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Donnerstag, 26.07.2018

Rezepte gegen die Affenhitze

Der Mensch hat sich im Laufe seiner Evolution an hohe Temperaturen angepasst. Studien an Schimpansen zeigen, wie er das geschafft haben könnte.

Von Kerstin Viering

Die Hitze ist auch für Schimpansen am ehesten beim Baden erträglich.
Die Hitze ist auch für Schimpansen am ehesten beim Baden erträglich.

© MPG/Erin Wessling

Die Sonne brennt, die Temperaturen steigen von Stunde zu Stunde. Kein Lüftchen weht. Unerträglich. Irgendwie ist gerade jede Bewegung zu anstrengend, und das Hirn scheint auch nicht mehr so richtig zu funktionieren. Da legt man sich am besten erst mal in den Schatten und verdöst die Mittagshitze in einer ausgiebigen Siesta. Oder man stürzt sich in den nächsten Pool, dessen Wasser zumindest ein bisschen Abkühlung verspricht.

Es sind die typischen Ideen, auf die wärmegeplagte Mitteleuropäer in diesen Sommertagen kommen. Beobachtet aber haben Erin Wessling, Hjalmar Kühl und ihre Kollegen diese Szenen nicht bei menschlichen Sommerurlaubern, sondern bei Schimpansen. Auch unsere nächsten Verwandten kennen offenbar etliche Strategien, um der Hitze ein Schnippchen zu schlagen. Das ist für die Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig hochinteressant. Denn sie wollen herausfinden, wie der Mensch eine der größten Herausforderungen seiner Evolution gemeistert hat: den Übergang vom schattigen, feuchten Regenwald in die Hitze und Trockenheit der Savanne.

In die heißen Savannen vorgewagt

In diesem neuen Lebensraum waren auch neue Strategien und Anpassungen gefragt. Nur wie sahen die aus? „Die Knochen und Werkzeuge, die von unseren frühen Vorfahren geblieben sind, verraten nur wenig über ihr Verhalten“, erklärt Hjalmar Kühl. Deshalb suchen er und seine Kollegen nach entsprechenden Indizien bei der noch lebenden Verwandtschaft.

Denn auch Schimpansen haben sich in einigen Regionen in die heißen und trockenen Savannen vorgewagt. Obwohl das Leben dort keineswegs ein entspanntes Sommervergnügen ist. Erin Wessling hat das am eigenen Leib erlebt. Die Forschungsstation Fongoli im Senegal, in der sie gearbeitet hat, liegt in einer solchen Savannenlandschaft mit eher schütterem Baumbewuchs. „Vor allem in der Trockenzeit kann das Wetter dort brutal sein“, sagt die Forscherin. Monatelang fällt dann kein Regen und die Temperaturen klettern auf 45 Grad Celsius. Wenn die Biologin zu dieser Jahreszeit dort unterwegs ist, um Schimpansen zu beobachten, braucht sie mindestens fünf Liter Wasser am Tag. Und sie muss ständig aufpassen, keinen Hitzschlag zu bekommen. Denn die besten Schattenplätze in den Galeriewäldern entlang der Flüsse sind meist schon von Schimpansen besetzt.

Auf die Gefahren der brennenden Sonne hat sich die Menschheit im Laufe der Jahrmillionen allerdings eingestellt. „Als unsere Ahnen die Wälder verließen, entwickelten sie eine ganze Reihe von anatomischen Anpassungen, um nicht zu überhitzen“, erklärt Erin Wessling. Sie legten sich zum Beispiel mehr Schweißdrüsen am ganzen Körper zu und verloren den größten Teil ihrer Behaarung. Sogar den aufrechten Gang interpretieren manche Anthropologen als Beitrag zum Hitzeschutz.

Die Schimpansen von Fongoli können auf solche anatomischen Tricks bisher nur in begrenztem Maße zurückgreifen – wenn überhaupt. So richten sie sich nur ab und zu auf zwei Beine auf und haben weniger Schweißdrüsen als Menschen. Ob sie weniger Haare haben als ihre Artgenossen im Wald, hat bisher niemand systematisch untersucht. Erin Wessling hält das aber für möglich: „Ihr Fell sieht auf den ersten Blick schon ein bisschen dünner aus.“

Viel auffälliger sind allerdings die speziellen Verhaltensweisen, mit denen die Fongoli-Schimpansen der größten Hitze zu entgehen versuchen. So verlegen sie einen guten Teil ihrer Aktivitäten in die Nacht und halten sich tagsüber gern in Höhlen auf. Und jeder kleine Quelltümpel entwickelt eine geradezu magische Anziehungskraft. Manchmal sitzen die Tiere stundenlang bis zur Brust in solchen Pools – und zwar in einer ganz ähnlichen Haltung, wie Menschen es auch tun würden. Das erste Baderecht haben dabei die erwachsenen Männchen, Weibchen und Jungtiere müssen warten, bis Platz für sie ist. Dann aber entwickeln die kleinen Schimpansen eine ähnliche Begeisterung für Wasserspiele wie ihre menschlichen Pendants – Sprünge und Planschen inklusive.

Was aber bringt das alles? Kommen die Savannen-Schimpansen tatsächlich besser mit Hitze zurecht als ihre Artgenossen im Wald? Um das herauszufinden, haben die Max-Planck-Forscher den körperlichen Zustand von Tieren in Fongoli und im Regenwald des Tai-Nationalparks an der Elfenbeinküste verglichen. In beiden Gebieten haben sie unter den Schlafnestern der Tiere Urin gesammelt und diesen auf verschiedene Biomarker untersucht.

Kreatinin zum Beispiel ist ein Nebenprodukt des Muskelstoffwechsels und zeigt an, wie gut der Körper mit Wasser versorgt ist. Hohe Kreatinin-Werte deuten auf einen hochkonzentrierten Urin und damit auf Wassermangel hin. Das sogenannte C-Peptid dagegen wird zusammen mit Insulin von der Bauchspeicheldrüse ausgeschüttet. Hohe Werte zeigen hier an, dass der Körper gut mit Energie versorgt ist. Als dritten Faktor haben die Forscher noch das Hormon Cortisol untersucht, das bei der Stressbewältigung zum Einsatz kommt.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Savanne zwar weniger zu fressen bietet als der Regenwald. Trotzdem können die Tiere in Fongoli ernsthaften Stress infolge von Nahrungsmangel vermeiden. „Sie haben offenbar schon Strategien entwickelt, um damit umzugehen“, sagt Erin Wessling. So fressen sie in kargen Zeiten neben Früchten auch Termiten, Blumen und Rinde.

Wohlfühlnische ziemlich klein

Ein viel größeres Problem aber haben sie trotz aller Abkühlungstricks mit Hitze und Wassermangel. So zeigen die Untersuchungen, dass die Savannenbewohner in der Trockenzeit massiv unter Stress stehen – und zwar deutlich stärker als ihre Kollegen im Regenwald. Zu ihrer Überraschung haben die Forscher allerdings festgestellt, dass auch die Tai-Schimpansen zu manchen Jahreszeiten stärker gestresst sind als zu anderen. „Das liegt wohl am Klimawandel“, vermutet Hjalmar Kühl. Immerhin fallen in Tai heute 500 Liter weniger Niederschlag pro Quadratmeter und Jahr als noch vor 40 Jahren. Es gibt dort inzwischen eine ausgeprägte Trockenzeit. Trockenstress ist also auch für Regenwald-Schimpansen kein Fremdwort mehr.

Sowohl in der Savanne als auch im Wald könnten die Tiere daher Probleme mit dem rasant fortschreitenden Klimawandel bekommen. Ob sie auf diese Herausforderung rechtzeitig mit neuen Anpassungen reagieren können, ist fraglich. „Wir Menschen hatten dazu ja Millionen von Jahren Zeit“, gibt Hjalmar Kühl zu bedenken. „Und trotzdem ist unsere Wohlfühlnische bis heute ziemlich klein.“ Als angenehm empfinden die meisten Menschen Temperaturen zwischen 15 und 25 Grad. Darüber und darunter schleicht sich nicht nur ein leichtes Unbehagen ein, auch die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit sinkt. „Was unsere Temperaturvorlieben angeht, sind wir erstaunlich konservativ“, sagt Hjalmar Kühl.

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