angenommen werden. Zu den beiden auf Hawaii beanstandeten Substanzen gebe es noch keine endgültige Bewertung im Rahmen der europäischen Chemikalienverordnung, erklärt Arning. Für ihn ist der Fall Hawaii eine Ausnahme.

(dpa)

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