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Dienstag, 13.03.2018

Eine Moorleiche wird lebendig

Lange war die Moorleiche „Bernie“ nur eine gruselige Attraktion. Dann entlockten Wissenschaftler ihr viele neue Erkenntnisse. Jetzt können Besucher „Bernie“ auch in die Augen schauen.

Von Irena Güttel

Torfstecher fanden Bernies Leiche 1907 zufällig im ostfriesischen Moor.
Torfstecher fanden Bernies Leiche 1907 zufällig im ostfriesischen Moor.

© dpa

Emden. Ruhig steht „Bernie“ da, einen Wanderstock in der Hand. Eine Tunika aus bunten Flicken schützt ihn vor Kälte. Wahrscheinlich liegt sein letztes Bad schon etwas länger zurück: Füße und Fingernägel sind schmutzig, im Gesicht wachsen Bartstoppeln. Sehr lebendig wirkt „Bernie“ auf Besucher. Dabei ist er schon 1200 Jahre tot.

Torfstecher fanden seine Leiche 1907 zufällig im ostfriesischen Moor. Für Wissenschaftler ist der „Mann von Bernuthsfeld“ - Spitzname „Bernie“ - eine Sensation. „Es ist der einzige Fund in Nordeuropa aus dem frühen Mittelalter, der so gut erhalten ist“, sagt der Hildesheimer Restaurator Jens Klocke. Er hat gemeinsam mit seiner Erlanger Kollegin Katrin Kania die Kleidung des Mannes nachgebildet.

Wie am Fundort liegt die Moorleiche im Ostfriesischen Landesmuseum in Emden in einer Vitrine: auf der Seite, die Beine etwas angezogen. Die Knochen sind dunkel verfärbt, im mit blondem Haar bewachsenen Schädel klafft ein großes Loch. Etlichen Schülern auf Klassenfahrt jagte der Anblick schon Schauer über den Rücken.

Von 2011 an wurde die Leiche zum Forschungsobjekt. „Bernie“ kam in die Rechtsmedizin, zur DNA-Analyse und zum Röntgen. „Diese Moorleiche erzählt uns viel über eine schriftarme Zeit“, erläutert Museumsdirektor Wolfgang Jahn. Besonders wertvoll für die Forscher ist, dass die Kleidung, eine Messerscheide und ein lederner Riemen die Jahrhunderte überdauerten. Sie liefern Erkenntnisse darüber, wie sich die Menschen zur Zeit von Karl dem Großen kleideten, aus welchen Materialien ihre Sachen waren und wie sie hergestellt wurden.

„Bernie“ trug eine Tunika, Wadenbinden um Füße und Unterschenkel, Mantel und Kapuze aus Schafswolle. Außerdem war er in ein großes Tuch gehüllt. Die in einer Vitrine ausgestellten Sachen haben verschiedene Brauntöne. „Wenn man Wolle im Moor vergräbt, verfärbt sie sich durch die Moorsäure“, sagt Kania. Bei Untersuchungen wurden Rückstände pflanzlicher Farbstoffe gefunden, die Kleidung bestand demnach ursprünglich aus gelben, grünen, braunen und blauen Stoffen.

Auffällig ist vor allem „Bernies“ Tunika - selbst für damalige Zeiten. „Sie ist aus ganz vielen Flicken zusammengesetzt“, sagt Kania. „Normalerweise hat man Tuniken aus großen Stoffstücken gefertigt.“ Über den Grund kann sie nur mutmaßen. „Vielleicht wollte er auffallen. Oder er konnte sich eine Tunika nicht leisten.“

Etwa 100 Stunden haben die beiden Restauratoren gebraucht, „Bernies“ Outfit nachzugestalten. Eine Schaufensterpuppe trägt es nun - und lässt die Moorleiche quasi lebendig werden. Kopf und Gesichtszüge wurden nach einer forensischen Analyse als 3D-Modell nachgebildet.

„Man bekommt ein anderes Bild“, meint Jahn. „Es ist eben nicht mehr nur das dunkle Mittelalter. Jetzt sieht man einen Typen, der heute Morgen sein Brot und seinen Apfel in Wachspapier gesteckt hat und auf Wanderschaft gegangenen ist.“ Ein Rätsel aber bleibt noch immer: Woran starb „Bernie“ und wer begrub ihn da draußen im Moor? (dpa)

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