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Mittwoch, 12.09.2018

Wie viel Bauhaus steckt im Volkshaus?

Der Verein Neufert-Bau will im Bauhaus-Jahr dem Lagerhaus und der Stadt Weißwasser mit Kunst eine größere Geltung verleihen.

Von Christian Köhler

Der Neufert-Bau in Weißwasser. Seine Sanierung, so Holger Schmidt vom Trägerverein, würde rund 1,6 Millionen Euro kosten.
Der Neufert-Bau in Weißwasser. Seine Sanierung, so Holger Schmidt vom Trägerverein, würde rund 1,6 Millionen Euro kosten.

© Christian Köhler

Weißwasser. Eigentlich hat Professor Holger Schmidt, Vorsitzender des Vereins Neufert-Bau, über ein Kunstprojekt berichten wollen, das ab kommender Woche in Weißwasser anläuft. Dann aber sagt er Folgendes: „Der Vorsitzende der Denkmalkommission in Weißwasser, Günter Segger, hat herausgefunden, dass der Architekt des Volkshauses in Weißwasser ebenfalls für das Bauhaus gearbeitet hat.“ Das werde derzeit intensiv geprüft. Bislang war bekannt, dass Emil Lange, der Architekt des Volkshauses, in Breslau tätig gewesen ist – unter anderem wirkte er am Entwurf der Chemiefabrik in Lauban (heute polnisch Luban) mit. Dabei, so Holger Schmidt weiter, war Emil Lange ab 1922 Syndikus am Bauhaus in Weimar, bevor er 1924 als selbstständiger Architekt nach Breslau ging. Gut ein Jahr später, 1925, wurde mit der Planung des Weißwasseraner Volkshauses begonnen. 1930 wurde der große Saal eingeweiht, der nun seit 2004 leer steht und seit 2006 nach einem Brand ein eher trostloses Dasein fristet.

„Die Frage ist, wie viel Bauhaus steckt im Volkshaus und wie lässt sich dies in der Zukunft nutzen?“, sagt Holger Schmidt. Immerhin steht 2019 das Bauhausjahr ins Haus. Städte und Gebäude, die auf jene Architektenlehre vom Anfang des 20. Jahrhunderts zurückgehen bzw. Beispiele des Stils besitzen, wollen in diesem Jahr besonders glänzen. „Wir haben uns deshalb für ein Projekt bei der Kulturstiftung des Bundes beworben“, erläutert der Vereinsvorsitzende vom Neufert-Bau. Und der Weißwasseraner Verein hat neben Weimar, Düsseldorf oder Berlin eben auch einen Zuschlag erhalten. „Im Rahmen dieses Fonds erhält der Verein Neufert-Bau Weißwasser 150 000 Euro für ein Projektvorhaben, das mit Blick auf andere Regionen in Europa ein Beispiel für mögliche Transformationen im Stadtraum geben möchte“, teilt die Kulturstiftung des Bundes mit. Mit Mitteln des Freistaates stehen insgesamt 220 000 Euro für das Projekt zur Verfügung.

Dabei gehe es nicht darum, die Gebäude zu erneuern, sondern sie künstlerisch in Szene zu setzen: „Unser Ziel ist also, nationale und internationale Aufmerksamkeit für den Neufert-Bau zu erlangen“, so Schmidt. Und der Neufert-Bau verdankt seinen Namen einem der namhaftesten Architekten des Bauhauses: Ernst Neufert.

Neufert und Wagenfeld

Der zweite Ehrenbürger der Stadt und Bauhausschüler, Wilhelm Wagenfeld, hatte seinerzeit Ernst Neufert darum gebeten, ein Lagergebäude für die Lausitzer Glaswerke zu entwerfen – der heutige Neufert-Bau. Der 1937 fertiggestellte Bau diente zur Lagerung, bevor er zu DDR-Zeiten vom Konsum genutzt wurde. Anhand des Neufert-Baus lässt sich also gewissermaßen die Geschichte der Stadt Weißwasser nacherzählen – von einem kleinen Dorf entwickelte sich Weißwasser wegen der Bodenschätze zu einem der bedeutendsten Glaszentren der Welt. „Heute ist davon nicht mehr viel übrig, aber für die Geschichte der Stadt ist der Bau überaus wichtig“, so Schmidt. Ihm gehe es nicht um ein Gegeneinander, etwa Neufert-Bau gegen Volkshaus, sondern „vielmehr darum, die Gebäude für die Nachwelt zu erhalten“. Dazu allerdings werde es neben reichlich Überzeugungsarbeit auch Konzepte für eine spätere Nutzung geben müssen. Der Bau etwa werde derzeit immerhin von zwei Unternehmen genutzt. „Wir wollen das Gebäude auch künftig als Lagerhalle nutzen“, so Schmidt. Allerdings könne mit den einzelnen Mietern immer noch über weitere Nutzungsideen diskutiert werden. Wenn, ja wenn das Gebäude einmal gesichert ist.

Kunst als Katalysator

Um den Neufert-Bau überhaupt ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, beginnt in der kommenden Woche besagtes Kunstprojekt. Hendrik Scheel ist vom Verein dafür beauftragt worden. „Mir geht es nicht nur um den Neufert-Bau, sondern gewissermaßen um die gesamte Stadt“, erklärt er. Er sehe Weißwasser insgesamt als Bühne, als Raum, der vor allem durch Funktionalität entstanden ist. Erst nämlich schuf die Glasindustrie ein Stadtwachstum, dann die Energieindustrie. „Beide Industriezweige sind oder werden in den Jahren vergehen“, konstatiert Scheel und fragt: „Wie aber werden diese Leerstellen nun besetzt? Wie nutzen die Bürger ihre Stadt?“

Insgesamt sind fünf Kunst-Werkstätten, an denen vor allem Einheimische teilnehmen können und sollen, vorgesehen, um sich diesen Fragen zu nähern. Am Ende sollen eine Theateraufführung im Juni und ein Dokumentarfilm im Oktober 2019 stehen. „Von Anfang an wollen wir Wilhelm Wagenfeld und Ernst Neufert wieder lebendig werden lassen“, sagt Scheel. Denn sie haben der Stadt letztlich – neben dem Eishockeysport – zu großer Berühmtheit verholfen. „Wir haben zwei Schauspieler im Team, die an den Werkstätten, die im kommenden Jahr beginnen, mitwirken“, erklärt Hendrik Scheel. Theater, Tanz, Choreografie und Musik, Film sowie eine Raum- und Objektwerkstatt sollen angegangen werden. Zunächst wolle man mit Schülern und Vereinen ins Gespräch kommen, die daran teilnehmen. Ab Februar nächsten Jahres sind dann die Bewohner gefragt. „Das Ganze steht und fällt mit den Einwohnern und denen, die dabei mitmachen wollen“, sagt Christin Lehmann, die an dem Projekt ebenfalls beteiligt ist.

Am 3. Oktober gibt es eine Auftaktveranstaltung in der Telux. Am Marktplatz wird ein Büro eingerichtet.