• Einstellungen
Donnerstag, 02.08.2018

„Wir wollen diesen Spagat weiter hinkriegen“

Von Alexander Hiller

Wolfgang Söllner führt den mit knapp 4000 Mitgliedern drittgrößten Sportverein der Stadt – den Traditionsklub Dresdner SC. Er selbst hält sich für motorisch minderbegabt.Foto: Robert Michael
Wolfgang Söllner führt den mit knapp 4 000 Mitgliedern drittgrößten Sportverein der Stadt – den Traditionsklub Dresdner SC. Er selbst hält sich für motorisch minderbegabt. Foto: Robert Michael

© Robert Michael

Wolfgang Söllner ist Rechtsanwalt und sagt von sich, sportlich weniger begabt zu sein. Trotzdem führt der 59 Jahre alte Westfale seit 2013 den Dresdner SC ehrenamtlich als Präsident. Seine Einstellung: „Ich bin begeisterter Sportanhänger, mich kann man auch beim Curling vor den Fernseher setzen.“ Selbst geht er ins Fitnessstudio, stemmt Gewichte, denn: „Dazu bedarf es keiner großen Fähigkeiten.“

Der Verein begeht in diesem Jahr seinen 120. Geburtstag, die Feier wurde aber auf das Jubiläum in fünf Jahren verschoben. Trotzdem blickt Söllner im Interview mit der SZ zurück auf die wechselvolle Geschichte. Er spricht auch über die Probleme der Gegenwart, Pläne für die Zukunft, von denen ein Projekt besonders überraschend kommt.

Herr Söllner, mit welcher Person der DSC-Historie würden Sie sich heute gern mal auf einen Kaffee treffen?

Ich habe zu meinem Geburtstag vergangenes Jahr von einem Freund aus München ein Buch über eine Ikone des DSC geschenkt bekommen: Helmut Schön. Die Biografie ist sehr lesenswert, man erfährt viel über die Geschichte des Vereins. Als Trainer habe ich ihn in meiner Kindheit bewundert, wie toll die Teams 1972 und 1974 Fußball gespielt haben, war ja das Ergebnis seiner Arbeit.

Wussten Sie damals bereits, dass er Dresdner ist?

Nein, ich habe seinen Dialekt nicht zuordnen können. Sein Sächsisch hat er mit Stolz vor sich hergetragen. Seine bescheidene Art fiel mir sehr angenehm auf, jetzt finde ich, es ist ein bisschen typisch für die Menschen in Sachsen. Es wäre eine tolle Sache, mit Schön über seinen Werdegang, seine Beziehung zum DSC und den damaligen wie heutigen Fußball reden zu können.

Wie fühlt sich der Jubilar DSC – altersschwach oder jugendlich frisch?

Dem DSC geht es gut, er hat sich einigen Herausforderungen zu stellen, ist aber gesund, vital und optimistisch, was seine Zukunft betrifft.

Weshalb haben Sie zum 120. Jubiläum keine große Party veranstaltet?

Wir haben das lange und intensiv in Präsidium und Verwaltungsrat diskutiert und uns vorgenommen, uns auf die Feierlichkeiten zum 125. Jubiläum zu konzentrieren. Wir hoffen, dass unsere Heimstätte, das Heinz-Steyer-Stadion, bis dahin fertig rekonstruiert sein wird. Wir haben aber unser Leichtathletik-Jugendmeeting, ein Radevent und ein Fußballturnier im September unter das Motto „120 Jahre DSC“ gestellt – mit den drei Gründungsabteilungen unseres Klubs.

Wie führt man einen Klub mit zehn Abteilungen – ist das ein täglicher Spagat zwischen Breiten- und Leistungssport?

Wir sind ein Gemischtwarenladen im positiven Sinne und mit einer Idee dahinter. Auch wir müssen jedoch zur Kenntnis nehmen, dass das Ehrenamt zunehmend an die Grenzen kommt. Es gibt immer weniger junge Leute, die Lust darauf und daran haben, sich ehrenamtlich im Sportverein zu engagieren. Die Generation der 60-Jährigen plus X, für die das noch zum guten Ton gehörte, tritt nach und nach ab.

Ist das Thema also eine Grundsatzfrage für die Zukunft?

Das ist eine existenzsichernde Herausforderung. Da sind Ex-Sportler ein potenzielles Reservoir. Aber die Bereitschaft ist teilweise ernüchternd. Deshalb haben wir vor drei Jahren beschlossen, dass wir das Hauptamt stärken. Vor zehn Jahren haben wir eine Geschäftsstelle mit zwei Leuten aufgebaut, jetzt sind es sieben Mitarbeiter, die hauptamtlich für den DSC arbeiten. Wir verlieren das Ehrenamt trotzdem nicht aus den Augen. Das klingt pathetisch, aber ich bin unendlich stolz auf unsere Abteilungsleiter.

Weshalb?

Das sind alles kleine Vereinsvorsitzende, die oft allein im Wind stehen, manchmal mit anspruchsvollen Eltern und – im positiven Sinne – sehr anstrengenden Trainern zu tun haben und sich mit sehr knappen Ressourcen auseinandersetzen müssen.

Welche Entscheidungen treffen Sie als Präsident des DSC?

Ein Präsident, der rumeiert und nur hätte, könnte und sollte sagt, hat keine Autorität. Wenn man mal keinen Konsens hinbekommt, muss einfach irgendwann eine Entscheidung her. Meistens konnte ich das vermeiden und mit Überzeugungsarbeit Lösungen finden. Dabei kommt mir meine Ausbildung als Mediator entgegen, denn so fühle ich mich auch. Ich versuche, die verschiedensten Interessen auszutarieren.

Was sicher nicht immer leicht ist, weil beim DSC sowohl Breiten- als auch Leistungssport betrieben wird …

Wir wollen eine gewisse Matrix entwerfen, die grundsätzlich lautet: Im Zweifel geht Leistungssport vor Breitensport. Unsere Kernsportarten Turnen, Leichtathletik und Schwimmen haben Vorrang.

Inwiefern ist der DSC durch die Rahmenbedingungen eingeschränkt?

Die DSC-Trainingshalle im Ostragehege war und ist der entscheidende Baustein für den Erfolg und die Entwicklung des Vereins. Man hätte sich aber nicht träumen lassen, nach 15 Jahren schon an Grenzen zu stoßen. Wir könnten ohne Probleme eine zweite Halle derselben Größe daneben bauen und würden die sofort wieder auslasten. Wir haben Zulauf bei den Turnerinnen, den Sportakrobaten, bei den Leichtathleten, im Gewichtheben. Die Sparte Gesundheitssport schießt durch die Decke. Das ist ein Sportmarkt, der ganz am Anfang steht. Wir sind inzwischen der größte Herzsportanbieter in Dresden. Wohin mit all diesen Interessierten und bereitwillig Sportbegeisterten?

Sie haben dafür eine Vorstellung.

Wir haben ein Projekt angeschoben. Wir möchten in Gorbitz in einer Dreifeld-Turnhalle, die noch gebaut werden muss, einen zweiten Standort entwickeln, dort Fußball, Gesundheitssport und 3D-Kindersport anbieten. Das geht aber nicht ohne die Hilfe der Stadt, wir sind Ideengeber. Bis zur Umsetzung ist es noch ein langer Weg, so lange suchen wir nach Ausweichmöglichkeiten. Sport ist in Dresden eine Wachstumsbranche mit mehr als 100  000 Mitgliedern. Deshalb finde ich es eminent wichtig, was im Ostrapark passieren soll. Ich bin begeistert von der Verwaltung, die dieses Projekt zu ihrem eigenen gemacht hat. Hoffentlich geht das im Herbst durch den Stadtrat.

Der DSC hatte zwei sehr erfolgreiche Phasen in historisch schwierigen Zeiten. Rudolf Harbig und die Fußballer während der Nazi-Zeit, die Athleten des SC Einheit zur Hochzeit des staatlich verordneten Dopingsystems der DDR. Wie geht Ihr Verein damit um?

Das ist kein tägliches Thema. Ich merke, dass der DSC auch stolz auf die Zeit des SC Einheit ist und dass man sich zunehmend gegen den Generalverdacht wehrt, sportliche Erfolge in der DDR mit Staatsdoping gleichzusetzen. Das hat es gegeben, das ist eine historische Tatsache. Doping hat es aber auch im Westen Deutschlands gegeben. Die Erfolge des DDR-Sports waren in erster Linie auf die Qualität der Trainerausbildung zurückzuführen, auf die wissenschaftliche Begleitung und die schlichte Erkenntnis, dass man privilegiert war, wenn man erfolgreich war. Wir verdrängen unsere Vergangenheit nicht, stellen uns einer Diskussion, wenn es sie gibt. Wir verfolgen aber derzeit keine initiativen Ideen, die Vereinsgeschichte historisch aufzuarbeiten. Vielleicht ist das 125-jährige Jubiläum ein Anlass dazu.

Und die Zeit des Nationalsozialismus?

Wir forcieren keine Diskussionen zu diesem Thema, werden das aber immer im historischen Kontext betrachten, dabei möchte ich es eigentlich belassen.

Die Fußballer galten als das wirtschaftliche Problemkind des Vereins. Wie stehen die DSC-Kicker heute da?

Die finanziellen Folgen aus der Insolvenz des DSC Fußball 1998 hätten auch den Gesamtverein in den Abgrund reißen können. Wir haben die Fußballer wieder aufgenommen mit der klaren Vorgabe, dass wir uns im Amateurbereich konsolidieren und Nachwuchsfußballer entwickeln wollen. Das macht Marcus Zillich mit seiner Truppe toll, auch wenn die Männer in die Stadtliga abgestiegen sind.

Besteht das Aufstiegsverbot über die Landesliga hinaus dennoch weiter?

Es gibt dazu keinen Satzungs- oder Präsidiumsbeschluss. Es gibt eine Geschäftsgrundlage, die damals zur Bedingung für die Neugründung der Fußballabteilung gemacht wurde. Wir haben festgelegt, dass es bei den Fußballern nur bis zur Landesliga gehen soll, dabei wird es auch bleiben.

Welche neue Abteilung könnten Sie sich denn noch vorstellen?

Ich plaudere mal aus dem Nähkästchen. Es gibt eine Idee: Ist es sinnvoll, dass der DSC eine Heimstätte für Bobsportler wird? Darüber denken wir nach. Wir könnten mithilfe unserer Gewichtheber- und Leichtathletikabteilung das Basistraining im Sommer anbieten. Und wir haben mit Olympiasieger Martin Grothkopp einen Vorzeigeathleten, der aus dem Verein kommt. Wir könnten ein solches Projekt entwickeln, das geht mir im Kopf herum, ist aber noch nicht spruchreif. Aber wer keine Visionen hat, verwaltet nur noch.

Wo sehen Sie den DSC in zehn Jahren?

Wir wollen trotz der zunehmenden Schwierigkeiten weiter wachsen, aber organisch, nicht um jeden Preis. Ziel ist es, zum 125. Jubiläum das 5 000. Mitglied begrüßen zu können. Der DSC begreift sich aber als Player in der Dresdner Sportlandschaft, natürlich auch bedingt durch seine Größe. Wir wollen als Stimme des Dresdner Sports Gehör finden. Ansonsten wollen wir unseren Nachwuchsleistungssport weiterentwickeln, auf einer großen breitensportlichen Basis. Das bedingt einander. Ohne Breitensport gibt es keinen Leistungssport und umgekehrt. Wir wollen diesen Spagat weiter hinkriegen.

Desktopversion des Artikels