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Freitag, 14.09.2018

„Wir können uns Ärzte nicht backen“

Das erklärte der Präsident der Landesärztekammer in Weißwasser. Eine Landarztquote lehnt er ab.

Von Constanze Knappe

Dr. med. Karsten Brußig, Ärztlicher Direktor des Kreiskrankenhauses Weißwasser, setzt auf eine veränderte Dialogkultur zwischen Praxen und Kliniken.
Dr. med. Karsten Brußig, Ärztlicher Direktor des Kreiskrankenhauses Weißwasser, setzt auf eine veränderte Dialogkultur zwischen Praxen und Kliniken.

© Joachim Rehle

Weißwasser. Woher kriegt man einen Arzt? Die Gretchenfrage beschäftigt Patienten sowieso, aber auch kommunale Verantwortungsträger und andere, die von Amts wegen für die medizinische Versorgung zuständig sind. Dass es dafür kein Patentrezept gibt, machte einmal mehr das zehnte Treffen des Netzwerks „Ärzte für Sachsen“ am Mittwoch in Weißwasser deutlich. 168 Partner sind daran mittlerweile beteiligt, darunter 75 Krankenhäuser, Medizinische Versorgungszentren und Praxen, ärztliche Berufsverbände, Krankenkassen, aber auch 35 Kommunen. Wie die Referatsleiterin Ina Kokel von der Stadtverwaltung Weißwasser waren auch die Bürgermeister Rüdiger Mönch (Krauschwitz) und Ralf Bremer (Rietschen) zu dem Treffen gekommen.

Es fand erstmals in Weißwasser statt. „In einer kleinen, schönen Stadt“, deren liebenswerte Seiten Hartmut Schirrock hervorhob. „Aber das Alleingelassenwerden in den Randgebieten ist nicht wegzureden“, wandte sich der Stadtrat und stellvertretende Bürgermeister an die Landespolitik. Eine zusätzliche Institutsambulanz am Kreiskrankenhaus in Weißwasser könnte helfen, den Bedarf in der hausärztlichen Versorgung zu decken. „Es muss endlich konkret werden“, forderte er.

Die Entscheidung, neben Marienberg auch Weißwasser als Modellregion für den Entwicklungsbedarf in der medizinischen Versorgung auszuwählen, begrüßte Dr. med. Karsten Brußig ausdrücklich. Der Ärztliche Direktor des Kreiskrankenhauses Weißwasser sieht darin Chancen für die Nachwuchsgewinnung und für neue Ideen in der Versorgung. Kriterien müssten auch eine auskömmliche Finanzierung, eine engere interdisziplinäre Zusammenarbeit und eine veränderte Dialogkultur zwischen Praxen und Kliniken sein, sagte er.

„Der Anspruch an die medizinische Versorgung ist, dass sie für jeden und jede erreichbar, wohnortnah vorhanden, qualitativ hochwertig und bezahlbar ist“, erklärte Regine Kraushaar. „Aber die Bürger erleben es anders“, so die Staatssekretärin im Sächsischen Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz. Sieben Arbeitsgruppen betrachten die beiden Modellregionen. Während es in Marienberg um ein Ländliches Gesundheitszentrum geht, ist in Weißwasser „modellhaft zu erproben, ob und inwieweit Zweig- oder Satellitenpraxen oder ein Ärzte-Campus einen Versorgungsbeitrag leisten können.“ Untersucht werde ebenso, wie man Menschen aus den Dörfern am besten zum Arzt bringt, etwa mit einem Patientenbus. Vorgestellt wurde bei dem Treffen im E-Werk Weißwasser die Einführung der Telemedizin im Vogtlandkreis, wo der erste von drei Standorten ab Januar 2019 Sprechstunden per Video anbietet. Die Kassenärztliche Vereinigung in Sachsen informierte über die Anstellung von Ärzten in eigenen KV-Praxen, um sie in die Selbstständigkeit zu führen.

Für all das wie auch für Satellitenpraxen in Weißwasser brauche man Ärzte. „Wo aber kriegt man die her?“, wollte Dr. med. Steffen Busse wissen. In den vergangenen fünf Jahren habe er nur drei Bewerber mit Deutsch als Muttersprache gehabt. „Ohne die ausländischen Kollegen wie die aus Rumänien würde im Krankenhaus Weißwasser nur noch wenig gehen“, so der Chefarzt der Inneren Abteilung.

Neue Hürde für ausländische Ärzte

Für geradezu grotesk hält er, dass ausländische Ärzte neben der Berufserlaubnis neuerdings eine Fachsprachenprüfung brauchen. Mit einer Wartezeit von einem Jahr. Der Arzt aus Aserbaidschan, der diese Prüfung im Juli ablegte, habe bis heute keine Papiere darüber. Aber erst dann könne er eingestellt werden. „Das dauert alles viel zu lange. Die Ausländer vorher brauchten das nicht und sind trotzdem gute Ärzte“, so Dr. med. Steffen Busse. Das Krankenhaus habe vorher während der halbjährigen Probezeit selbst herausgefunden, ob der- oder diejenige fachlich, menschlich und interkulturell passt, egal woher er oder sie kam.

„Wir können uns Ärzte nicht backen“, beschrieb Erik Bodendieck das Dilemma. Die Oberlausitz sei zwar schön, aber „eben nicht unbedingt das Ziel der Absolventen“, so der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer. Immer wieder erinnere er angehende Mediziner daran, dass sie mit dem aus Steuern finanzierten teuren Studium in gesellschaftlicher Verantwortung stünden. Das sei noch nicht bei jedem Studenten angekommen. Dennoch lehnt er eine Landarztquote ab. 2014 gab es nach seiner Aussage 30 Facharztprüfungen zum Hausarzt, 2018 an die 80. Zudem befänden sich 300 junge Leute in der allgemeinmedizinischen Ausbildung. Das löse zwar noch nicht das Problem, aber man sei auf einem guten Weg, so Erik Bodendieck. Als hinderlich bezeichnete er den Numerus clausus. „Immer häufiger wollen Hochbegabte mit 1,0-Abitur Medizin studieren, aber keine Patienten behandeln. Und diejenigen mit hoher sozialer Kompetenz, die wir eigentlich brauchen, kommen nicht ans Medizinstudium ran“, sagte er. Vielfach würden sie in den Wartesemestern eine Ausbildung zu Rettungsassistenten oder in Pflegeberufen machen und wüssten genau um die Bedeutung des Hausarztes. Die Landesärztekammer strebt deshalb einen Modellstudiengang für Teilnehmer ohne 1,0-Abitur an.

Allen Medizinstudenten in Sachsen wird ein Stipendium angeboten, wenn sie sich verpflichten, sechs Jahre als Hausarzt zu arbeiten. „Seit 2013 hat der Freistaat 20 unter Vertrag, die ersten fünf ließen sich 2017 mit einer Praxis nieder. Das ist mühsam, aber momentan sehen wir noch keine andere Lösung“, so Andrea Keßler, Referatsleiterin im Sozialministerium. Und: Medizinstudium, Facharztausbildung, womöglich Kind und Familie – es dauert elf bis zwölf Jahre, bis der Arzt in der Praxis draußen angekommen ist, sagte sie.