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Montag, 30.04.2018

Ein Exot wird heimisch

Der Bauch ist türkis, die Kehle gelb, der Rücken orange: Bienenfresser fallen auf. Sie gehören zu den Exoten unter den europäischen Vögeln. In Deutschland nimmt der Bestand von Jahr zu Jahr zu.

Von Von Claudia Schülke

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Bienenfresser können mittlerweile auch in Deutschland beobachtet werden.
Bienenfresser können mittlerweile auch in Deutschland beobachtet werden.

© dpa

Merseburg. Vogelschützer freuen sich: Einer der schönsten Vögel fühlt sich immer wohler in Deutschland. Schon seit 1990 brüten Bienenfresser Jahr für Jahr am klimatisch begünstigten Kaiserstuhl in Baden-Württemberg und im Saaletal von Sachsen-Anhalt, seit 2006/07 auch in Rheinland-Pfalz zwischen Koblenz und Neustadt an der Weinstraße. Rund 2.500 Brutpaare sind es in Deutschland.

Im Mai kehren diese Exoten nach Deutschland zurück. Sie sind etwa amselgroß und bunt wie Papageien: türkisfarbener Bauch, gelbe Kehle, kastanienbrauner bis orangefarbener Rücken. Der Schnabel ist lang, dünn und gebogen - gut für Insektenfresser. Sie fangen die Tiere von einer Warte aus in der Luft und, zum Ärger der Imker, manchmal auch Bienen direkt am Stock. Deren Giftdrüsen drücken sie auf einem Zweig aus, bevor sie die Insekten an ihre Jungen verfüttern.

Es ist wärmer geworden in Deutschland, und das gefällt den farbenfrohen Vögeln aus der Familie der Spinte, die zur Ordnung der Rackenvögel gehört. Eigentlich sind sie im südöstlichen Europa, in Spanien und im nördlichen Afrika sowie im westlichen Asien bis zum Altaigebirge zu Hause. Von geschätzten zwei Millionen Brutpaaren weltweit beträgt der mitteleuropäische Bestand weniger als 42.000, von denen die meisten in Ungarn brüten.

„Wir müssen besser verstehen, wieso der Bienenfresser in seinem Bestand zunimmt, obwohl seine Nahrung, die Insekten, dramatisch einbricht“, erklärte Hans-Valentin Bastian, Sprecher der Fachgruppe „Bienenfresser“ der Deutschen Ornithologen Gesellschaft, in seinem Jahresbericht für 2017. Seit 1960 hat die Gesellschaft in ihrer Datenbank 444 Brutstandorte gespeichert.

Allein in Sachsen-Anhalt lebt im Regenschatten des Harzes gut die Hälfte der deutschen Population. „Schon 2016 waren es rund 1.000 Brutpaare“, sagt Ornithologe Martin Schulze. Bienenfresser nisten in tiefen Bruthöhlen, die sie in Steilwände von Kies- und anderen Gruben bauen - wie am Geiseltalsee, im Saalekreis westlich von Merseburg.

Dort hat der Braunkohletagebau Gruben mit Lößauflage hinterlassen, einer porösen, kalkhaltigen Schicht. „Warme, trockene Sommer und Lößböden wie hier und am Kaiserstuhl sind unerlässlich für eine erfolgreiche Brut“, erklärt Schulze.

Deshalb werden in Baden-Württemberg bei neuen Flurbereinigungsverfahren auch Kunstwände in Lößhängen geschaffen, wie Ornithologe Jürgen Rupp vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) am Südlichen Oberrhein berichtet. Allein am Kaiserstuhl brüteten voriges Jahr 496 Paare, am südlichen Oberrhein sogar mehr als 900. „Ein Rekord und eine Steigerung um gut 300 Paare gegenüber 2016“, sagt Rupp.

Eine gute Kommunikation mit den Grubeneigentümern und den Bergämtern ist dafür unerlässlich. Annette Leipelt vom NABU in Sachsen-Anhalt lobt die Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Geologie und den Kiesunternehmern. Seit den 90er Jahren habe sich die Zahl der Brutpaare verdoppelt. Schulze spricht von einem jährlichen Zuwachs um 200 Paare seit 2015. Im Juli organisiert er auch Exkursionen für Vogelfreunde.

Der „Ornitourismus“ nimmt auch in Rheinland-Pfalz zu, wo Jörn Weiß für den Bienenfresser-Arbeitskreis der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie an den Kiesgruben unterwegs ist. Seit 2002 werden dort die Bestände erfasst und kartiert. Die größte Population bei Gerolsheim-Lambsheim nahe Frankenthal umfasst 63 Paare.

Schon im August kehren die Bienenfresser zurück nach Afrika. Wohin und auf welchen Routen, hat der NABU in Sachsen-Anhalt gemeinsam mit der Beringungszentrale Hiddensee und der Schweizerischen Vogelwarte Sempach/Luzern in einem Forschungsprojekt erkundet. Bis dahin war über Ringfunde nur bekannt, dass es bei den Bienenfressern wie bei den Weißstörchen Ost- und Westzieher gibt. Vögel aus Slowenien ziehen eher nach Ost- und Südafrika, Vögel aus Deutschland nach Westafrika.

2010/11 wurden jeweils 40 Vögel mit ultraleichten „Geolokatoren“ versehen und im Jahr darauf wieder eingefangen. Die Auswertung der Datenchips bestätigte die Vermutung: Ein Vogel aus dem Saalekreis flog über Südspanien und Algerien bis ins Grenzgebiet zwischen Regenwald und Savanne, nach Gabun, Kongo und Angola, wobei er nur einen Tag brauchte, um den Regenwaldgürtel in Kamerun zu überqueren. Über Niger flog er ein halbes Jahr später zurück. Dann machte die Batterie des Überwachungsgerätes schlapp. Die Forscher vermuten, dass der Vogel zwei Wochen später wieder in Sachsen-Anhalt war. (epd)

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Leser-Kommentare

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  1. Urs Heinz Aerni

    Lesenswerter Artikel, der auch einmal mehr verdeutlicht, wie sorgsam wir mit unserer Um- oder Mitwelt umgehen müssen. Die Zersiedelung und die Industrialisierung der Landwirtschaft sorgen für großen Druck auf die Biodiversität. Solche Beiträge helfen zur Sensibilisierung der Leserschaft. Dran bleiben!

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