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Dienstag, 29.05.2018

Die Gefühle der anderen

Können Senioren mit Handy-Spielen trainieren, andere besser zu verstehen? Eine Psychologin erforscht Veränderungen des Einfühlungsvermögens.

Von Jana Mundus

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Sie kümmert sich um die Alten – aber nicht nur. Mit 31 Jahren liegt Andrea Reiter mitten drin zwischen den Altersgruppen, die sie erforschen will. Derzeit Thema der Psychologin: Wie ändert sich die Empathiefähigkeit im Laufe des Lebens.
Sie kümmert sich um die Alten – aber nicht nur. Mit 31 Jahren liegt Andrea Reiter mitten drin zwischen den Altersgruppen, die sie erforschen will. Derzeit Thema der Psychologin: Wie ändert sich die Empathiefähigkeit im Laufe des Lebens.

© Christian Juppe

Nicht immer ist zwischen Alt und Jung gute Stimmung. Das Kommunikationsproblem ist gefühlsgemacht.
Nicht immer ist zwischen Alt und Jung gute Stimmung. Das Kommunikationsproblem ist gefühlsgemacht.

© 123rf.com

Das Fenster ist offen, es zieht ungemütlich. Es ist Andrea Reiters Paradebeispiel, wenn sie erklären will, was sie erforscht. In ihrer Geschichte sitzen zwei Menschen in einem gelüfteten Raum: ein älterer und ein jüngerer. Letzterer möchte das Fenster gern schließen. Für sein älteres Gegenüber im Zimmer ist das allerdings absolut unverständlich. Frische Luft ist schließlich gut. Ein Streit beginnt. Das Fenster wird zum Graben zwischen den Generationen. „Senioren können schlechter erkennen, was der Grund für ein bestimmtes Szenario ist“, erklärt die Psychologin und Neurowissenschaftlerin an der TU Dresden. In ihrem Beispiel ist der Grund eigentlich simpel: Dem anderen war einfach kalt. Andrea Reiter erforscht, wie sich Menschen verhalten und wie sich ihre Gefühlswelten während des Lebens verändern. Können emotionale Fähigkeiten dabei verloren gehen? Lassen sie sich vielleicht sogar wieder antrainieren? Dresdner Wissenschaftler wollen das herausfinden.

Die Fähigkeit zu erkennen, wie sich andere fühlen, ist wichtig. Je besser wir unsere Mitmenschen verstehen, desto besser können wir auf sie eingehen. So ist ein gutes Miteinander möglich. „Wir untersuchen aktuell, wie sich diese Fähigkeit im Laufe des Lebens verändert“, sagt die Wissenschaftlerin, die dabei auch mit Kollegen aus Berlin und Leipzig zusammenarbeitet. Es geht um Empathie, um das Einfühlungsvermögen. Frühere Untersuchungen zeigten lediglich, wie sich die Empathiefähigkeit bis ins junge Erwachsenenalter verändert. Dass sich die Forschung nun auf die gesamte Lebensspanne konzentriert, ist neu. Sie tut es, weil davon soziale Beziehungen betroffen sind.

Eine Studie haben Andrea Reiter und ihre Kollegen dazu bereits abgeschlossen. Dafür luden sie Gruppen mit Probanden zwischen 18 und 35 Jahren ein und Gruppen mit Leuten zwischen 65 und 85 Jahren. Allen wurden Videos von Menschen gezeigt, die über eine schwere Situation in ihrem Leben sprachen. „Beispielsweise über den Unfalltod eines geliebten Menschen“, erzählt die Psychologin. Wenn auch nicht ganz so explizit. Es war wichtig, auf die Zwischentöne zu achten, auf die Mimik, auf die Dinge, die ungesagt blieben, weil sie zu schmerzvoll waren, um sie auszusprechen. Danach wurden die Teilnehmer befragt. Die Ergebnisse: „Die Senioren waren mitfühlender als die jüngeren Teilnehmer.“ Doch es zeigte sich auch, dass die Älteren ein Problem damit hatten, den Grund für die Gefühlslage der im Video gezeigten Menschen zu durchschauen.

Die Wissenschaftler unterscheiden zwei Wege, sich dem Gefühlszustand anderer Menschen zu nähern. Zum einen über eine emotionale Ebene, das Reagieren auf oder das Nachempfinden der Gefühle des anderen. Die zweite Möglichkeit nennen Psychologen die kognitive Empathie. Dabei erkennen die Menschen über den Gesichtsausdruck, die Körperhaltung, anhand der Stimme und an den Äußerungen eines anderen, wie es ihm geht. Warum gerade dieser kognitive Ansatz Senioren schwerfällt, diese Frage muss noch geklärt werden. Momentan gibt es verschiedene Erklärungsansätze. So wäre es möglich, dass Ältere einfach weniger motiviert sind, die Situation anderer zu verstehen. Eine andere Theorie ist, dass sie sich durch persönliche negative Erlebnisse davor schützen wollen, sich zum Beispiel intensiver mit Trauer zu beschäftigen. Vielleicht spielen aber auch Veränderungen im Gehirn eine Rolle.

Für Andrea Reiter sind die bisherigen Ergebnisse überraschend. „Sie zeigen, dass sich die unterschiedlichen Bausteine für unsere soziale Intelligenz im Laufe des Lebens unterschiedlich verteilen.“ In einer neuen Studie soll nun herausgefunden werden, welche Auswirkungen das auf das Verhalten und die Entscheidungen von Menschen hat. Für dieses Projekt werden Probanden gesucht.

Eine andere Studie läuft gerade an der TU Dresden. Bis zum September erforschen die Wissenschaftler dabei erste Ansätze, wie die Empathiefähigkeit bis ins hohe Alter hinein trainiert werden kann. Teilnehmer sehen dabei am Computer Gesichter unterschiedlicher Menschen und müssen in ihnen lesen: Wie fühlen sich die Gezeigten, was bewegt sie gerade? Die Forscher schauen, was bei diesem Prozess beim Probanden passiert. Am Ende sollen aus den Ergebnissen Algorithmen gewonnen werden, die das Programmieren einer speziellen Mini-Anwendung für Handy oder Tablet-Computer ermöglicht. Mit diesen Programmen im Charakter eines Spiels könnten Menschen trainieren, die Signale anderer besser zu deuten. Ob sie das später freiwillig tun, muss sich erst noch zeigen. Dafür müssten sie sich künftig die App besorgen, diese auch regelmäßig spielen und sich schon vorher eingestehen: Ich bin alt und habe ein Empathieproblem.

Das, was Andrea Reiter und ihre Kollegen da versuchen, hat Brisanz. Es geht darum, Gefühle für Maschinen mithilfe von Algorithmen lesbar zu machen. Wie frei sind unsere Gefühle dann noch und wie einfach können wir manipuliert werden? „Dieser Frage stellen wir uns natürlich“, sagt die Psychologin. Regelmäßig finden in der Forschungsgruppe Ethik-Workshops statt. Denn das Feld, auf dem sie sich bewegen, hat Zündstoff und könnte auch ganz andere interessieren. Zum Beispiel die Werbeindustrie, die mit der Hilfe programmierter Maschinen später die wirksamsten Botschaften für die jeweiligen Gefühlslagen der Menschen aussenden könnte. Werbung für die Seele. Dieser Gefahr, dass ihre Ergebnisse missbraucht werden könnten, sind sich die Wissenschaftler bewusst. Inwieweit sie solch einen Missbrauch aber verhindern können, ist eine andere Frage. Mit Werbung lässt sich eine Menge Geld verdienen.

Andrea Reiter konzentriert sich auf die positiven Effekte, die diese Trainingsprogramme für Menschen haben könnten. Sie wünscht sich, dass das Videospiel später ganz normal genutzt wird. Ein Punktesystem soll dabei Spielspaß garantieren. Ganz nebenbei lernen die Nutzer, andere Menschen besser zu verstehen. „Dieses Training könnte das Verständnis für andere Menschen fördern“, sagt die Dresdner Psychologin. Es könnte helfen, Gräben zwischen den Generationen zu schließen.

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