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Donnerstag, 24.05.2018

„Wir waren zu naiv“

Marcel Franke erklärt im SZ-Gespräch, warum Dynamo in den Abstiegskampf der zweiten Liga gerutscht ist.

Von Sven Geisler

Marcel Franke muss Dynamo schon wieder verlassen, sagt aber: „Der Verein ist für mich jederzeit eine Option.“
Marcel Franke muss Dynamo schon wieder verlassen, sagt aber: „Der Verein ist für mich jederzeit eine Option.“

© Ronald Bonß

Die Saison ist vorbei, aber noch lange nicht vergessen. Die Frage, warum Dynamo Dresden den Abstieg aus der zweiten Liga nur knapp vermeiden konnte, hängt nach. Und sie treibt auch einen um, der nur ein halbes Jahr dabei war: Marcel Franke. Der Dresdner kehrte im Januar zurück, um seinem Heimatverein zu helfen. Allerdings hatte der englische Zweitligist Norwich City den 25 Jahre alten Verteidiger nur ausgeliehen, Dynamo keine Kaufoption eingeräumt. Franke muss nach 16 Spielen für die Schwarz-Gelben also wieder auf die Insel, wobei er erst einmal in Dresden noch etwas Besonderes vorhat – was, das verrät er im Interview mit der SZ.

Marcel Franke, was bleibt nach einem halben Jahr zu Hause und bei Dynamo?

Ich habe die Zeit in der Heimat genossen, auch wenn der sportliche Erfolg leider nicht gegeben war. Trotzdem war ich super froh, wieder hier zu sein. Jetzt geht es für mich aber zurück zu Norwich City.

Zu dem englischen Zweitligisten waren Sie im vorigen Sommer aus Fürth gewechselt. Wieso haben Sie sich schon nach einem halben Jahr zu Dynamo ausleihen lassen?

Es war ja nicht so, dass der Verein auf mich zugekommen ist, sondern ich bin auf den Verein zugegangen. Ich war ein bisschen hintendran, hatte nicht mehr gespielt. Trotzdem hätte ich sagen können: Ich bleibe hier und mache mir einen Bunten, die finanzielle Sicherheit habe ich. Aber ich bin 25 und Fußballer, um Fußball zu spielen. Deshalb hat es mich riesig gefreut, bei Dynamo jedes Spiel machen zu können. Ich denke, die Ausleihe nach Dresden war für alle Beteiligten die beste Lösung.

Sie haben Vertrag bis 2020, könnten sich auch noch mal ausleihen lassen?

Sicher, das wäre eine Möglichkeit. Aber im Moment denke ich darüber nicht nach. Ich bin nach England gegangen, um mich in den drei Jahren durchzusetzen und den nächsten Schritt zu machen. Dafür habe ich in Norwich bessere Chancen gesehen als zum Beispiel bei einem Bundesligisten, bei dem ich vielleicht der vierte Mann gewesen wäre.

Wissen Sie denn, wie Norwich weiter mit Ihnen plant?

Scouts von Norwich haben sich zwei, drei Spiele von mir bei Dynamo angeguckt, ich habe einen Trainingsplan für die Pause bekommen, am 26. Juni starten wir in die Vorbereitung auf die neue Saison.

Haben Sie sich von der Rückkehr zu Dynamo mehr versprochen?

Ich wusste, dass es angesichts der Tabellenkonstellation zur Winterpause in alle Richtungen gehen kann. Natürlich wollte ich lieber oben mitspielen. Aber in der Rückrunde lief es nicht rund. Wir können froh sein, dass wir es gepackt haben und dringeblieben sind.

Dynamo hat sich gerade noch mal über die Ziellinie gerettet …

Das kann man so sagen. Wer etwas anderes erzählt, lügt sich selber an.

Wo sehen Sie die Ursachen?

Wenn du zum Start gegen St. Pauli und in Sandhausen erst mal auf den Sack kriegst, ist die Euphorie gleich gebremst. Danach haben wir uns das Leben meist selber schwergemacht. Okay, wir hatten mehr Ballbesitz, das Spiel gemacht. Letztlich ist entscheidend, was dabei rumkommt. Wenn du keine Ergebnisse einfährst, hilft dir auch ein schönes Spiel nicht. Wir haben vorne nicht die Torausbeute geschafft, die mit unseren Chancen möglich gewesen wäre und uns hinten selber bestraft, weil wir uns in vielen Situationen dämlich angestellt haben. Wenn ich mein Ding gegen Union sehe! Wir verteidigen 80, 82 Minuten gut, dann kommt ein Ball rein, und der Stürmer steht frei, weil ich als Innenverteidiger gepennt habe. So ehrlich müssen wir alle sein. Ich glaube nicht, dass sich einer hinstellen kann nach dieser Saison und sagen, er habe seine beste Leistung gebracht.

Woran lag es? Am Druck, an der Kondition, am Spielsystem?

Das war sicher ein Mix von allem, wobei ich denke, dass es an der Kondition am wenigsten gelegen hat. Es ging eher darum: Wollten wir es genau in dem Moment abrufen? War uns in der Szene, in der wir vorne den Ball verloren haben und nicht hinterhergerannt sind, bewusst, dass es hinten brennen kann? Dafür hat uns manchmal das Bewusstsein gefehlt.

Also eher ein Mentalitätsproblem?

Das wäre mir zu weit gefasst. Ich will auch nicht sagen, es lag an der Formation oder am Fußball. Natürlich hätten wir zielstrebiger spielen müssen, aber der Trainer würde sich sicher auch nicht hinstellen und behaupten: Das wollte ich nicht. Wir hatten in manchen Phasen zwar viel Ballbesitz, aber nur in der eigenen Hälfte, weil wir uns den Ball hin und her gespielt haben und nicht nach vorne gekommen sind. Druck und Nervosität kommen dazu, wenn du unten drinstehst. Du spielst vor 30 000 Zuschauern und weißt zwar, dass sie dich zu tausend Prozent unterstützen, aber auch: Wenn das Ding schiefgeht, rutschen wir weiter nach unten, und die Fans sind noch mehr enttäuscht. Mir kann keiner erzählen, dass er im Abstiegskampf in ein Spiel geht und nicht nervös ist.

Haben der Mannschaft Erfahrung und Führungskräfte auf dem Platz gefehlt?

Das würde ich nicht abstreiten. Wir sind eine junge Truppe, waren manchmal ein bisschen zu grün hinter den Ohren. Wenn ich das Spiel gegen Düsseldorf sehe: Wir machen das 1:1 – danach hätten wir sagen müssen: Den Punkt nehmen wir mit. Nein, wir spielen wie eine A-Jugend-Mannschaft, gehen aufs zweite Tor kriegen kurz vor Schluss einen rein. Da waren wir zu naiv.

Also fehlte Führung auf dem Platz?

Ja, da müssen wir Spieler uns mehr in die Pflicht nehmen – auch ich.

Gibt es eine Restchance, dass Sie nächste Saison doch für Dynamo spielen?

Jeder weiß, was mir Dynamo bedeutet und dass der Verein für mich jederzeit eine Option ist. Das ist immer so gewesen und wird immer so sein. Aber ich habe mit der Insel noch nicht abgeschlossen. Mein Plan war und ist, mich in England durchzubeißen. Ich bin weder gescheitert noch ist das Kapitel für mich beendet.

Wo verbringen Sie Ihren Urlaub?

Wir haben im Oktober geheiratet, jetzt feiern Jenna und ich mit Familien und Freunden die Hochzeit in Dresden, danach geht es nach Kreta in die Flitterwochen.

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