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Montag, 21.05.2018

Asiatischer Pilz bedroht Eschen

Kurz nach der Jahrtausendwende setzte in Deutschland ein mysteriöses Eschensterben ein. Ein aus Asien eingeschleppter Pilz wurde als Übeltäter enttarnt. Da ihm nicht beizukommen ist, wird nun nach resistenten Bäumen gefahndet, die zur Arterhaltung beitragen sollen.

Von Frank Pfaff

Ein Forstfachmann kontrolliert in einem Wald bei Wittenförden eine Esche, die vom Eschenstengelbecherchen (Hymenoscyphus fraxineus) befallen ist.
Ein Forstfachmann kontrolliert in einem Wald bei Wittenförden eine Esche, die vom Eschenstengelbecherchen (Hymenoscyphus fraxineus) befallen ist.

© Danny Gohlke/dpa

Wittenförden/ Schwerin/ Freiburg. Beim Blick hinauf zu den Baumwipfeln legt sich auch die Stirn von Marco Schrader in Falten. Es ist Mai und ringsum treiben die Bäume frisches Grün. Doch bei einigen ragen die Äste laublos in den blauen Frühlingshimmel. Es sind Eschen. Sie haben den Kampf gegen einen aggressiven, aus Asien eingeschleppten Pilz verloren. Bei anderen offenbaren unübliche Seitentriebe, dass auch sie an dem vom Pilz verursachten Eschentriebsterben leiden. „Die Folgen des Pilzbefalls zeigen sich von Jahr zu Jahr deutlicher. Es gibt so gut wie keine Bestände mehr, die nicht betroffen sind“, konstatiert der Forstfachmann. Und dieser Befund treffe auf ganz Deutschland zu.

Im Rahmen eines vom Bund geförderten Forschungsprojektes ist Schrader in Mecklenburg-Vorpommern auf der Suche nach Bäumen, die dem Parasiten trotzen und so auch widerstandsfähige Nachkommen liefern könnten. Es ist fast wie bei der Suche nach der Nadel im Heuhaufen: „Ein, wenn es gut kommt vielleicht zwei Prozent der Eschen könnten weitgehend resistent sein“, verweist Schrader auf die Ergebnisse jüngster Bestandsaufnahmen. Noch 2014 seien Fachleute davon ausgegangen, dass wenigstens sechs Prozent der Bäume widerstandsfähig sind, sagt Jörg Grüner von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg in Freiburg. Das Land hat mit 5 Prozent den bundesweit höchsten Eschenanteil und bekommt die Baumkrankheit so auch besonders zu spüren. Die Bäume seien für die neue, mit der Globalisierung einhergehende Bedrohung nicht gerüstet. „Einheimische Esche und asiatischer Pilz, das ist eine äußerst schlechte Kombination“, fasst Grüner die Situation zusammen.

Seit gut 15 Jahren macht sich der Eschenstengelbecherchen (Hymenoscyphus fraxineus) genannte Pilz von Nordosteuropa her auch in Deutschland breit und bedroht die Bestände in ihrer Existenz. Nach Angaben Schraders dringt der Pilz über die jungen Triebe bis ins Holz vor, unterbindet die Wasserzufuhr und lässt so Blätter welken und Triebe absterben. Ein wiederkehrender Prozess. Im Frühsommer bilden sich auf vorjährigen Blattstielen am Boden die nur wenige Millimeter großen Fruchtkörper des Pilzes aus. Diese setzen dann unzählige Sporen frei, die mit Hilfe des Windes auf die neuen Blätter gelangen, dort keimen und schließlich die gesamte Krone absterben lassen. Laut Grüner weisen neueste Untersuchungen darauf hin, dass der Pilz auch in geschädigte Stammfüße eindringt.

Doch nicht bei allen befallenen Bäumen zeigen sich unumkehrbare Folgen. Um die genetisch bevorteilten Bäume zu finden, holt sich Schrader Hinweise bei Revierförstern und durchstreift die feuchten Niederungen Mecklenburg-Vorpommerns, die als bevorzugte Standorte der gemeinen Esche gelten. Findet er besonders vitale Bäume, werden von diesen jeweils 20 bis 25 Reiser gewonnen, auf Jungstämmchen aufgepfropft und in einer Plantage ausgepflanzt, in der später dann Samen gewonnen werden sollen. Etwa 70 solcher Bäume wurden laut Schrader im Nordosten bislang ausfindig gemacht. Bis zum Herbst des kommenden Jahres sollen es dann insgesamt wenigstens 150 sein. „Diese Methode spart Zeit und stellt sicher, dass die genetischen Eigenschaften, die bei der Mutter liegen, auch weitergegeben werden“, erklärte der 31-Jährige.

An dem vom Bundeslandwirtschaftsministerium über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe mit 750 000 Euro geförderten Projekt ist auch das Thünen-Institut für Forstgenetik im ostbrandenburgischen Waldsieversdorf beteiligt. Dort wird nach Angaben Schraders die Samenplantage mit dem Genpool aus dem Nordosten aufgebaut. Ähnliche Vorhaben laufen laut Grüner auch in den süddeutschen Ländern Bayern und Baden-Württemberg oder in Rheinland-Pfalz. Wegen des hohen Infektionssrucks werden schon seit einigen Jahren keine neuen Eschen mehr ausgepflanzt.

„Wir hoffen, dass wir im Rahmen des Projektes wichtige Erkenntnisse gewinnen, um auf vielen Schadflächen wieder gesunde Eschenwälder aufbauen zu können“, erklärt Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus (SPD). Die Esche sei als heimische Laubbaumart „von hohem ökologischem und ökonomischem Wert“. Viele mit Eschen bewachsene Nassstandorte lägen in Schutzgebieten, die wiederum Lebensraum seltener Pflanzen- und Tierarten seien. Zudem biete das Holz wegen seiner Eigenschaften viele Nutzungsmöglichkeiten.

Zwar macht die Baumart in den deutschen Wäldern insgesamt nur gut zwei Prozent aus. Doch wird das harte und zugleich sehr elastische Holz nach Branchenangaben in der Möbelindustrie geschätzt. Neben der Renaissance der Eiche sei auch Esche derzeit sehr gefragt, sagte eine Sprecherin des Hamburger Möbelbauers Pickawood. Für qualitativ sehr gutes Stammholz, das zu Furnieren verarbeitet werden könne, werden laut Backhaus Preise von bis zu 1000 Euro je Festmeter (Kubikmeter) gezahlt. Auch beim Bau von Treppen, Sportgeräten oder Musikinstrumenten kommt Esche zum Einsatz.

Ob die beharrliche Suche Schraders nach resistenten Eschen dazu beiträgt, dass die Baumart auch in Zukunft noch in nennenswerter Größenordnung in deutschen Wäldern vorkommt, wird sich erst in vielen Jahren zeigen. „15, 20 Jahre sind in einem Baumleben nicht viel. Wir brauchen einen langen Atem“, sagt der Mitarbeiter der Landesforstverwaltung in Schwerin. (dpa)

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