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Freitag, 09.11.2018

Wie Großröhrsdorfer Zivilcourage zeigten

Regina und Curt Schönwald kamen 1912 von Berlin nach Großröhrsdorf und betrieben zunächst einen kleinen Textilwarenladen, später ein Kaufhaus.
Regina und Curt Schönwald kamen 1912 von Berlin nach Großröhrsdorf und betrieben zunächst einen kleinen Textilwarenladen, später ein Kaufhaus.

© privat

In diesem Jahr jährt sich am 9. November zum 80. Mal die Reichspogromnacht. Mehr als 200 Synagogen wurden in Deutschland angezündet, unzählige Geschäfte jüdischer Besitzer wurden zerstört, Zehntausende unschuldige Mitbürger wurden in sogenannte „Schutzhaft“ genommen. In Großröhrsdorf waren die jüdische Familie Schönwald und ihr Textilwarenkaufhaus davon betroffen.

Der Großröhrsdorfer Pfarrer Norbert Littig beschäftigte sich intensiv mit dem Schicksal der Familie, sprach mit Zeitzeugen und notierte u. a. Folgendes:

Curt und Regina Schönwald kamen 1912 von Berlin nach Großröhrsdorf und betrieben zunächst einen kleinen Textilwarenladen. Hier wurden ihre beiden Kinder Heinz (1912) und Suse (1915) geboren. Im Ersten Weltkrieg diente Curt Schönwald in einer Jagdflieger-Staffel und nahm an Stellungskämpfen im Ober-Elsass teil. Dafür wurde ihm das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen, das er auch später mit Stolz trug. Sparsamkeit, Fleiß und finanzielles Geschick ermöglichten ihm 1928 den Bau des „größten Textilwaren-Kaufhauses im Rödertal“.

Von Anfang an galt die Maxime: „Immer billig – immer gut“. Stets gab es bei allen Käufen ein kleines Werbegeschenk gratis dazu. Insgesamt standen hier zehn Personen in Lohn und Brot: das Ehepaar Curt und Regina Schönwald, der Dekorateur Leonhard Riß sowie sieben Verkäuferinnen bzw. Lehrlinge. Im Kaufhaus herrschte ein ausgezeichnetes Betriebsklima. Das Miteinander wurde geprägt von Verlässlichkeit, Vertrauen und Einsatzbereitschaft. Für junge Frauen war es eine Ehre bei Schönwalds als Lehrling ausgebildet zu werden. Das änderte sich auch nicht mit der Machtergreifung Adolf Hitlers.

Vor dem Geschäft Wache gehalten

Im Frühjahr 1933 wurde in Deutschland ein kurzzeitiger Boykott probeweise forciert. Damit wollten die neuen Machthaber testen, wie weit die Bevölkerung bereit war, dem zu folgen und sich ihm nicht zu widersetzen. Zeitzeuge Heinz Dobrindt berichtete 2002: „Ich gehörte dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold an. Das war eine Kampforganisation der SPD. Uns war das Treiben der Braunen und Schwarzen immer total zuwider. Herr Schönwald hat uns die grünen Uniformhemden und die Lederkoppel bezahlt. Dafür haben wir vor seinem Geschäft 1933 Wache gehalten, damit die Nazis ihm nicht die Schaufenster einwerfen.“

Doch kurz darauf wurden alle Parteien auch das Reichsbanner verboten. Fortan bestimmte allein der furchtbare Ungeist der NSDAP das gesellschaftliche Leben. Viele ältere Zeitzeugen erinnerten sich auch nach Jahrzehnten mit Befremdenden, dass anlässlich der Einweihung des Massenei-Bades am Eingang ein Schild über dem Kassenfenster gestanden hat „Juden sind hier unerwünscht“.

Verschärfung der politischen Lage

Im Kaufhaus selbst machte man sich über die Rassegesetze 1935, die die Eheschließung von Juden und Ariern bei Strafe verboten, lustig. Der Neffe Alfred Lachmann besuchte einmal seine Cousine Suse Schönwald. Er kaufte im gegenüberliegenden Kaffee Martini eine Tafel Sarotti-Schokolade, die er den Verkäuferinnen über den langen Ladentisch mit den Worten zuwarf: „Vorsicht. Ich bin aussätzig. Bitte mich nicht berühren.“ Worauf alle lachten. Das Jahr 1937 brachte eine deutliche Verschärfung der politischen Lage. Der ehrenwerte Bürgermeister Max Rentzsch wurde in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Während seiner mehr als 40-jährigen Amtszeit hat er sich vor allem kommunalpolitisch erfolgreich zum Wohle der Stadt engagiert und sich dem parteipolitischen Bemühen der Nationalsozialisten im Rahmen seiner Möglichkeiten widersetzt.

Im dreimal pro Woche erscheinenden Rödertal-Anzeiger erschien von 1933 bis 1936 nicht ein Artikel gegen das jüdische Kaufhaus. Schönwalds konnten so wie alle anderen Einrichtungen für ihr Warenangebot im Anzeiger werben. Das sollte sich mit der Einsetzung des SA-Obersturmbannführers Herbert Rosig aus Sebnitz ändern. Er verstand sein Amt als Bürgermeister als klaren Parteiauftrag. Fortan durfte keine Schönwald-Werbung mehr erscheinen. Mit allen Mitteln versuchte er, den jüdischen Kaufhausbesitzer durch einen Boykott in den Ruin zu führen.

In den großen Lokalitäten in Großröhrsdorf („Grüner Baum“, „Hotel Haufe“) wurden Massenversammlungen organisiert, um die Bevölkerung von der „Gefährlichkeit der jüdischen Rasse“ zu überzeugen. Im Anzeiger wurde Curt Schönwald mit der indirekten Behauptung denunziert, er habe „ein deutsches Schulkind geschlagen“. Der Sohn Heinz Schönwald wurde im Mai 1937 kurzzeitig wegen „Rassenschande in Haft genommen“.

Offenbar versuchte man, ihm ein unerlaubtes sexuelles Verhältnis mit einer unverheirateten Verkäuferin anzuhängen. Mitglieder der SA versuchten, Kunden beim Einkauf bei Schönwalds einzuschüchtern, indem man sie beim Verlassen des Kaufhauses fotografierte. Alle Geschäfte, außer Schönwalds, sollten fortan ein rotes Schild mit der Aufschrift „Arisch“ und einem Hakenkreuz gekennzeichnet werden. Am 16.04.1938 erschien im Anzeiger die klare Aufforderung: „Deutsche in Stadt und Land, kauft nicht beim Juden!“

Doch die Großröhrsdorfer spielten an dieser Stelle nicht mit. Sie widersetzten sich mehrheitlich diesem Boykottbemühen! Das spiegelt sich auch in der offiziellen Parteipresse wider. Im Stadtanzeiger (16.02.1938) beschweren sich die Parteioberen, dass trotz wiederholter (!) Aufforderung, die hiesigen Geschäftsinhaber nicht das „rote Schild Arisch mit Hakenkreuz“ im Schaufenster haben. Stattdessen hängen in den Geschäften Schilder mit „Christliches Fachgeschäft“ oder „Deutsches Geschäft“ oder „Arisch gemalt in allen verschiedenen Farben“. Diese Schilder sollten umgehend entfernt und durch ein gekauftes Schild ersetzt werden. Im „Weigerungsfalle werde Meldung gemacht“.

Kaufhaus in Maximalbesetzung

Im November 1938 hatte das Kaufhaus seine Maximalbesetzung in seiner Mitarbeiterschaft. Ilse geb. Höfgen und Elfriede geb. Gräfe, zwei ehemalige Verkäuferinnen, berichten: „Es stimmt schon, die Ober-Nazis kauften bei uns nicht ein. Aber sie schickten ihre Frauen, es war ja auch ein Damenmodengeschäft. Wären wir wirklich boykottiert worden, hätten wir Personal entlassen müssen. Das war aber nicht der Fall.“ Die große Mehrheit der Kundschaft ließ sich nicht einschüchtern. Besonders auch die Schneiderinnen hielten Schönwalds die Treue und bezogen hier ihr Zubehör. Es war Zivilcourage der einfachen Menschen im Alltag!

Vorläufiger Höhepunkt der Judendiskriminierung war das landesweit vorbereitete Pogrom in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938. Schaufenster wurden eingeworfen, Wände wurden mit Hakenkreuzen beschmiert und Geschäftsinhaber wurden verhaftet. Das geschah auch in Großröhrsdorf. Aber durch wen wurde das schändliche Treiben vollzogen? Trotz intensiver Recherchen, Gesprächen mit Zeitzeugen, die das Geschehen wirklich vom Fenster aus mit erlebt haben und sich lebhaft daran erinnerten, konnten keine Namen ermittelt werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kann und muss davon ausgegangen werden, dass es eine Handvoll auswärtiger Parteigenossen waren, die man hierher in die Rödertalstadt abkommandiert hat.

Geschäftsmann Reinhard Gebler („Tütel-Philipp“) protokollierte in einer blauen Aktenmappe mit blauer Tinte das Geschehnis dieser Nacht: „1/2 2 – 1/2 5 Uhr Zerschlagen aller Schaufenster unter Leitung der Partei. Kirchenglocken mussten unter Zwang von übereifrigen Parteigenossen dies Ereignis, welches von der Bevölkerung nicht verstanden wird, einläuten.“ Damit dieses Ereignis nicht ohne öffentliche Beteiligung ablaufen sollte, zwang man gewaltsam den Kirchner Martin Boden, die Glocken zu läuten. Aber dieses Geläut hatte genau die entgegengesetzte Wirkung: Die Bewohner wurden wach und schauten nicht zustimmend, sondern mit Entsetzen durch ihre Fenster, wie das Ehepaar Curt und Regina Schönwald sowie deren Verwandte Johanna Pleß durch die Straßen getrieben wurden. Bürgermeister i.R. Max Rentzsch notierte 1946 in einer privat verfassten Chronik: „Die Bewohnerschaft verurteilte dieses Vorgehen auf das Schärfste.“

Dieser konkrete Akt der Zerstörung des Kaufhauses und der Vertreibung des Ehepaars Schönwald war der Einwohnerschaft von Großröhrsdorf nur schwer oder eigentlich gar nicht als ein Akt der neuen Gerechtigkeit zu vermitteln. Das wird sogar in der offiziellen Parteipropaganda erkennbar. Eine Woche nach der Pogromnacht sprach im voll besetzen Hotel „Haufe“ der Gauredner Selbach. Er führte dabei u. a. aus, „dass es kein Mitleid mit jener uns fremdartigen Clique geben kann ... Es ist bedauerlich, dass man immer wieder auf Menschen stoßen musste, die diese „armen Juden“ mitleidig bedauern, auch dann noch, wenn es gilt, sie ob ihrer verbrecherischen Taten etwas härter anzufassen.“ (Anzeiger, 18.11.1938) Damit wird der damaligen Einwohnerschaft bescheinigt, dass sie sich dem Nazi-Geist zumindest an dieser Stelle nicht gebeugt hat!

Im KZ inhaftiert

Curt Schönwald wurde für zweieinhalb Wochen im KZ Buchenwald inhaftiert. Seine Entlassung erfolgte mit der Auflage, dass er sein Geschäft nach den neuen Rechtsgrundlagen zu verkaufen habe. Man nannte das „Arisierung jüdischen Eigentums“. Er übergab sein Unternehmen für einen aufgezwungenen Preis von 92 000 RM an den Kaufmann Richard Seifert aus Neugersdorf, mit dem er offenbar auch schon vorher Kontakte hatte. De Facto erhielt er nicht eine Mark, da der Hypothekenwert die Kaufsumme überstieg. Dieser Unrechtsvorgang einer quasi Zwangsenteignung wurde übrigens auch zu DDR-Zeit nie korrigiert! Jedem Mitarbeiter stellte Curt Schönwald ein persönliches Zeugnis aus, das von einem großen menschlichen Vertrauen geprägt ist. Am 1. Dezember 1938 wurde das Geschäft von Richard Seifert wieder eröffnet und im schönwaldschen Geschäftsgeist weiter geführt.

Mahnender Gedenkstein

Curt Schönwald zog mit seiner Frau nach Berlin und er musste dort mit ihr eine Wohnung in einem sogenannten „Judenhaus“ bewohnen. Die Kontakte zu nicht-jüdischen Mitbürgern sollten auf diese Weise eingeschränkt, ja sogar unterbunden werden. Schönwalds pflegten mit einigen Großröhrsdorfern brieflichen Kontakt in dieser für sie so schweren und ungewissen Zeit. Außerdem haben nachweislich Dr. Hermann Nekwasil, der Nachmieter in der Schönwaldschen Wohnung, und ihre langjährige Haushalthilfe Martha Brodauf sie in Berlin besucht. Auch darin zeigt sich Freundschaft und Mitmenschlichkeit, die der Nazi-Geist nicht zerstören konnte.

Die Großröhrsdorfer konnten zwar grundsätzlich die Vertreibung der jüdischen Mitbürger und deren spätere Ermordung in Sobibor nicht verhindern, aber in gleicher Grundhaltung waren sie auch nicht bereit, dieses tragische Schicksal zu vergessen. Der im Zusammenhang mit einer durch die Kommune und die Kirche organisierten Gedenkwoche vor zehn Jahren aufgestellte Gedenkstein wurde durch Spenden der Einwohner finanziert. Er soll bleibend an das Leben und Wirken der Schönwaldfamilie erinnern. Der Gedenkstein soll uns zugleich mahnen, dass auch wir für die Achtung der unverlierbaren Würde eines jeden Menschen mit Zivilcourage eintreten.

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