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Mittwoch, 12.09.2018

Wer hat die schönste Strohpuppe?

Eine Jury war am Dienstag in Pesterwitz unterwegs. Sie hat die Qual der Wahl – bei mehr als 300 Bewerbern.

Von Thomas Morgenroth

In der engeren Wahl

Eveline Oels, Thomas Leonhardt und Ricarda Liebsch (von links) nahmen am Dienstag am Puppenunterricht am Diakonat neben der Jakobuskirche teil. Der Abstecher in die erste Schulklasse des Ortes war Teil des Rundganges der Jury zur Auswahl der schönsten Dekorationen anlässlich der 950-Jahr-Feier von Pesterwitz. Das Ergebnis wird am Wochenende beim Weinfest verkündet.
Eveline Oels, Thomas Leonhardt und Ricarda Liebsch (von links) nahmen am Dienstag am Puppenunterricht am Diakonat neben der Jakobuskirche teil. Der Abstecher in die erste Schulklasse des Ortes war Teil des Rundganges der Jury zur Auswahl der schönsten Dekorationen anlässlich der 950-Jahr-Feier von Pesterwitz. Das Ergebnis wird am Wochenende beim Weinfest verkündet.

© Andreas Weihs

Freital. Raser aufgepasst: Auf der Freitaler Straße in Richtung Pesterwitz liegen zwei Polizisten mit einem Blitzer auf der Lauer. Tag und Nacht. Gut getarnt verstecken sich die Beamten auf dem Schuppendach des Grundstückes von Günter Fischer. Er hat sie aus Baden-Württemberg angefordert, wie das Wappen mit den drei Löwen auf den Uniformen verrät. Die Wachtmeister aus Süddeutschland leisten ihren Kollegen in Sachsen Amtshilfe. Wegen der Feierlichkeiten zum 950. Jahrestag der Ersterwähnung der Gemeinde Pesterwitz wird das Personal in den Revieren knapp.

In der engeren Wahl

So wie hier gäbe es zu mindestens dreihundert weiteren Figuren oder Szenen am Straßenrand, an Gartenzäunen, auf Balkonen oder in Höfen in Pesterwitz eine Geschichte zu erzählen. Die Einwohner haben keine Mühen gescheut, um die Geschichte ihres Ortes anlässlich des Jubiläums zu illustrieren. Mit Puppen aus Stroh, Pappe oder Kunststoff, die Kleidungsstücke tragen, die mitunter einhundert Jahre alt sind, mit historischen Geräten, antiken Möbeln, aber auch aktuellem Zubehör.

„Es ist alles toll“, freut sich Ortsvorsteher Wolfgang Schneider über die große Resonanz auf den Aufruf des Festvereins. Aber genau deshalb steckt er jetzt in der Klemme: Als Teil einer fünfköpfigen Jury muss Schneider nun die schönsten Dekorationen prämieren, so war es angekündigt. Angesichts der Fülle der Bewerber alles andere als eine leichte Aufgabe. Wie viele Preise letztlich vergeben werden, ist daher noch offen, sicher ist nur, dass es mehrere geben wird. Wie Sieger und Platzierte ermittelt werden, steht hingegen fest: „Wir werden losen“, sagt Jury-Mitglied Thomas Leonhardt. Das jedenfalls, sagt er, sei fraglos die diplomatischste Lösung.

Um die fünfzig Anwärter sollen es in den Lostopf schaffen. Am Dienstagvormittag nun machte sich das Bewertungsteam, zu dem neben den beiden Männern Margitta Kreisel, Eveline Oels und Ricarda Liebsch gehören, in zwei Grüppchen zu Fuß und per Fahrrad auf den Weg durch das sonnige Pesterwitz, um die Favoriten auszuwählen. Jede Arbeit wird fotografisch dokumentiert, eine Zusammenfassung soll es später auf einer DVD geben. Ricarda Liebsch, die bereits am Montag allein ein Quartier abgegangen ist, trägt alles in eine Liste mit einem Straßenverzeichnis ein und gibt den kunstvollen Werken einen Titel.

„Pippi Langstrumpf in Pesterwitz“ notierte sie zum Beispiel, „Die vier Jahreszeiten“, „Obst und Wein – wie fein“ oder „Der Bi-Ba-Butzemann“, eine Anregung von Thomas Leonhardt. Bei manchen Bildern sei die Namensfindung etwas schwierig, sagt Ricarda Liebsch. Auf der Gorbitzer Straße etwa fand sie einen „Torso mit Rechen und Kragen“ und auf dem Kiefernweg einen „Halben Menschen mit Blumen.“ Einfacher war es bei ihrer eigenen Kreation vor dem Eingang ihres Hauses auf dem Buchenweg. Dort sitzt ein verliebtes Pärchen bei einer Flasche Pesterwitzer Wein (die immer leer ist) – die „Familie Liebsch“.

Wie Günter Fischer mit seinen Polizisten, haben auch andere Pesterwitzer Menschen mit ihren Berufen nachgebaut, oft dort, wo sie tatsächlich einmal wirkten oder immer noch tätig sind. Wie am Dorfplatz 4, wo der Schuhmacher Krämer von 1937 bis 1975 seine Werkstatt hatte und jetzt wieder seinem Handwerk nachgeht. Den Kräuterhof Salvia bewacht eine Kräuterfee, am Vermessungsbüro Pippig steht ein Vermesser, und am Diakonat neben der Kirche unterrichtet ein Lehrer zwei Schüler, die mit Griffel auf Schiefertafeln schreiben – dort befand sich die erste Schule von Pesterwitz. Der Bäcker auf der Gorbitzer Straße, wo sich einst eine Bäckerei befand, musste zweimal gebaut werden: Der erste wurde Opfer eines Brandanschlages.

Das wäre ein Fall für den ABV gewesen, den Abschnittsbevollmächtigen der Volkspolizei der DDR, den Thomas Leonhardt wieder aufleben lässt. Einige Teile seiner Ausstattung tragen autobiografische Züge: Leonhardt war selbst Polizist. Nun könnte es in Pesterwitz sogar zu einem ungewöhnlichen deutsch-deutschen Polizistentreffen kommen, wenn die Kollegen aus Baden-Württemberg an der Freitaler Straße ihrem Radar mal eine Pause gönnen. Nachmittags zum Kaffee wäre es am besten: Die Sprechzeit des ABV ist von 15 bis 19 Uhr.

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