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Dienstag, 17.07.2018

Flucht ins Dunkel

Von Roland Knauer

Auch Biber reduzieren den ohnehin geringen Teil ihrer Aktivitäten im Hellen weiter. Foto: Laurent GeslinEuropean beaver (Castor fiber) in the city center of a big town in France.
Auch Biber reduzieren den ohnehin geringen Teil ihrer Aktivitäten im Hellen weiter. Foto: Laurent Geslin

© ©Geslin Laurent

In der Natur Menschen aus dem Weg zugehen, fällt vielen Tieren immer schwerer, weil ihnen häufig der Platz fürs Ausweichen fehlt. Drücken die Zweibeiner doch inzwischen drei Vierteln des festen Landes der Erde ihren Stempel auf und gelten gleichzeitig als gefährliche Jäger, die selbst vor einer vielfach größeren Beute als sie selbst nicht zurückschrecken. Diesen Feind wollen Elefant, Braunbär, Elch und andere zwar meiden, nur bleiben ihnen nicht viele Möglichkeiten für ein Leben ohne Menschen. Es sei denn, sie stellen ihren bisherigen Lebensrhythmus um und verlegen ihre Aktivitäten, vom Fressen bis zur Partnersuche oder der Versorgung des Nachwuchses, zunehmend vom Hellen in die Dämmerung und in die Nacht. In Zeiten also, in denen manche Gebiete praktisch menschenleer sind.

Diesen Verdacht hegten Biologen schon lange, jetzt bestätigen Kaitlyn Gaynor von der University of California in Berkeley und ihre US-amerikanischen Kollegen diese Theorie in der Zeitschrift Science. Die Forscher nutzten die Ergebnisse vieler Kollegen, die in 76 Untersuchungen das Verhalten von 62 Säugetier-Arten in Europa, Afrika, Asien, Australien, Nord- und Südamerika mithilfe von kleinen Sendern, Satellitenortung oder Kamerafallen unter die Lupe genommen hatten. In diesen Studien verglichen sie jeweils von Menschen stark beeinflusste Gebiete mit Gegenden, in denen die Zweibeiner nur sehr selten auftauchen. Der Unterschied zwischen diesen Flächen war enorm: Sind in einer Region Jäger, Jogger, Radfahrer, Wanderer, Familien mit Picknickkörben, Bauern oder andere Menschen häufig unterwegs, registrierten die Forscher zwanzig Prozent mehr nächtliche Aktivitäten bei den Tieren als in der eher unberührten Natur. Dabei ändern die Tiere ihr Verhalten normalerweise nicht radikal, sondern verschieben es oft nur ein wenig. So kürzen Tiere, die sonst am Tag und in der Nacht etwa gleich lange unterwegs sind, ihr Pensum im Hellen zum Beispiel um ein oder zwei Stunden und hängen diese Zeit in der Nacht wieder an

Opfer nächtlicher Räuber

Solche Änderungen sehen die Forscher bei sehr vielen der untersuchten Tierarten – vom fast vier Tonnen schweren Elefanten bis zur gut ein Kilogramm leichten Beutelratte. Dabei unterschieden die Tiere anscheinend kaum zwischen verschiedenen Menschen: Die eigentlich harmlosen Jogger störten sie jedenfalls ähnlich stark wie die viel gefährlicheren Jäger. Offensichtlich sehen die Tiere also in allen Menschen eine potenziell tödliche Gefahr, der sie aus dem Weg gehen, auch wenn die Zweibeiner gerade nur wandern. Auch wenn die Menschen inzwischen einen großen Teil der Erde für sich beanspruchen, bleibt also noch Platz für Tiere, die einfach in die Dunkelheit ausweichen, ziehen die Forscher eine erste Bilanz des veränderten Verhaltens. Dies zieht eine Reihe weiterer Anpassungen nach sich. Weichen zum Beispiel normalerweise am Tag aktive Raubtiere häufiger in die Nacht aus, könnte ihr Jagderfolg sinken, weil sie an die Dunkelheit weniger gut angepasst sind. Gleichzeitig steigt das Risiko für normalerweise meist nächtlich lebende Tiere. Diese könnten daher eventuell am Tag aktiver werden, sind an die Helligkeit aber schlechter angepasst.

Verlegen bisher tagsüber weidende Tiere Fressen und weitere Tätigkeiten in die Nacht, um Menschen auszuweichen, fallen sie möglicherweise nächtlichen Räubern leichter zum Opfer, vermutet Ana Benítez-López von der Radboud-Universität im niederländischen Nijmegen. Langfristig könnten solche Ausweichmanöver also einige Arten in Schwierigkeiten bringen und so das Ökosystem zusätzlich verändern.

Kaitlyn Gaynor und ihre Kollegen schlagen daher vor, in Schutzgebieten in Zukunft solches zeitliches Ausweichen zu verringern und Menschen nur zu bestimmten Tageszeiten in das Reservat zu lassen. Im Grunde gibt es solche zeitlichen Einschränkungen bereits, wenn Schutzgebiete zum Beispiel zur Brutzeit von Vögeln nicht betreten werden dürfen. Ähnliche Maßnahmen können in einer immer dichter von Menschen besiedelten Welt die Chancen für die frei lebenden Tiere verbessern, vermuten die Forscher.

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