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Montag, 12.02.2018

Bitte anfassen!

Evelyn Zinnatova von der HTW Dresden holt eine Grafik in die dritte Dimension. Ein preisverdächtiges Erlebnis.

Von Jana Mundus

Aus einer Druckgrafik von Giovanni Batista Piranesi macht Evelyn Zinnatova einen Tastturm. Der begeisterte nicht nur Blinde, sondern auch eine Jury.
Aus einer Druckgrafik von Giovanni Batista Piranesi macht Evelyn Zinnatova einen Tastturm. Der begeisterte nicht nur Blinde, sondern auch eine Jury.

© Sven Ellger

Der große, runde Turm beherrscht den Raum. Dunkel ist es dort. Eine Treppe schlängelt sich um ihn herum nach oben. Eine andere, breitere führt zum Fuß des Kolosses. An der Decke ein Gewölbe, dazwischen mehrere Brücken. Die Szenerie wirkt trostlos und fasziniert zugleich. Erschaffen hat sie der Künstler Giovanni Battista Piranesi. Seine Druckgrafik „Der runde Turm“ von 1761 ist im Dresdner Kupferstichkabinett zu sehen – und zu erfühlen. Eine Dresdnerin macht die Kunst erlebbar.

Von der Düsternis des Originals ist nichts mehr übrig. Rot, blau, grün und gelb leuchten der Turm, das Gewölbe, Treppenstufen und Brückengeländer im großen Tastmodell. Kein Versehen, sondern pure Absicht. Evelyn Zinnatova macht das Bild damit greifbar – für Blinde und Sehbehinderte. „Tests hatten ergeben, dass diese intensiven Farben für Sehbehinderte besser erkennbar sind“, erzählt sie. Dass sie als Sehende einmal so tief eintaucht in die Welt der Menschen, die ihr Augenlicht ganz oder fast verloren haben, damit hätte sie nie gerechnet. Schon gar nicht als studierte Medieninformatikerin.

Auf der Suche nach einem Diplomarbeitsthema wandte sie sich vor gut zwei Jahren an Markus Wacker, Professor für Computergrafik an der HTW Dresden. Er und seine Studenten hatten schon mit Museen zusammengearbeitet und Ausstellungen durch multimediale Mitmachangebote bereichert. „Ich mag solche Möglichkeiten in Museen“, sagt sie. Nach einiger Zeit stand das Projekt für ihre Diplomarbeit fest: Es sollte ein Tastmodell zu Piranesis Turm entstehen.

Einfühlen in eine neue Welt

Doch wie einen Turm dreidimensional erschaffen, der nur auf einem Bild existiert? Wie ein Gefühl für den Raum entwickeln, den man nicht betreten kann? Evelyn Zinnatova holte sich Tipps. Der Kunst- und Architektur-Historiker Peter Heinrich Jahn ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kunst- und Musikwissenschaft der TU Dresden. „Dank ihm bekam ich eine Vorstellung von der Baukunst der damaligen Zeit.“ Trotzdem entschied sie sich bei der Gestaltung von im Bild nicht sichtbaren Dingen gegen das Rätselraten. „Die Rückseite des Turms ist im Modell wenig detailreich. Ich wollte mich nicht so sehr vom Original entfernen.“ Was im Bild unsichtbar ist, bleibt auch in der ertastbaren Variante nur eine Andeutung.

Zunächst schnitt und klebte Evelyn Zinnatova ein Pappmodell. Immer wieder nahm sie Kontakt zu Mitgliedern des Blinden- und Sehbehindertenverbands auf, ließ ihren Entwurf testen. Es zeigte sich: Die in der Grafik angedeuteten Menschen müssen auch im Modell ertastbar sein. „Die Blinden brauchen das, um Größenverhältnisse begreifen zu können.“ Also klebte sie kleine Kegel ins Tastmodell.

Später fütterte die Medieninformatikerin ihren Computer mit allen Informationen. Dort simulierte sie den Turm zunächst und achtete darauf, dass alle Blickbeziehungen zwischen den architektonischen Elementen stimmen. In Sachen Perspektive, so kam dabei heraus, hatte Piranesi hier und da gemogelt. „Da stimmt nicht alles mit den physikalischen Gesetzen überein.“ Letztlich wurden die Kunststoffbauteile im 3-D-Drucker hergestellt. Stück für Stück. Allein der Turm besteht aus 26 Einzelteilen. Andere Elemente entstanden mithilfe eines Laserschneidgeräts.

Ab Ende 2016 stand der Turm in der Sonderausstellung „Begegnungen mit Rom: Druckgraphik des 18. Jahrhunderts“. Viele Blinde und Sehbehinderte zeigten sich begeistert von dem Angebot. Sehende zögerten meist. „Sie trauten sich oft nicht gleich, das Modell zu berühren“, sagt Evelyn Zinnatova. Ein Ausstellungsstück im Museum anfassen zu dürfen, sei eben nun mal nicht die Regel. Wer sich traute, ertastete eine neue Welt. Samt kleiner Metallkette, die eine Eisenkette aus dem Bild darstellt, oder ein winziges Stückchen Stoff, das von einer der Brücken hängt.

Nicht nur das. „Wir erkannten, dass bei Menschen, denen ein Sinn fehlt, zwei Sinne angesprochen werden sollten, um das zu kompensieren.“ Also kamen Geräusche hinzu. Kettenrasseln, Schritte auf Steinfußboden, Menschengewirr. Hörbar macht die ein Tiptoi-Vorlesestift, wie ihn Kinder nutzen. Geräusche und Informationen zur Radierung wurden dafür aufgezeichnet und alle Flächen im Modell mit spezieller Folie beklebt, die beim Berühren mit dem Stift ein Abspielen der Information auslöst.

Gemälde zum Hören

Noch heute wird das Tastmodell bei Führungen genutzt, bei der Langen Nacht der Wissenschaft war es zu sehen und zu fühlen. Die Forschungsarbeit von Evelyn Zinnatova wurde nun belohnt. Sie bekam den Dresden Excellence Award verliehen. Ein Zeichen dafür, welche Bedeutung ihre Arbeit auch für das Leben in der Stadt hat. Barrieren für Blinde durch gute Ideen einzureißen, heißt das Ziel. Heute ist die junge Frau wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HTW. Ihr neuestes Projekt: ein Blindenkatalog für die Galerie Alte Meister. Kein normaler, sondern einer, den man fühlen und hören kann.

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