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Montag, 16.04.2018

Den Krebs durchschauen

In der Tumorforschung will Dresden Weltspitze sein. Die Grundlage dafür ist bald fertig.

Schon vor der Operation den Tumor in 3-D sehen. Die von Stefanie Speidel entwickelte Software für Datenbrillen soll das möglich machen. Nicht die einzige Innovation, die in der Dresdner Krebsforschung derzeit entsteht.Foto: Ronald Bonß
Schon vor der Operation den Tumor in 3-D sehen. Die von Stefanie Speidel entwickelte Software für Datenbrillen soll das möglich machen. Nicht die einzige Innovation, die in der Dresdner Krebsforschung derzeit entsteht.Foto: Ronald Bonß

© ronaldbonss.com

Noch lässt der Rohbau nicht erahnen, dass in ihn die Medizin der Zukunft einziehen wird. Auf dem Gelände des Dresdner Universitätsklinikums entsteht derzeit in direkter Nachbarschaft zum Universitäts-Krebscentrum (UCC) ein neues Tumorzentrum. Es wird eine der modernsten Einrichtungen dieser Art in der Welt. Gemeinsam mit dem Krebsforschungszentrum Heidelberg bildet der Standort Dresden das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT). In den nächsten Jahren soll es in die Top Ten weltweit aufrücken. Für Patienten könnten dadurch schon bald maßgeschneiderte Therapien entstehen.

Während Bauleute weiter an der Hülle arbeiten, geht es schon jetzt um die Inhalte. Medizinische Spitzenforschung direkt zum Nutzen der Patienten – das ist der Plan. In Dresden liegt der Schwerpunkt mit dem Oncoray bereits auf der Strahlenbehandlung, und nun mit dem Neubau, für den gerade Richtfest gefeiert wurde, auch auf der Tumor-Chirurgie. „Wir wollen die Chirurgie der Zukunft entwickeln“, erklärt Jürgen Weitz, Professor und Direktor der Klinik und Poliklinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie. Ins neue Haus wird deshalb bis 2020 ein experimenteller Operationssaal einziehen. Bei der Operation von Tumoren geht es laut Weitz um Millimeter. „Schneiden wir zu nah am Tumor, kommt er wieder. Schneiden wir zu weit weg, können wichtige Körperfunktionen in Mitleidenschaft gezogen werden.“

Bereits vor einem Jahr wurde deshalb die erste Professorin für das NCT berufen: keine Medizinerin, sondern eine Informatikerin. Stefanie Speidel erforscht neue Assistenzsysteme für den OP. Es geht um technische Lösungen, die ähnlich einem Navigationsgerät, die Ärzte beim Eingriff unterstützen. Sie sollen in dreidimensionalen Bildern den Operationsbereich zeigen, die Lage des Tumors darstellen, auf Gefäße hinweisen, die nicht verletzt werden dürfen oder aber die ideale Schnittführung vorschlagen. Erste Ansätze für solch ein System wurden in den vergangenen Monaten bereits entwickelt und erprobt.

Schon jetzt steht in den Räumen der Chirurgie am Universitätsklinikum einer der modernsten OP-Roboter. Über einen 3-D-Monitor steuert der Arzt dabei die Roboterarme, die mit den jeweiligen Operationsinstrumenten bestückt sind. Im neuen experimentellen OP des NCT wird die nächste Generation für die robotische Chirurgie stehen. „Durch die Kopplung mit einem Navigationssystem ergeben sich dabei völlig neue Möglichkeiten“, erklärt Jürgen Weitz, der auch zum Direktorium des NCT gehört. Und damit auch bessere Chancen für die Patienten.

Die Zukunft der Krebsbehandlung soll aber auch individueller werden. Erforscht wird am NCT deshalb ebenfalls, wie der Krebs zusammengesetzt ist, welche Genveränderungen dabei eine Rolle spielen. Die Forscher wollen direkt in den Tumor schauen. All diese Daten verschiedener Erkrankter sollen ausgewertet und gesammelt werden. Natürlich nur mit Einverständnis der Patienten, sagt Weitz. „Dadurch können wir besser voraussagen, wie sich der Krebs verhalten wird und wie er spezifisch behandelt werden kann.“ Bisher gängige Behandlungen für bestimmte Krebsarten müssten dann eventuell überdacht werden. Für jeden Patienten soll die Art der Therapie neu entschieden werden.

Die direkte Nähe zum Universitäts-Krebscentrum soll dabei helfen. Der regelmäßige Austausch zwischen Forschern und behandelnden Ärzten dadurch begünstigt werden. Damit erfolgversprechende Verfahren bei der Krebsbehandlung möglichst schnell den Weg in die Praxis finden. „Die Grenzen zwischen beiden Einrichtungen werden sich verschieben“, vermutet Jürgen Weitz.

Mit Fertigstellung des 22 Millionen Euro teuren NCT in zwei Jahren wird auf einem Viertel des gesamten Klinik-Areals der Krebs erforscht. Hinzu kommt das Know-how des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf, wo in Kooperation mit der Uniklinik an neuen Geräten für eine bessere Bestrahlung gearbeitet wird. Dass Dresden damit weltweit punkten kann, davon ist der Chirurg überzeugt. (jam)

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