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Donnerstag, 12.07.2018

Älteste Hinweise auf Frühmenschen außerhalb Afrikas

Leipziger Wissenschaftler: Wenn dies sich bestätigt, dann müsste die Menschheitsgeschichte umgeschrieben werden.

Von Walter Willems

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An diesem steilen Hang des Chinesischen Lössplateaus wurden die bislang ältesten Spuren von Frühmenschen jenseits von Afrika entdeckt.
An diesem steilen Hang des Chinesischen Lössplateaus wurden die bislang ältesten Spuren von Frühmenschen jenseits von Afrika entdeckt.

© Zhaoyu Zhu

Ein gefundenes Steinwerkzeug. Foto: Robin Dennell
Ein gefundenes Steinwerkzeug. Foto: Robin Dennell

© Robin Dennell

In China wollen Forscher die mit Abstand ältesten Hinweise auf Frühmenschen außerhalb Afrikas entdeckt haben. In Shangchen (Provinz Shaanxi) fanden sie knapp hundert Steinwerkzeuge sowie Tierknochen in Sedimentschichten, die bis zu 2,1 Millionen Jahre alt sind. Bisheriger Rekordhalter ist mit einem Alter von 1,8 Millionen Jahren die Fundstätte Dmanissi in Georgien, an der aber – im Gegensatz zu Shangchen – auch frühmenschliche Knochen entdeckt wurden. Sie werden Homo erectus zugeschrieben.

Der jetzige Fund zeige, dass Vertreter der Gattung Homo Afrika deutlich früher verlassen haben müssen als bisher gedacht, schreibt das Team um Zhaoyu Zhu von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und Robin Dennell von der englischen Universität Exeter im Fachblatt Nature. Ein unabhängiger Experte bewertet die Entdeckung allerdings skeptisch. Dass alle Frühmenschen aus Afrika stammen, gilt als sicher. Dort habe es Hominine vermutlich schon vor mehr als sechs Millionen Jahren gegeben, schreibt John Kappelman von der University of Texas in Austin in einem Nature-Kommentar.

Überraschung am Steilhang

Zum Vergleich: Die bislang frühesten Funde von Homo sapiens sind etwa 300 000 Jahre alt und stammen aus Marokko. Der moderne Mensch verließ Afrika – nach bisherigem Wissensstand – erst vor grob 100 000 Jahren. Andere Frühmenschen, darunter die Vorfahren der Neandertaler (Homo neanderthalensis), waren schon früher außerhalb Afrikas unterwegs. Forscher gehen davon aus, dass sich vor Hunderttausenden Jahren ein ganzes Spektrum verschiedener Menschenarten in Afrika und auch auf anderen Kontinenten tummelte, die inzwischen alle ausgestorben sind – bis auf den Homo sapiens.

In China fanden die Forscher an steilen Hängen des Chinesischen Lössplateaus 96 Steinwerkzeuge. Darunter waren anscheinend mehrfach nachbehauene Objekte, die zum Schneiden, Schaben und Bohren dienten sowie größere Steine, die vermutlich als Hammer genutzt wurden. Fast alle sind aus Quarz oder Quarzit und stammen vermutlich von den fünf bis zehn Kilometer südlich entfernten Ausläufern des Qin-Ling-Gebirges. Zudem fanden die Forscher Tierknochen von Hirschen (Cervidae) und Rinderartigen (Bovidae).

Die Wiege der Menschheit

Datiert wurden die Funde mithilfe des sogenannten Paläomagnetismus. Das Team verglich in den Fundschichten die Ausrichtung magnetischer Mineralien mit der früheren Polarität des Erdmagnetfelds, das sich im Lauf der Erdgeschichte verändert und sogar in gewissen Abständen umpolt. Somit konservieren diese Mineralien die Ausrichtung des Erdmagnetfelds zu einer bestimmten Zeit. Die jüngsten Fundschichten sind den Forschern zufolge etwa 1,3 Millionen, die ältesten 2,1 Millionen Jahre alt. „Das macht es notwendig, die Datierung der anfänglichen Verbreitung der frühen Hominiden in der Welt zu überdenken“, schreibt das Team. „Nature“-Kommentator Kappelman findet die Datierung überzeugend. Die gefundenen Werkzeuge ähneln demnach jenen in Afrika, die aus der gleichen Zeit stammen. Der Anthropologe glaubt, dass schon die Nutzer der neu entdeckten Objekte Vertreter der Gattung Homo waren. Bemerkenswert ist aus Sicht des Experten der Fundort im Osten von Asien – also sehr weit von Afrika entfernt. „Die Reise über grob 14 000 Kilometer von Ostafrika nach Ostasien bedeutet eine Ausdehnung des Lebensraums in dramatischer Dimension“, schreibt Kappelman.

Jean-Jacques Hublin, Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, der an der Entdeckung der ältesten Homo-sapiens-Funde beteiligt war, ist hingegen vorsichtig. „Wenn sich dieser Fund bestätigt, wäre das eine Sensation“, sagt er. Denn er fiele in eine Epoche, die sogar dem Homo erectus in Afrika – die ältesten Funde sind dort 1,9 Millionen Jahre alt – nach derzeitigem Kenntnisstand deutlich vorausginge.

„Wenn man außergewöhnliche Behauptungen aufstellt, braucht man außergewöhnliche Belege“, sagt Hublin. Sowohl der Fundort als auch die Datierung werfen nach Ansicht des Forschers Fragen auf, die noch überprüft werden müssten. Zum einen lasse sich an dem Fundort – äußerst steilen Hängen – nicht ausschließen, dass Objekte aus jüngeren in ältere Lössschichten abgerutscht seien, etwa durch Risse und Spalten. „Wenn man eine Schicht mit Artefakten findet, muss man sie auf einer großen Fläche freilegen und zeigen, dass man eine konstante Verteilung findet. Das sehe ich hier nicht.“ Stattdessen hätten die Forscher die Hänge bislang nur sehr oberflächlich abgetragen.

Darüber hinaus sei die paläomagnetische Datierung anfällig für Fehler: Sie zeige kein absolutes Alter an, sondern nur eine bestimmte Ausrichtung des Magnetfelds, deren Alter sich nicht mit Sicherheit bestimmen lasse. Dennoch sei die Studie interessant, betont Hublin. „Wenn die Behauptung nachgewiesen wird, würde das unsere Sicht auf die Besiedlung der Welt revolutionieren.“ (dpa)

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Elbengerd.

    Nu klar, in China schon wieder. Die können ja viel behaupten. Und dann noch aus Leipzig. Wird zeit dass unser schönes Elbtal mal erforscht wird. Da kommt dann die Wahrheit zu tage!

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