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Dienstag, 07.08.2018

Der Erde geht der Sand aus

Die Ressource steckt so ziemlich in allem, worauf unsere moderne Gesellschaft gebaut ist. Sämtliche Wüsten der Welt helfen nicht.

Von Carola Frentzen

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© dpa

Der Burj Khalifa glänzt in Dubais Wüstensonne. Seit der 828-Meter-Turm vor acht Jahren eingeweiht wurde, ist er das höchste Gebäude des Planeten. Aber das ist nicht der einzige Superlativ, wurden für den Wolkenkratzer doch gigantische 330 000 Kubikmeter Beton verarbeitet. Beton wiederum besteht überwiegend aus Sand. Ganz in der Nähe recken bereits wieder Baukräne ihre Hälse gen Himmel, um neue Rekordtürme aus dem Boden zu stampfen. Nicht nur in den Arabischen Emiraten, sondern überall auf der Erde wird gebaut. Die Nachfrage nach Sand und Kies ist so dramatisch gestiegen, dass Experten mittlerweile Alarm schlagen – und das alte Sprichwort „wie Sand am Meer“ bald obsolet werden könnte.

Im wahrsten Sinne des Wortes ist das in Jamaika geschehen, wo 2008 über Nacht der 400 Meter lange Strand von Coral Spring spurlos verschwand. Die Täter transportierten unbemerkt ganze 500 weiß-pudrige Lkw-Ladungen ab. Gefasst wurden sie nie, die Ermittlungen blieben ergebnislos. Medien spekulierten damals, der Sand sei entweder zur Aufschüttung eines anderen Strandes benutzt oder in der Bauindustrie verwendet worden.

„Sand ist die Grundlage unserer modernen Gesellschaft“, sagt Aurora Torres, Wissenschaftlerin am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv). Ihre Forschungsergebnisse zu den Auswirkungen von Sandgewinnung auf die Ökosysteme sind im vergangenen Jahr im Magazin Science erschienen. Torres glaubt, dass die meisten Menschen sich der „drohenden Tragödie“, wie sie es nennt, nicht bewusst sind. „Bei den Bürgern wird das Thema noch kaum beachtet, aber es hat in den vergangenen Jahren zunehmend die Aufmerksamkeit internationaler Organisationen auf sich gezogen.“

18 Kilogramm täglich

Das Leben der Menschheit sei buchstäblich auf Sand gebaut, sagt die Expertin. Mittlerweile sind die Quarzkörnchen gleich nach Wasser zum weltweit am meisten konsumierten natürlichen Rohstoff geworden. Denn Sand steckt nicht nur in Häusern, sondern so ziemlich in allem, von Glas über Asphalt bis zu Kosmetika, Zahnpasta, Mikrochips, Smartphone-Bildschirmen, Autos und Flugzeugen. Das aus Sand gewonnene Siliziumdioxid (SiO2) wird auch in der Weinindustrie und vielen Lebensmitteln verwendet. „Sand ist der Megastar unseres industriellen und elektronischen Zeitalters“, heißt es bei der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Der globale Bedarf übersteigt bei Weitem das, was durch Verwitterung nachkommt.

„Die Masse an Sand, die gebraucht wird, hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht“, rechnet Pascal Peduzzi vom UN-Umweltprogramm vor. Er warnt schon lange vor den Konsequenzen und hat 2014 den UN-Report „Sand, knapper als man denkt“ verfasst. „Wir schätzen den derzeitigen Verbrauch auf 50 Milliarden Tonnen pro Jahr – das sind 18 Kilogramm täglich für jeden Einwohner der Erde.“

Natürlich verschlingen nicht alle Konstruktionen solche Berge Sand wie die Rekordbauten in den Emiraten, aber selbst für ein Einfamilienhaus werden Schätzungen zufolge 200 Tonnen gebraucht. Allein mit dem Jahresverbrauch des Bausektors „könnte man eine 27 Meter hohe und 27 Meter breite Mauer rund um den Äquator aufschütten“, sagt Peduzzi.

Man könnte meinen, dass in den Wüsten der Welt genug von dem begehrten Rohstoff herumliegt. Das Problem: Wüstensand ist für die Herstellung von Beton nicht geeignet. Die Körner sind vom Wind so glatt und rund geschliffen, dass sie sich kaum verhaken können und nicht haften. Deshalb nutzt den Scheichs auch aller Sand der umliegenden Wüste nichts, wenn sie in Dubai und Abu Dhabi ihre ehrgeizigen Megaprojekte in Auftrag geben. Für den Burj Khalifa etwa mussten riesige Mengen des Rohstoffs aus dem weit entfernten Australien importiert werden.

Zur Sandgewinnung werden riesige Schwimmbagger eingesetzt, die Tonne um Tonne vom Meeresgrund, aber auch aus Seen oder Flüssen abtragen. Die Folgen für die empfindlichen Ökosysteme sind oft verheerend. Flussbetten sinken ab, Küsten erodieren, die Fauna in den Ozeanen wird zerstört, ganze Inseln verschwinden. Schutzmechanismen, die eigentlich Stürme und Tsunamis abhalten, werden außer Kraft gesetzt. Indonesien etwa verliere durch hemmungslosen Sandabbau immer mehr seines Territoriums, schrieb die spanische Zeitung El Pais. Mehr als zwei Dutzend Inseln des bei Urlaubern aus aller Welt beliebten Archipels seien bereits komplett verloren gegangen.

Der bei Weitem größte Exporteur der Ressource sind Statistiken zufolge die USA, der größte Importeur das für seine glitzernden Shopping Malls und Megabauten berühmte Singapur. Auf der Liste der Einfuhrländer belegt Deutschland immerhin den achten Rang. Viele Länder vor allem in Südostasien haben den Export von Sand verboten. Jedoch wird weiter mit dem Rohstoff gehandelt – nur eben illegal. Die „Sand-Mafia“ operiere besonders erfolgreich in Indien, erklärt Aurora Torres. „Sie gilt dort als eine der gewalttätigsten und undurchdringlichsten Gruppen des organisierten Verbrechens.“

Expertenteams arbeiten derweil an der Entwicklung von Alternativen. Baustoffrecycling und Forschungen dazu, Wüstensand für das Bauen nutzbar zu machen, gelten als vielversprechend. Aber das Problem ist vielschichtig und noch relativ neu. „Bisher hat noch niemand eine Lösung gefunden, die den riesigen Hunger nach Sand stillen könnte“, sagt Aurora Torres. (dpa)

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Insgesamt 7 Kommentare

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  1. Thomas Caro

    Umweltzerstörung durch Sandabbau,Krillfänge in der Antarktis, Abholzen von Urwäldern, Ausrottung von Tier-und Pflanzenarten.....Das " Monster "Mensch hat die Vernichtung der Erde längst in Gang gesetzt und es wird nicht gestoppt werden, denn Geld regiert die Welt

  2. MajorKong

    @1: Und ich dachte immer, wenn der Sand knapp wird, wäre dies die Folge davon, dass in Wüste der Sozialismus eingeführt wurde.

  3. Dr. Raphael Päng

    Sand ist nur ein Aspekt der wachsenden menschgemachten Multikrise - heute dies, morgen ein anderes Thema. Alles hat EINE ZENTRALE Ursache: es ist die Überbevölkerung mit bald 8 Milliarden "Verbrauchern" auf Erden. Auch Deutschland ist deutlich zu dicht und überbevölkert, kann sich aber durch Externalisierung noch aufrecht halten. Die schiere Massenanzahl ist das Problem, eine straffe sogenannte Bio-Politik wäre nötig, wird aber "nicht gewollt". Längst ist die zwanghafte Nachwuchsverhätschelung allgemein als biologistische Illusion enttarnt. Es ist bereits unumgänglich, gerade zum Schutze nachfolgender Generationen und aus Liebe zum Menschen, bestmöglich auf Nachwuchs zu verzichten. Jeder weitere "Mensch" ist nunmal zunächst gefräßiger und gar ansprüche-stellender Verbraucher, leider viel Müll produzierend, bisher nahezu unfähig zur Selbstbeschränkung. Wer das negiert, verdrängt lediglich und geht ignorant dem Untergang zu.

  4. MajorKong

    @3: Mit Ihrer misanthropischen Weltsicht kann ich nicht viel anfangen. Zudem wäre die Frage, wer wird wie dazu legitimiert zu entscheiden wer noch Kinder bekommen darf und wer nicht? Nach welchen Maßstäben soll dies geschehen und wie sollen solche Entscheidungen durchgesetzt werden, ohne elementare Menschenrechte außer Kraft zu setzen? "Straffe Biopolitik" hatten wir zuletzt 1933-1945, weswegen dieser Begriff für mich eine Tarnbezeichnung für Massenmord ist.

  5. Black Forrest

    Nicht nur der Sand steckt im Beton, auch das Glas wird knapp. In den letzten 3Jahren sind die Preise um bis zu 25% gestiegen. Bzw. die Menge am Markt wird knapp, weil vor allem die Chinesen am europäischen Markt massiv ankaufen. Das ist so was ich im Job bei den Float-Gläsern mitbekomme. Langfristig wird dies natürlich auch bei den Glasgefäßen und verarbeiteten Gläsern in anderen Produktgruppen zu spüren sein.

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