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Freitag, 12.01.2018

Wie der Lebensstil Diabetes befördert

Zu viel, zu oft und zu süß macht nicht nur dick, sondern krank. Doch mit dem Ersatz von Zucker ist es nicht getan.

Von Stephanie Wesely

Diätassistentin Anne Schädel vom Studienzentrum Metabolisch-Vaskuläre Medizin in Dresden empfiehlt ihren Patienten gern Hafertage. Haferflocken mit Milch und einem Stück Obst sind günstig, lecker und in weniger als zehn Minuten zubereitet.
Diätassistentin Anne Schädel vom Studienzentrum Metabolisch-Vaskuläre Medizin in Dresden empfiehlt ihren Patienten gern Hafertage. Haferflocken mit Milch und einem Stück Obst sind günstig, lecker und in weniger als zehn Minuten zubereitet.

© Ronald Bonß

Dresden. Sachsen ist das Bundesland mit den meisten Zuckerkranken. Etwa jeder Achte leidet hier an Diabetes Typ 2, im Bundesdurchschnitt ist es jeder Zwölfte. Professor Andreas Birkenfeld, Direktor des Studienzentrums Metabolisch-Vaskuläre Medizin in Dresden, sieht eine Ursache im höheren Anteil älterer Menschen, denn die Zuckerkrankheit kommt ab dem 50. Lebensjahr öfter vor. „Das ist aber nicht der alleinige Grund“, sagt Diätassistentin Anne Schädel: „Bei vielen ist die Krankheit zum Großteil lebensstilbedingt. Es wird zu viel, zu oft und zu kohlenhydratreich gegessen.“

Hinzu kommt, dass mit zunehmendem Alter auch noch der Grundumsatz sinkt. Das ist die Energiemenge, die ohne körperliche Anstrengung verbraucht wird. „Vom 25. bis zum 60. Lebensjahr geht der Energiebedarf um 200 Kilokalorien zurück“, so Birkenfeld. Mehr als 1 500 Kilokalorien sollte ihm zufolge eine Frau zwischen 40 und 50 Jahren, die sich altersentsprechend bewegt, pro Tag nicht zu sich nehmen, zwischen 50 und 60 sind es dann nur noch 1 300. „Jeden Tag nur ein bisschen mehr führt zum Übergewicht“, sagt er. „Das erkläre ich auch immer wieder meinen Patienten, wenn sie verzweifelt sind, weil sie zunehmen, obwohl sie ihr Essverhalten gegenüber früher nicht geändert haben. Genau das ist nämlich das Problem.“ Und eine zu hohe Kalorienzufuhr macht nicht nur dick, sie kann auch zur Zuckerkrankheit führen. Denn das Bauchfett gebe hormonähnliche Stoffe ab, die Zellen gegen das körpereigene Insulin unempfindlich werden lassen. Die Bauchspeicheldrüse müsse also immer mehr produzieren und versage dann schließlich. „Das ist der Beginn der Zuckerkrankheit“, so Birkenfeld.

Wesentliche Ursachen zur Krankheitsentstehung hat die Wissenschaft also bereits herausgefunden. Wie man sie wieder loswird, daran wird noch gearbeitet, gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Diabetesforschung. Derzeit läuft eine zehnjährige Studie zum Einfluss des Lebensstils auf die Diabeteserkrankung. „Die Studie ist zwar noch nicht komplett ausgewertet, doch einige Ergebnisse sind bereits bekannt“, sagt Prof. Birkenfeld. So brauchten Patienten weniger Medikamente, wenn sie sich kohlenhydratarm, eiweißreich und mit guten ungesättigten Fetten ernährten.

Doch unter den eiweißhaltigen Lebensmitteln gibt es große Unterschiede. „Denn Wurst und Milchprodukte können sehr viel Fett enthalten“, sagt sie. „An magerem Fisch, Schinken, Quark oder Sauermilchkäse hingegen können sich Diabetiker und Figurbewusste satt essen.“ Diese Lebensmittel machen auch besser satt als ihre fettigen Varianten und haben sogar weniger Kalorien. Die geringste Sättigung erreiche man mit Kohlenhydraten. „Schnell verfügbar stecken sie in Kuchen, Süßigkeiten aber auch in feinausgemahlenen Getreideprodukten wie Nudeln oder Mischbrot. „Und sie stecken auch in Obst, darüber sind die meisten verwundert“, so Anne Schädel. Diese Kohlenhydrate machen schnell wieder hungrig, weil sie den Blutzuckerspiegel schnell ansteigen und rasant abfallen lassen.“ Auch das hätten die Studien belegt.

Um auf Zucker zu verzichten, greifen viele zu Süß- oder Zuckeraustauschstoffen. Doch Lebensmittel, auf denen „zuckerfrei“ steht, könnten trotzdem den Blutzuckerspiegel erhöhen, so die Diätassistentin. Stevia sei so ein Produkt – zumindest das weiße Stevia-Pulver oder die Flüssigsüße daraus. „Auch in Stevia-Produkten steckt Zucker, empfehlenswert ist nur das ursprüngliche Stevia-Kraut, das Basilikumblättern ähnelt“, sagt sie. Agavendicksaft, Honig oder Fruchtzucker seien noch schlechter für den Blutzuckerspiegel als Haushaltzucker. „Ich empfehle meinen Patienten die sogenannte Biosüße. Dabei handelt es sich um Erythrit. Das wird aus Mais ohne Gentechnik hergestellt und erhöht den Blutzucker nur minimal.“ Von Süßstoffen wie Aspartam und Accesulfam rät die Ernährungsfachfrau jedoch ab. Diese Stoffe schädigen die Bakterienflora im Darm, und zwar jene guten Darmbakterien, die eine Gewichtsabnahme fördern. „Dazu gibt es große Studien“, bestätigt auch Birkenfeld.

Einen Zuckerkiller hat sie aber dennoch parat: den Hafer. Ein Hafertag oder mehrere Hafermahlzeiten pro Woche anstelle des regulären Essens hätten Studien zufolge einen positiven Effekt auf den Blutzucker. Patienten, die bereits aufgrund Ihres Diabetes medikamentös behandelt werden, sollten solche Hafertage mit ihrem Arzt absprechen. Sie empfiehlt morgens drei Esslöffel Haferflocken mit 200 Millilitern Milch und einem kleinen Stück Obst (50 Gramm), mittags könne man die Flocken wie Reis in die Tomatensuppe geben und abends zu einer Gemüsepfanne mit magerem Geflügelfleisch essen.

Neben falscher Ernährung brauche es auch eine erbliche Komponente, um die Zuckerkrankheit auszulösen, erklärt Professor Birkenfeld. Doch wer sich jetzt entspannt zurücklehnt, weil kein Angehöriger zuckerkrank ist, sollte wissen, dass viel mehr Menschen solche Genveränderungen in sich tragen, als gedacht. Denn Studien an Mäusen hätten gezeigt, dass bereits eine kohlenhydratreiche Mahlzeit oder eine große Menge Cola vor der Zeugung reichen kann, um das Kind anfälliger für Diabetes werden zu lassen. Bei ihnen müssen dann nur wenige Risikofaktoren zusammenkommen, um die Krankheit auszulösen, während andere bei Kohlenhydraten und Zucker mehr zulangen können. „Die Natur ist eben nicht fair“, sagt er.

Mehr zum Thema: Studienzentrum Metabolisch-Vaskuläre Medizin, Fiedlerstraße 34 in 01307 Dresden, Telefon: 0351/4400591, Mail: studienzentrum.mvm@gwtonline.de, Homepage: www.diabetes-dresden.de

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