• Einstellungen
Samstag, 10.11.2018

Wie Bürger Gestalter ihrer Stadt sein können

Von Olaf Winkler

Olaf Winkler  ist Film- und Fernsehdramaturg sowie Neu-Hoyerswerdaer. Hier schildert er seine Eindrücke von der Stadt.Foto: Mirko Kolodziej
Olaf Winkler ist Film- und Fernsehdramaturg sowie Neu-Hoyerswerdaer. Hier schildert er seine Eindrücke von der Stadt. Foto: Mirko Kolodziej

© Mirko Kolodziej

Hoyerswerdas 750-Jahr-Jubiläum rumpelt so durchs Jahr dahin und bei mir lümmelt noch ein Historien-Projekt dazu auf dem Schreibtisch. Das Projekt sammelt Eindrücke von Zeitzeugen zu dieser These: Ursprünglich als „sozialistische Zukunftsstadt“ geplant und zu bauen begonnen, erlebte Hoyerswerda in den 1960/70er-Jahren eine radikale Abwendung von diesem Ideal. Wir ahnen es: aus ökonomischen Gründen. Das damalige System konnte das hochgesteckte Ziel nicht in der Spur halten. Die Realität lief aus der Schiene und die Weichen wurden neu gestellt. Der unersättliche Arbeitskräfte-Hunger des Gaskombinates Schwarze Pumpe setzte den Wohnungsbau in der Stadt enorm unter Druck und führte zu einem Wendepunkt. Das ursprünglich Großzügige wurde auf das Nötigste abgemagert. Knallharter Kennziffern-„Ökonomismus“ setzte sich durch, der damals nicht ausgehandelt, sondern zentral angewiesen und nach unten durchgeschaltet wurde. Die Bürgerschaft von Hoyerswerda verwandelte sich in einen Spielball wirtschaftlicher Großstrategien. Blieb damit auch die sozial-kulturelle Stadt-Vision auf der Strecke?

Natürlich ist das unvollständig formuliert: Die Hoyerswerdaer Bürgerschaft von damals als stummes Objekt politbürokratischer Mächte? Nee-nee! Mindestens zwei lokale Gegenbewegungen sind aus heutiger Sicht erkennbar: Zum einen steuerten normale Bürger mit ihrer Vereinsarbeit „von unten“ gegen die kulturelle Austrocknungsgefahr ihrer explodierenden Stadt. Beispielhaft für Letzteres steht das Wirken des „Freundeskreises der Kunst und Literatur“, der von Helene und Martin Schmidt sowie ihren Mitstreitern 1964 gegründet wurde (und heute noch als Kunstverein aktiv ist). Zum andern steuerten lokale SED-Funktionäre „von oben“ instinktiv gegen die Auswirkungen zentraler Direktion und versuchten, im Rahmen ihrer Handlungsspielräume bessere Bedingungen für die soziale Kultivierung ihrer Stadt zu erwirken. Hier fällt das Gaskombinat „Schwarze Pumpe“ auf und der historische Glücksfall seines ungewöhnlichen Führungsteams um Generaldirektor Herbert Richter. So recherchierte und bündelte damals eine spezielle Abteilung des Kombinates namens „Territoriale Rationalisierung“ die regionalen und betrieblichen Ressourcen, um sie Hoyerswerda zugutekommen zu lassen. Denken Sie nur an den „Husarenstreich“ beim Bau des damaligen Hauses der Berg- und Energiearbeiter, der heutigen Lausitzhalle! Die noch unerforschten Kommunalverträge zwischen Pumpe und Hoyerswerda dürften hier ein Goldschatz der Erkenntnis sein, was für eine Art der Kooperation beide Seiten eingingen.

Tragisch allerdings, wie widerstandslos diese ungewöhnliche Symbiose zwischen einer Stadt und einem Wirtschaftsgiganten durch die gnadenlose Logik der neuen bundesrepublikanischen Marktwirtschaft zerstört wurde. So, wie heute diese Bemühungen der 1960/70er-Jahre als erstaunlich erfolgreicher Versuch erscheinen, Hoyerswerda, statt den Ort zur lethargischen Schlafstätte von Schwarze Pumpe zu degradieren, zu einem kulturell innovativen Refugium umzugestalten, so mag heutzutage die städtische „Leitbild-Kultur“ auch so eine Bemühung sein: resultierend aus der Not, die Bürger zu motivieren, sich kreativer am Schicksal ihrer gefährdeten Städte zu beteiligen.

Könnte man also was lernen aus der „realsozialistischen“ Vergangenheit von Hoyerswerda – für unser Tun heute? Na klar! Die zentrale Aufgabe lokaler „Stadtmacher“ bleibt ja immer dieselbe: Wie können die Bürger wirkliche Gestalter ihrer eigenen Stadt werden? Doch vermag es die jeweilige Bürgerschaft, sich aus der Rolle eines „Spielballs“ zu befreien? Dies selbstbewusst „von unten“ einfordernd und achtsam „von oben“ unterstützt? Ein jüngstes Beispiel irritierte mich hier: Der herbstliche Disput um die Musikschule Bischof. Nur eine Panne? Oder ernstzunehmendes Symptom? Hier zeigte ein städtisches (!) Unternehmen (die Wohnungsgesellschaft, die eben nicht, wie fälschlich behauptet, ein „Privatunternehmen“ ist, sondern ein Vertreter stadtgemeinschaftlichen Eigentums) für mich unnötige Härte gegenüber einem Bürger-Akteur, der einerseits als wichtiger sozialer Kultivierungs-Macher und andererseits als notgedrungen privater Markt-Akteur in der Stadt tätig ist. „Wir haben keine Werte zu verschenken!“ lese ich verblüfft. Nein. Aber kulturelle Werte zu fördern und zu unterstützen!

Solch bitteren Fälle aufzudecken und sachlich transparent zu machen, bleibt Aufgabe unserer wackeren Lokaljournalisten. Damit wir Bürger wissen, welche Entscheidungs-Spielräume zur kulturellen Selbstermächtigung der Bürger versemmelt werden und welche gelingen. Mag sein, dass ihr „Verhindern“, wie im Fall der privaten Musikschule, weniger mit der Mutwilligkeit von Personen zu tun hat, sondern, heute wie damals, mit dem Terror knallharter, systemisch aufgezwungener wirtschaftlicher Kennziffern, denen sich die lokalen Stadtmacher gehorsam beugen ... Oder eben nicht! Und erfinderisch dagegenhalten!