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Freitag, 04.05.2018

Maas und der tansanische Saurier

In deutschen Museen und Archiven lagern Tausende afrikanische Kulturobjekte aus der Kolonialzeit. Beim Besuch von Außenminister Maas in Tansania geht es auch um die Frage einer Rückgabe. Die Antwort seiner Gastgeber ist nicht selbstverständlich.

Von Michael Fischer

Das Skelett des Brachiosaurus brancai m Museum für Naturkunde in Berlin stammt aus dem heutigen Tansania.
Das Skelett des Brachiosaurus brancai m Museum für Naturkunde in Berlin stammt aus dem heutigen Tansania.

© Stephanie Pilick/dpa

Daressalam. Es ist der Star des Naturkundemuseums in Berlin. Das 13 Meter hohe Skelett eines Brachiosaurus im Lichthof eines der beliebtesten und traditionsreichsten Ausstellungshäuser der Hauptstadt ist in den vergangenen 80 Jahren von Millionen Besuchern bewundert worden. Bei den 150 Millionen Jahre alten Knochen handelt es sich um das größte montierte Dinosaurierskelett der Welt.

Nach Berlin geholt wurde es in den Jahren 1909 bis 1913 von einer Expedition Berliner Paläontologen. Sie hatten die Überreste des Kolosses am Tendaguru-Hügel im heutigen Tansania gefunden. Damals gehörte die Gegend zur größten afrikanischen Kolonie des deutschen Kaiserreichs: Deutsch-Ostafrika.

Vor zwei Jahren wurden in Tansania erstmals vereinzelt Forderungen nach der Rückgabe des Skeletts laut. Später kam der Ruf nach finanzieller Entschädigung für erlittenes Unrecht in der Kolonialzeit hinzu. Wieder nur von einzelnen Politikern und Gruppierungen.

Es war also nicht ganz ausgeschlossen, dass Außenminister Heiko Maas bei seiner ersten Afrika-Reise in der tansanischen Metropole Daressalam am Donnerstag und Freitag mit solchen oder ähnlichen Erwartungen konfrontiert wird. Als er in Daressalam auf seinen Counterpart Augustine Mahiga trifft, ist allerdings das Gegenteil der Fall.

Kulturgüter wie das Skelett in Berlin sieht der eher als Welterbe an. „Es gehört nicht nur Deutschland oder Tansania“, sagt er bei einer Pressekonferenz mit Maas. Außerdem würden die Deutschen ja gut mit den sterblichen Überresten des Urtiers umgehen. „Die deutschen Steuerzahler zahlen viel Geld, um es zu erhalten“, sagt er. Und der Rücktransport wäre eine „monumentale Aufgabe“. Viel besser wäre Tansania damit geholfen, wenn Deutschland gemeinsame archäologische Projekte fördere.

Und Entschädigung sonst so? Für Mahiga ist das insgesamt kein Thema. Die Kolonialzeit habe die „Grundlage für die Beziehungen und das Verständnis zwischen beiden Ländern gelegt“, sagt er. „Wir sollten nun die positive Seite dieser historischen Beziehungen sehen.“

Eine solche Haltung ist nicht selbstverständlich. Mit Namibia, dem früheren Deutsch-Südwestafrika, streitet die Bundesregierung seit Jahren um Entschädigung für den Völkermord an den Volksgruppen der Herero und Nama. Auch in Ostafrika gingen die Kolonialherren während des Maji-Maji-Aufstands zwischen 1905 und 1907 brutal gegen Rebellen vor. Tansania sieht die Kämpfe aber heute als kriegerische Auseinandersetzung und nicht als Massaker.

Maas bleibt in Daressalam eine Gratwanderung zwischen schwieriger Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsplanung also erspart. Er ist vor allem nach Tansania gekommen, um für Rechtsstaatlichkeit und Wirtschaftsreformen zu werben. Ganz ohne Referenz an die Kolonialgeschichte kommt er aber dennoch nicht aus.

Am Freitagfrüh steht er im strömendem Regen mitten in der Rush Hour auf einer kleinen Verkehrsinsel im Zentrum Daressalams und legt einen Kranz am Askari-Denkmal nieder. Die Bronzefigur auf einem steinernen Sockel zeigt einen der Tausenden Soldaten, die im Ersten Weltkrieg für das deutsche Kaiserreich gekämpft haben, mit Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett und mit Marschgepäck.

Die Deutschen bedienten sich der Einheimischen, um ihren Krieg gegen die belgischen, portugiesischen und britischen Kolonialmächte zu führen. Die deutschen Soldaten waren in der Schutztruppe klar in der Minderheit. Die Zahl der gefallenen afrikanischen Kämpfer auf beiden Seiten wird auf 50 000 geschätzt. Insgesamt geht die Zahl der Kriegstoten in Ostafrika in die Hunderttausende.

Auch wenn die Kolonialvergangenheit beim Maas-Besuch eine Randnotiz bleibt - das Thema Rückgabe von Kulturgütern ist so aktuell wie lange nicht mehr. Das liegt an einer Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, die er im November in Burkina Faso hielt. „Ich möchte, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre die Voraussetzungen für zeitweilige oder endgültige Rückgaben des afrikanisches Erbes an Afrika geschaffen werden“, sagte er - und entfachte damit eine Debatte, die auch in Deutschland geführt wird.

Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, regte kürzlich eine internationale Vereinbarung für den Umgang mit dem kolonialen Erbe in Museen und staatlichen Sammlungen an. „Ähnlich wie beim Umgang mit NS-Raubgut sollte die internationale Gemeinschaft gemeinsame, verpflichtende Prinzipien verabschieden. Entscheidend wäre, einen Konsens mit den Herkunftsländern zu erreichen“, sagte er der dpa.

Im Dezember wandte sich der Verein Berlin Postkolonial mit Unterstützung zahlreicher Initiativen in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und forderte die Rückgabe von Kunstobjekten und menschlichen Gebeinen. „Die Anzahl der afrikanischen Artefakte in den großen ethnologischen Museen Nordamerikas und Europas ist so hoch, dass über 90 Prozent aller Exponate noch nie gezeigt werden konnten“, heißt es darin. „Die Menge an menschlichen Gebeinen aus Afrika ist so groß, dass die Museen angeblich auch 100 Jahre nach ihrer Aneignung noch immer nicht ermitteln konnten, von wo und auf welche Art und Weise sie in die Sammlungen gelangt sind.“

Maas versprach in Tansania, gerade letzteres nicht aus den Augen zu verlieren. Bei seinem nächsten Gespräch mit seinem französischen Amtskollegen Jean-Yves Le Drian werde er das zum Thema machen. (dpa)

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