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Donnerstag, 30.08.2018

Das Eis schmilzt, die Schiffe kommen

Experten sind sich einig, dass die Arktis in den nächsten 30 bis 50 Jahren eisfrei sein wird. Was heißt das für die Tierwelt?

Von Irena Güttel

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Noch sind es nur wenige Schiffe, die die Seewege durch die Arktis durchfahren.
Noch sind es nur wenige Schiffe, die die Seewege durch die Arktis durchfahren.

© SZ/Stephan Schön

Eisberge, die majestätisch aus dem Wasser ragen, Eisbären, Schneestürme, klirrende Kälte – lange Zeit wagten sich nur Abenteurer und Forscher in die Arktis. Doch durch den Klimawandel sind einst unzugängliche Seewege inzwischen im Sommer regelmäßig befahrbar. Das macht den hohen Norden für Frachtschiffe interessant – und auch für Kreuzfahrer, die eine Expedition in die Wildnis unternehmen wollen. Mit Folgen für Wale und andere Meeressäuger, die entlang der Routen leben.

Seit Anfang der 2000er-Jahre geht das arktische Meereis im Sommer drastisch zurück. Besonders deutlich wurde das am 29. August 2008: Erstmals waren die Nordost- und die Nordwestpassage gleichzeitig eisfrei, wie das Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) bekannt gab. Seitdem hätten sich die Zeiten im Sommer verlängert, wo beide Strecken für Schiffe ohne Unterstützung von Eisbrechern befahrbar seien, sagt der AWI-Meereis-Experte Christian Haas und prognostiziert: „Das wird sich weiter ausweiten.“ Allerdings gebe es von Jahr zu Jahr Schwankungen.

Wie stark die Erwärmung rund um den Nordpol voranschreiten wird, kann kein Klimaexperte genau sagen. Aber: „Alle sind sich einig, dass die Arktis in den nächsten 30 bis 50 Jahren eisfrei sein wird“, sagt Haas. „Das führt zu einem Anstieg der Schifffahrt im Allgemeinen.“ Als eisfrei bezeichnen Forscher die Arktis, wenn die Eisbedeckung im Sommer unter eine Million Quadratkilometer sinkt. Zum Vergleich: Beim bisherigen Minusrekord im Jahr 2012 lag sie bei 3,6 Millionen Quadratkilometern. In diesem Jahr erwarten Haas und seine Kollegen, dass 4,5 Millionen Quadratkilometer der Arktis mit Meereis bedeckt sind. Ob die Nordwestpassage dann eisfrei sein wird, ist noch unklar.

Der etwa 5  800 Kilometer lange Seeweg verläuft nordöstlich des amerikanischen Kontinents und verbindet den Atlantik mit dem Pazifik. Die Nordostpassage dagegen ermöglicht Schiffen, nördlich des asiatischen Festlands vom Atlantik in den Pazifik zu gelangen. Jahrhunderte träumten Seefahrer von einer nördlichen Route, die die Fahrt von Nordeuropa nach Ostasien deutlich verkürzen würde. Jetzt eröffnet die Eisschmelze ihnen diese Option.

2009 schickte die damalige Bremer Beluga-Reederei erstmals zwei deutsche Schwergutfrachter durch die rund 6 000 Kilometer lange Nordostpassage. Seitdem ist der Schiffsverkehr in der Region kontinuierlich gestiegen, allerdings auf sehr niedrigem Niveau.

Abkürzung nach Japan

Burkhard Lemper vom Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik in Bremen bremst deshalb die Erwartungen: „Das sind nur zeitweise freie Strecken.“ Für den Linienverkehr der großen Containerreedereien sei es schwierig, sie zu nutzen: Nur im Sommerhalbjahr könnten sie über die Arktis fahren, im Winterhalbjahr müsse man die klassische Route durch den Suezkanal nehmen. Für den Transport von Rohstoffen und Schwerlasten könne die Fahrt durchs Nordpolarmeer dagegen schon Sinn machen.

Dass Schiffe tatsächlich durch die komplette Nordostpassage führen, komme selten vor, sagt auch Christof Schwaner vom Verband Deutscher Reeder. Eine Abkürzung sei dies nur auf der Strecke zwischen Europa und Japan. Und: „Die Nordwestpassage steht bislang als alternativer Transportweg zum Panamakanal nicht zur Debatte“, ergänzt er. Die wichtigen Häfen an der US-Küste seien dadurch nicht schneller erreichbar.

In absehbarer Zeit wird also keine Haupthandelsroute durch die Arktis führen. Biologen fürchten trotzdem um die einmalige Tierwelt. „Fast 65 Prozent der arktischen Meeresumgebung waren im Jahr 2015 bereits von Schiffen befahren“, berichten US-Forscher in einer Studie, in der sie die Auswirkungen des zunehmenden Schiffverkehrs auf sieben Meeressäuger-Arten untersucht haben. Mehr als die Hälfte der von ihnen betrachteten 80 Populationen lebt danach in Gebieten entlang von Nordostpassage und Nordwestpassage. Als besonders gefährdet sehen die Wissenschaftler Narwale. Aber auch Belugawale, Grönlandwale und Walrosse belaste der Schiffsverkehr stark, schrieben sie im Fachblatt Proceedings of the National Academy of Sciences.

Die Forscher sehen deshalb die Politik gefordert, Richtlinien für die Schifffahrt in der Arktis festzulegen: Schiffe müssten die wichtigsten Jagdreviere der Wale meiden, ihre Fahrtzeiten an deren Wanderungen anpassen, Lärm und Geschwindigkeit reduzieren. „Das gibt es in der Arktis noch nicht – das ist der große Unterschied zur Antarktis“, sagt der Biologe Christian Bussau von der Umweltorganisation Greenpeace. Ausnahme sei das Gebiet um Spitzbergen, aber für die Nordost- und die Nordwestpassage gebe es keine Umweltvorschriften für die Schifffahrt.

Angesichts der Zahlen wirkt das auch nicht dringend. Gerade mal 50 Schiffe durchfahren die beiden Seewege nach Angaben von Bussau zurzeit im Jahr. Auch der Verband Deutscher Reeder spricht von einer Zahl im zweistelligen Bereich. Aber: „Langfristig gesehen wird in der Arktis viel los sein“, meint Bussau. (dpa)

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