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Samstag, 10.11.2018

Wie Hagenwerder über den Sportplatz diskutiert

Beim Bürgerabend platzte noch mal manchem der Kragen. Doch es gab auch Versöhnliches.

Von Daniela Pfeiffer

Volles Haus: Zum Informationsabend der ISG Hagenwerder kamen am Donnerstag viele Vereinsmitglieder, aber auch weitere Einwohner in die Bahnhofsgaststätte Hagenwerder. Auch Jürgen Heidrich vom Vorstand (rechts) sprach hier Klartext.
Volles Haus: Zum Informationsabend der ISG Hagenwerder kamen am Donnerstag viele Vereinsmitglieder, aber auch weitere Einwohner in die Bahnhofsgaststätte Hagenwerder. Auch Jürgen Heidrich vom Vorstand (rechts) sprach hier Klartext.

© nikolaischmidt.de

Fußball – der Sport der Emotionen. Wer kann schon ein Spiel schauen, ohne mitzufiebern oder zu fluchen. Die eine oder andere Frau vielleicht. Klar, dass die Nerven blankliegen, wenn dann so etwas passiert wie in Hagenwerder: Den Fußballern, klein wie groß, wird ihr Platz genommen. Warum, wieso, weshalb – das erklärte der Vorstand der ISG Hagenwerder beim Bürgerabend am Donnerstag.

Minutiös wurde aufgelistet, was seit dem August-Hochwasser von 2010 passierte, welche Informationen es gab, welche Gespräche. Zum ersten Mal konnte der Vereinsvorstand vor Vereinsmitgliedern und Bewohnern so offen sprechen. Gegenüber den Medien und Politikern hatte man das seit Bekanntwerden der Stilllegung Anfang Oktober zur Genüge getan – der Kampf um den Erhalt läuft seitdem unermüdlich.

Vor den eigenen Leuten darüber zu reden, das ist aber noch einmal etwas anderes. Es geht schließlich um die gemeinsame Geschichte, gemeinsame Arbeit, gemeinsamen Verlust. Mehrere Ältere meldeten sich zu Wort, die besonders um die Tradition der ISG wissen, die sie zum Teil selbst mit aufgebaut haben. So wie Peter Grützner. 500 freiwillige Arbeitsstunden habe er beim Aufbau des Platzes und der Traversen geleistet. Ihn macht es wütend, zu sehen, wie das nun mit Füßen getreten wird. „Die Stadt hat Dreck am Stecken“, sagt er unumwunden und wundert sich, wie jemand auf eine Schadenssumme von etwa 200 000 Euro kommen will – nur für die Hochwasserschäden vom 7. August 2010. „Es waren nicht mal 2 000 Euro“, schätzt Grützner selbst. „Nur die Trainerbänke waren kaputt, das haben wir selber behoben.“ Wie die Stadt im ersten Fördermittelantrag für das Stadion der Freundschaft – das als Ersatz für den Sportplatz und das Sportzentrum Hagenwerder schließlich saniert wurde – auf eine Schadenssumme von 1,9 Millionen kam, die wenig später sogar auf fünf Millionen Euro nach oben korrigiert wurde, das würden die Menschen in Hagenwerder gern mal richtig erklärt bekommen. Sie wissen zwar, dass vorher von Sanierung, später eben von Neubauten die Rede war, aber wie konnte sich der Schaden so dramatisch ändern?

Wirklich Antwort auf ihre Fragen bekamen sie im Laufe der Jahre nie. Nicht mal Ortsvorsteher Andreas Zimmermann, der für die CDU im Stadtrat sitzt und sich jetzt Vorwürfen ausgesetzt sieht, doch lange von der drohenden Stilllegung gewusst zu haben. Denn seit 2015 war bekannt, dass Sachsen als Fördermittelgeber im Gegenzug für die Stadionsanierung die Sportplatz-Stilllegung forderte. Weil es sonst ja kein Ersatz gewesen wäre, wenn beide Sportstätten weiter in Betrieb blieben.

„Es stimmt, das wussten wir seit 2015“, sagte Zimmermann am Donnerstag. „Aber auf jede unserer Nachfragen im Rathaus wurde uns versichert, wir müssten uns keine Sorgen machen. Und wir sollten Stillschweigen bewahren, um die Verhandlungen der Stadt mit Dresden nicht zu gefährden.“ Jürgen Heidrich vom ISG-Vorstand nannte es „einen groben Fehler, dass wir uns zum Stillschweigen überreden ließen.“

Fehler räumte übrigens auch eine Stadträtin ein. In der jüngsten Ratssitzung hatte Bürgermeister Michael Wieler anhand von Protokollen nachgewiesen, dass die Stadträte alle wissentlich um die Rasenplatz-Stilllegung in Hagenwerder der Stadionsanierung zugestimmt hatten. Vielleicht ja auch im sicheren Glauben, dass das, was die Bürgermeister versprachen, auch eintreten wird: dass es keine Schließung geben wird. Vor allem aus dem Sportausschuss ließen sich am Donnerstag einige Räte blicken. Darunter Yvonne Reich (Bürger für Görlitz), die sagte: „Wir können als Stadträte nicht verleugnen, dass uns da was durch die Finger gerutscht ist. Wir möchten den Fehler gutmachen und werden dran bleiben, wir haben auch alle die Petition unterschrieben.“ Diese hatte die ISG für den Erhalt des Platzes initiiert und mittlerweile 2 400 Unterschriften zusammen. Sie sollen im Dezember dem Innenministerium übergeben werden. Denn nur dieses kann die Stilllegung rückgängig machen. Darauf hofft auch weiterhin CDU-Stadtrat und Landtagsabgeordneter Octavian Ursu. Er hatte die teilweise Rückzahlung der Fördermittel vorgeschlagen. Obwohl die Sächsische Aufbaubank (SAB) das gegenüber der SZ ausschloss, will Ursu diese Hoffnung nicht begraben. „Die Stadt muss offiziell anfragen. Wie mir der OB heute mitteilte, ist ein Schreiben dazu gestern abgeschickt worden“, sagte Ursu und bat die Sportler um Zuversicht und noch ein wenig Geduld. Frank Domigalle fragte, wie lange man denn noch warten solle. „Erst haben sie uns die Fluchtlichtanlage genommen, dann den Hartplatz, jetzt den Rasenplatz. Uns laufen doch die Leute davon.“ Sandra Fritsche leitet die Abteilgung Kegeln. „Die Kegelbahn sollte uns auch weggenommen werden, nur durch viel Kampf und Fleiß ist das nicht passiert, und wir bekamen eine neue. Schade, dass jetzt die Fußballer so kämpfen müssen. Nichts ist schlimmer als ein Sportobjekt ohne Fußballplatz.“

Oder ohne Halle. Auch diese Wunde ist bei der ISG noch nicht verheilt. „Perspektivisch wollen wir unsere Halle zurückhaben“, sagte ISG-Chef Thomas Zimmermann. Die Halle wurde sofort nach der Flut gesperrt, schnell war beschlossene Sache, dass sie nicht mehr genutzt werden kann. Zu schnell, wie Judo-Abteilungsleiter Mike Birkner findet. Nach Jahren des Schweigens ließ auch er am Donnerstag seinem Frust freien Lauf und erzählte, wie er am Tag nach der Flut schon von der Stadt instruiert wurde, alle 200 Matten aus der Halle zu holen, wie komplette Bänke mit der Kettensäge zerstört wurden. „Die hätte man nur mit einem Lappen abzuwischen brauchen. Das alte Vereinsschild habe ich vom Müllhaufen gerettet, so kann man einen Verein auch abwickeln.“ Dieses Gefühl, Stück für Stück alles weggenommen zu bekommen, hält sich in Hagenwerder seit Jahren. Niemand konnte dem am Donnerstag etwas dagegensetzen.

Am Dienstag wird der Oberbürgermeister an der Ortschaftsratssitzung in Hagenwerder teilnehmen. Die Sitzung ist öffentlich und beginnt um 19 Uhr im Gemeindezentrum.