• Einstellungen
Donnerstag, 23.08.2018

Das Methusalem-Geheimnis

Eine neue Datenbank soll helfen, das Altern von Tieren besser zu verstehen.

Von Kerstin Viering

Riesenschildkröten können ein erstaunliches Alter erreichen.
Riesenschildkröten können ein erstaunliches Alter erreichen.

© Rene Meinig

Es ist das Jahr 1750. In Preußen herrscht der „Alte Fritz“, und die USA gibt es noch nicht. Mozart und Darwin sind noch nicht geboren, Goethe ist gerade ein Jahr alt. Und es wird noch zwei Jahre dauern, bis Benjamin Franklin den Blitzableiter erfindet. Aus heutiger Sicht wirkt das alles ziemlich weit weg. Doch bis ins 21. Jahrhundert hat jemand aus dieser Epoche tatsächlich überlebt: eine Aldabra-Riesenschildkröte namens Adwaita, die vermutlich um das Jahr 1750 auf den Seychellen geschlüpft ist und im März 2006 im Zoo von Kalkutta starb – im stolzen Alter von 256 Jahren.

Überhaupt gelten Schildkröten als die Methusalems unter den Wirbeltieren, etliche dieser Reptilien sind auch jenseits ihres 150. Geburtstages noch quicklebendig. Warum aber vergehen bei manchen Arten Jahrhunderte zwischen Geburt und Tod und bei anderen nur ein paar Tage? Warum sterben viele Tiere, wenn sie keinen Nachwuchs mehr bekommen können, während andere nach der Menopause weiterleben? Gibt es auch Arten, die gar nicht altern? Und wenn ja: Wie machen sie das? Solche Fragen würden Alexander Scheuerlein vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock und seine Kollegen gern beantworten.

Das Problem ist allerdings, dass man dazu sehr gute Daten braucht.

Daher durchforsten Alexander Scheuerlein und seine Kollegen mithilfe von wissenschaftlichen Suchmaschinen die Fachliteratur der letzten hundert Jahre nach demografischen Angaben. Sie interessieren sich dabei nicht nur für die maximale Lebensspanne einer Art, sondern zum Beispiel auch für das Alter, in dem sie geschlechtsreif wird, oder für die Überlebensrate von Jungtieren und Erwachsenen. Die gefundenen Informationen speisen die Forscher in eine Datenbank namens DatLife ein, die seit Anfang des Jahres online ist.

Das System auf den Kopf gestellt

„Die Daten sind allerdings von unterschiedlicher Qualität“, sagt Alexander Scheuerlein. Die aussagekräftigsten Studien sind dabei jene, die über einen langen Zeitraum Informationen über möglichst viele Artgenossen zusammengetragen haben. „In Großbritannien gibt es zum Beispiel schon seit 200 Jahren einen offiziellen königlichen Schwanenbeobachter“, erklärt der Forscher. Da alle britischen Schwäne traditionell der Königin gehören, zählt dieser jedes Jahr das gefiederte Kapital und dessen Nachwuchs.

Einen der wertvollsten Datensätze aber hat die Wissenschaft dem Ausbau von erneuerbaren Energien in Kalifornien zu verdanken. In einem Gutachten wurden dort die Umweltauswirkungen von Windkraft-, Solar- und Geothermie-Anlagen untersucht. Und in diesem Rahmen stand genügend Geld für eine sehr aufwendige Studie an Amerikanischen Gopherschildkröten zur Verfügung, die in Wüsten im Südwesten der USA und im Norden Mexikos leben. Dabei kamen sogar riesige mobile Röntgengeräte zum Einsatz, um die Weibchen zu durchleuchten und herauszufinden, wie viele Eier sie in sich trugen.

Diese Daten haben gezeigt, dass sich die Wüstenschildkröten über einige der gängigsten Theorien der Altersforschung hinwegsetzen. Die besagen nämlich, dass nach der Geschlechtsreife mit steigendem Alter die Fortpflanzungsfähigkeit ab- und die Gefahr zu sterben zunimmt. Bei vielen Vögeln und Säugetieren stimmt das auch. Der Mensch macht da keine Ausnahme, auch wenn seine Sterbewahrscheinlichkeit jüngsten Studien zufolge in sehr hohem Alter ein Plateau erreicht und dann nicht mehr weiter zunimmt. Die Gopherschildkröten aber haben das ganze System auf den Kopf gestellt: Je älter sie sind, umso mehr Eier legen sie und umso unwahrscheinlicher ist es, dass sie sterben.

Ein ähnliches Phänomen gibt es auch bei Süßwasserkrokodilen in Australien. Alexander Scheuerlein glaubt, dass es sich dabei um eine Anpassung an ungünstige Umweltbedingungen handelt. „Mit steigendem Alter werden die Krokodile immer größer“, erklärt der Forscher. „Und je größer sie sind, umso besser kommen sie wohl mit stressigen Trockenzeiten zurecht.“ Schließlich haben große Tiere im Verhältnis zu ihrem Volumen eine relativ kleine Körperoberfläche. Deshalb verlieren sie weniger Wasser als ihre kleineren Artgenossen.

Ein größerer Körper ist aber nicht der einzige Vorteil, den das Alter mit sich bringen kann. Bei Elefanten zum Beispiel zählt in Krisenzeiten die Erfahrung. Die Herden werden von älteren Weibchen geführt, die genau wissen, wo es auch bei längerer Trockenheit noch Wasser und Futter gibt. Wie wichtig das ist, hat sich zum Beispiel Ende der 1970er-Jahre im Tsavo Nationalpark in Kenia gezeigt. Dort hatten Wilderer vor allem die alten Weibchen mit den großen Stoßzähnen erlegt – und damit ganze Herden zum Tod verurteilt. Die unerfahrenen jüngeren Tiere fanden die rettenden Wasserlöcher nicht und verdursteten.

Die Großmutter-Hypothese

Der Erfahrungsschatz der Alten könnte auch der Grund dafür sein, dass Arten wie Elefanten, Orcas und Menschen nach der Menopause noch ein langes Leben vor sich haben. Ab einem bestimmten Alter ist es wohl einfach lohnender, sein Wissen an die Enkel und Urenkel weiterzugeben, statt noch mehr eigenen Nachwuchs in die Welt zu setzen.

Diese sogenannte Großmutter-Hypothese gilt aber wohl vor allem für Arten mit einem ausgeprägten Sozialleben. Damit können Fledermäuse in der Regel nicht aufwarten. Doch sie haben trotzdem ein paar echte Methusalems in ihren Reihen – vor allem, wenn man bedenkt, dass kleine Tiere in der Regel früher sterben als große. Die Brandtfledermaus, die auch in Mitteleuropa vorkommt, bringt zum Beispiel nur sechs bis zehn Gramm auf die Waage, kann aber mehr als 40 Jahre alt werden. „Die Großmutterkarte kann sie dabei wohl nicht ziehen“, vermutet Alexander Scheuerlein. Was aber steckt dann hinter dem hohen Alter der Flattertiere? Genau das würde der Biologe gerne herausfinden. Für ihn gehören Fledermäuse zu den spannendsten Arten für die Altersforschung. Und in seiner Datenbank schlummern Hinweise auf zahlreiche sehr gute Beringungsdaten vor allem aus Ostdeutschland, die bisher noch niemand ausgewertet hat.

Ein erster Trend zeichnet sich allerdings schon ab. So werden Fledermausarten in den gemäßigten Breiten deutlich älter als ihre Verwandten in den Tropen. „Vermutlich hängt das damit zusammen, dass sie bei uns Winterschlaf halten“, vermutet Alexander Scheuerlein. Denn in dieser saisonalen Auszeit fahren die Tiere ihren Stoffwechsel extrem herunter. Das aber führt wohl zu weniger molekularen Schäden in den Zellen und damit zu einem längeren Leben.

Einige der erfolgreichsten Überlebenskünstler kommen allerdings ohne Winterschlaf aus. Die Süßwasserpolypen der Gattung Hydra zum Beispiel altern überhaupt nicht. Wie sie das genau machen, weiß bisher niemand. Jedenfalls verblüffen sie selbst Experten mit ihrem ungewöhnlichen Talent zur Regeneration. Aus ihren Stammzellen können sie ständig sämtliche anderen Zelltypen in ihrem Körper nachbilden. Defekte Körperteile zu ersetzen und selbst Schäden am Nervensystem zu reparieren, ist da kein Problem. Von typischen Altersbeschwerden keine Spur. Den Tod bringen nur Feinde oder ungünstige Umweltbedingungen.

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.