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Donnerstag, 09.08.2018

Wieder alles im Fluss

Jede Woche spult Tom Liebscher bis zu 150 Kilometer auf der Elbe ab. Der Dresdner Kanute will 2020 seinen größten Erfolg wiederholen: den Olympiasieg. Dabei hat er schon ans Aufhören gedacht.

Von Fabian Schröder

Ein Kraftpaket in der Elbe

Ein Schlag ins Wasser so heftig wie drei Zementsäcke schwer: Kanu-Olympiasieger Tom Liebscher trainiert fast täglich, damit er seinen Erfolg 2020 in Tokio wiederholen kann.
Ein Schlag ins Wasser so heftig wie drei Zementsäcke schwer: Kanu-Olympiasieger Tom Liebscher trainiert fast täglich, damit er seinen Erfolg 2020 in Tokio wiederholen kann.

© Robert Michael

Ein Hoch jagt das nächste, alles ächzt, schwitzt und stöhnt. Niemand will sich bewegen, keinen Zentimeter! „Na dann wollen wir doch mal.“ Es ist vormittags halb elf, von oben brät die Sonne. Oberkörperfrei tritt Tom Liebscher vor die Tür des Vereinshauses des Kanu Club Dresden. Nur die durchgehend haselnussbraune Farbe seiner Haut zeigt: Dieser Sommer geht auch an ihm nicht spurlos vorbei. Olympiasieger kennen kein Hitzefrei, stellt der 25-Jährige gleich zu Beginn klar. „In einer harten Woche komme ich momentan auf 20 bis 25 Stunden im Boot und 150 Kilometer. In einer lockeren sind es nur 15 Stunden mit 80 Kilometer.“ Dann streift sich der Kanute sein Trainingsleibchen über. Unterarm, Oberarm, Bauch – jeder erkennbare Muskel zuckt einmal kurz. Auf der Brust prangt der Adler des Nationalteams. Ein Symbol, dass er es in seinem Sport schon ganz nach oben geschafft hat.

„Im Alter von zehn Jahren habe ich angefangen zu paddeln“, erinnert sich Liebscher. Die Mutter war zu DDR-Zeiten Kanutin, die große Schwester machte es vor ihm. Etwas anderes kam für ihn gar nicht infrage. Sein Blick schweift hinunter zur Elbe, dann hinauf in den Bootsschuppen. Dort lagern Dutzende Kajaks aller Größen bis unters Dach gestapelt. Der kurze Blick aufs Wasser genügt, um zu wissen, welches davon an diesem Tag am besten passt.

Ein Kraftpaket in der Elbe

Aus zwei Meter Höhe fischt Liebscher ein Zweier-Kajak von der Halterung: 18 Kilogramm schwer, sechseinhalb Meter lang. Eingeklemmt zwischen Hals und Schulter trägt er es über den Elberadweg bergab zum Anleger seines Vereins in Blasewitz. Der Karbonrumpf gleitet über seine Arme sanft zu Wasser. Kein Platschen oder Geräusch der Anstrengung sind zu hören. Mit Daumen und Zeigefinger wischt er sich ums Kinn, als wollte er ein Schmunzeln unterdrücken. „Auch wenn es am Anfang mit der Paddelei nicht wirklich rund lief, war es von jetzt aus betrachtet doch eine ganz gute Entscheidung“, sagt er und lächelt schließlich doch.

Für Liebscher ist es immer steil nach oben gegangen. „Nach kleinen Wettkämpfen kamen größere internationale, dann auch einige Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften. 2012, also mit 19 Jahren, kam ich zum Nationalteam. Für Olympia in London war es zwar noch zu knapp, aber ich war immerhin Ersatzmann. Und vier Jahre später dann Rio: Olympiasieg im Vierer.“ Liebscher zählt seine Erfolge auf und setzt sich in das Kajak. Die Spitze zeigt Richtung Blaues Wunder. Fünf, sechs Paddelschläge genügen, jeder Schlag so hart wie fast drei Zementsäcke schwer. Bis zu 65 Kilogramm Druck lasten in solchen Momenten am äußeren Ende des Paddels im Wasser. Rasant nimmt das Boot Tempo auf und ist fast so schnell wie ein Fahrrad, das auf dem parallel verlaufenden Radweg fährt.

360-Grad-Video: Trainingsrunde mit einem Olympiasieger

So golden wie die Sonne jetzt über die von ihm erzeugten Wellen in der Elbe tänzelt, lief es unmittelbar nach seinem wahrgewordenen Olympiatraum jedoch nicht. Was nur wenige wissen: Liebscher, der von seinem Trainer Jens Kühn schon als Kronprinz des deutschen Kanuverbandes geadelt wurde, stand an einem Scheideweg. „Was treibt mich jetzt noch an, habe ich mich im Herbst 2016 gefragt.“ Der grandiose Erfolg im Vierer-Kajak über 1 000 Meter beförderte den Dresdner katapultartig in eine große Umlaufbahn im eigentlich kleinen Universum des Kanusports.

„Das war der Wahnsinn und hat mich schon ein bisschen überrumpelt.“ Bilder von ihm mit der Goldmedaille um den Hals erschienen auf allen möglichen Nachrichtenseiten im Internet - und auf der Titelseite der SZ. Unmittelbar danach, so sagt er heute, ist es ihm schwergefallen, tagtäglich durch die Tür des Vereinshauses zu gehen, um Marathondistanzen auf der Elbe abzuspulen. „Ich hätte mich auch jedes Mal umdrehen, wieder ins Auto setzen können – und gut“, beschreibt er gelassen die wohl schwierigste Phase seines bis dahin bilderbuchhaften Sportlerlebens.

Einfach aufhören, das hätte zu dem 1,89 Meter großen Kraftpaket aber nicht gepasst. Zu groß der Hunger auf Erfolge und die Leidenschaft, die ihm 2016 wiederholt die Auszeichnung „Dresdens Sportler des Jahres“ einbrachte. Und dann war da noch die gefühlte Heim-WM in Tschechien im nur rund 100 Kilometer entfernten Racice. „Da waren richtig viele Leute mitgekommen. Bestimmt 150 Freunde, Betreuer, Wegbegleiter, auch Dresdens OB Hilbert – und ich gewinne Gold im Einer über 1 000 Meter.“ Liebschers Stimme geht hoch. So muss es klingen, wenn bei diesem sonst so abgeklärten Typen ein Schub Endorphine durch den Körper rauscht. Im Kanusport ist der sogenannte K1 über 1 000 Meter die Königsdisziplin. „Dieser Sieg fühlte sich an wie der nächste logische Schritt nach dem Übergangsjahr, in dem wirklich gar keine Motivation da war. Jetzt bin ich wieder in so einem Trott und lege den Fokus auf Olympia 2020 in Tokio.“ Die Eigenmotivation und der Antrieb seien wieder da, sagt er, und ist schon am Blauen Wunder angekommen. Schweißperlen auf der Stirn: Fehlanzeige.

Zwei, die sich die Liebe für das Gleiche teilen

Positive Energie schöpft Liebscher aber nicht nur aus seinen jüngsten sportlichen Erfolgen, wie etwa dem Sieg im Einer über 1 000 Meter bei den europäischen Unimeisterschaften Mitte Juli. Auf Instagram postete er im Sommer auch ein Foto von sich im Boot und mit einer jungen Frau am linken Bildrand im Vordergrund. Daneben steht mit einem zwinkernden Emoji „new coach“, was so viel wie „neuer Trainer“ heißt. Gemeint ist seine Freundin Dora Lucz.

Auf Liebschers Instagram-Account findet man in jüngster Vergangenheit immer wieder Verweise oder Herzchen an jenen Stellen auf abfotografierten Ergebnislisten, wo ihr Name steht. Lucz ist wie er im Kanusport aktiv und ebenso erfolgreich. Zwei Europameistertitel und Doppel-Gold bei der U23-WM vor zwei Jahren stehen zu Buche. „Wir sind seit etwa zehn Monaten zusammen“, verrät Liebscher. „So oft es geht, versuchen wir uns zu sehen. Das klappt meistens alle zwei Wochen.“ Die Fernbeziehung erfordert eine gewisse Logistik und Reisefreudigkeit. „Aber das mag ich so.“ Liebscher lenkt das Gespräch schnell zurück aufs Sportliche. Doch die Trennung von Privatleben und Beruf wird ihm nicht immer gelingen. Spätestens bei der Kanu-WM Ende August kommt beides zusammen: Lucz reist für Ungarn und Liebscher für Deutschland ins portugiesische Montemor o Velho, wo jüngst auch die Uni-EM stattfand. „Da wird sich jeder voll auf sich fokussieren. Im Wettkampf ist eben jeder so ein bisschen sein eigenes Arschloch“, sagt er und lacht verschmitzt. Noch mehr als auf diese WM freue er sich auf die im kommenden Jahr: „Da sind wir in Szeged, dem Mekka des Kanusports. Dort kommen 40 000 Leute an die Strecke und jubeln den Athleten zu. Das wird großartig.“

#newcoach

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Unterdessen nähert sich ein Dampfer mit Kurs Richtung Loschwitzer Brücke. „Die Schifffahrt hat immer Vorrang. Wer das beachtet, dem passiert nichts.“ Gefährlicher als andere Schiffe sei höchstens die Strömung in Sachsens größter Wasserstraße. „Es ist schon ein Unterschied, ob der Pegel bei 55 Zentimeter wie jetzt oder bei fünf Meter steht. Bis dahin dürfen wir paddeln.“ Inzwischen peilt Liebscher schon wieder den Anleger an. Wie an der Schnur gezogen geht es gegen den Strom elbaufwärts. 300 Meter hin, wieder zurück, kleine Pause und etwas plaudern. Kurz nach dem Ablegen ist er schon wieder da und hebt das Boot aus dem Wasser. Mit derselben Leichtigkeit trägt er es den Hang hinauf zum Vereinshaus, wie er es zuvor runter gebracht hat. Er packt das Sportgerät auf zwei Böcke und scherzt: „Das war jetzt eine ganz kurze Einheit.“ Eine für die Galerie. Denn normalerweise ist er anderthalb Stunden unterwegs. Mit einem Lappen, den er zum Knäuel zusammenpresst, wischt er behutsam das Kanu trocken.

Wer Liebscher in diesem Moment zusieht und zuhört, erkennt einen in sich ruhenden Menschen. Aber auch einen, der sich darüber freut, wenn das Interesse an seiner Sportart wächst. Trotz vieler Erfolge fällt einem Einzelathleten wie ihm die Eigenvermarktung unheimlich schwer. „Wir Kanuten tauchen acht Monate im Jahr ab, haben im Sommer fünf Wettkämpfe, in denen wir uns zeigen, dann war es das wieder. Das ist nicht so wie bei Spielsportarten, wo man fast jede Woche etwas zu erzählen hat.“ Als Sportsoldat ist er zwar abgesichert. Um sich aber tatsächlich das Spitzensportlerleben leisten zu können, ist er auf Sponsoren angewiesen.

Die Stadt hilft ihm mit einem Stipendium und die sogenannte Top-Sponsoring-Initiative Dresden gibt den wohl entscheidenden Vermarktungskick. „Die Initiative hat ein lokales Sponsoren-Netzwerk geschaffen und hilft Sportlern wie mir durch die Saure-Gurken-Zeit.“ Dazu kommt noch etwas eigene Öffentlichkeitsarbeit. „Dank sozialer Medien ist das aber inzwischen recht einfach. Da postet man im Winter auch mal ein Bild vom Training in Florida oder aus Spanien und ist sichtbar.“ Mit seinen knapp 8 000 Followern auf Instagram und fast genauso vielen auf Facebook hat sich Liebscher in den vergangenen anderthalb Jahren eine stetig wachsende Fanbasis aufgebaut.

Schuften für das eine große Ziel

Die letzten nassen Stellen auf dem Kajak werden abgetupft. „Boot und Paddel kommen jetzt wieder dorthin, wo ich alles herhatte.“ Im Bootsschuppen herrscht Ordnung - wie überall in Liebschers Leben. „Anders würde ich das alles auch gar nicht unter einen Hut bekommen.“ Bis zu viermal Training am Tag, Videoanalysen, Telefonate mit seinen Trainern, Sponsorentermine, zwischendurch Physiotherapie und selber Mittagessen kochen. Dann noch ab und zu nach Ungarn düsen, um die Freundin zu sehen. Und wenn nicht dorthin, dann alle drei Wochen mit dem Nationalteam irgendwohin ins Trainingslager fahren. Als zweites Standbein bezeichnet Liebscher sein Verkehrsingenieurstudium an der TU. „Kanusport kann man bis Mitte 30 professionell betreiben. Vielleicht ist es aber auch gut, auf dem Höhepunkt einen Schlussstrich zu ziehen. Man muss halt gucken, dass man ein ‚soft landing‘ hinbekommt. Deshalb studiere ich noch nebenbei.“

Die Aussage lässt Raum für Spekulationen, was nach den Olympischen Spielen kommen könnte. In Tokio will es Liebscher am liebsten so wie in Racice vergangenen Sommer im Einer über die 1 000 Meter machen. „In dieser besonderen Bootsklasse treten über diese Distanz nur die allerbesten jeder Nation an.“ Er reibt sich kurz die Hände und blickt wieder hinunter auf die Elbe. Bis Sommer 2020 wird er diesen Weg noch Hunderte Male abschreiten. Mit Boot auf der Schulter und diesem einen großen Ziel vor Augen: einmal der Allerbeste sein.

So sind die Fotos für diesen Artikel entstanden

Fotograf Robert Michael ist samt Kamera und Blitz in die Elbe gestiegen. Um Tom Liebscher frontal in Aktion zu fotografieren, beschleunigte der Kanute zweimal explosiv und steuerte direkt auf den Fotografen zu. Jeweils im letzten Moment lenkte er ein und fuhr dicht an Michael vorbei.

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