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Sonntag, 15.07.2018

Wenn sich Banker als Propheten versuchen

Laut UBS musste Deutschland Champion werden. Die WM wird dennoch nicht wiederholt.

Von Michael Rothe

Deutschland–Südkorea 0:2 – und Aus in der Vorrunde. Da lag nicht nur die Schweizer Großbank UBS falsch. Foto: Moritz Müller
Deutschland–Südkorea 0:2 – und Aus in der Vorrunde. Da lag nicht nur die Schweizer Großbank UBS falsch. Foto: Moritz Müller

© MoMue

Im Fußball geht es mehr denn je ums Geld. Das wissen Fans nicht erst seit in dieser Woche bekannt wurde, dass Portugals Star Cristiano Ronaldo für schlappe 112 Millionen Euro von Real Madrid zu Juventus Turin wechselt und Beschäftigte des Autobauers Fiat-Chrysler, dessen Großaktionär Andrea Agnelli Juve-Präsident ist, ob des unmoralischen Deals streiken wollen.

Doch sind Geldhäuser deshalb auch Experten in Sachen Fußball? Zumindest vermittelten sie vor der WM in Russland diesen Eindruck. Commerzbank, Dekabank, UBS, Goldman Sachs und andere konnten nicht umhin, schon Wochen vorher den Ausgang der Spiele und den Champion vorherzusagen. Und sie bemühten dafür ausgeklügelte Statistikmodelle und Algorithmen, mit denen sie auch die eigene Leistungsfähigkeit beweisen wollten.

Die Studien hatten eines gemein: Sie sahen Deutschland im Finale und mehrfach als Weltmeister. Bei der Schweizer UBS, einem Global Player mit 61 000 Beschäftigten in 51 Ländern, verteidigte der noch amtierende Weltmeister seinen Titel mit einer Wahrscheinlichkeit von 24 Prozent – weit vor Brasilien und Spanien. Dass Neuer, Kroos & Co zumindest das Viertelfinale erreichen, war für Hauptautor Michael Bolliger zu gut 66 Prozent wahrscheinlich. Der Analyst verantwortet bei UBS die „Asset Allocation in Emerging Markets“, die Vermögensstrukturierung in Schwellenmärkten. Nach seinen Berechnungen hätte sich Gastgeber Russland eigentlich im Achtelfinale Spanien oder Portugal beugen müssen.

Die Vermögensstrategen nutzten für die Prognose ökonometrische Methoden, die sie sonst zur Beurteilung von Geldanlagen für Reiche und Superreiche verwenden. Ein Faktor: Elo-Ratings. Arpad Elo, ein US-Physiker und Statistiker mit ungarischen Wurzeln, hatte das Bewertungssystem 1959 zur Ermittlung der Spielstärke von Schachspielern entwickelt. Hinzu kam laut einem UBS-Sprecher eine „Monte Carlo Simulation“: Statt alle Konstellationen aufzuzeigen, würden Berechnungen aus 10 000 virtuellen Turnieren Zufallsvariablen hinzugefügt, sagte er zur SZ. Und er meinte nicht, wie viele Sack Reis in Südkorea umfielen, als Deutschland mit zehn Siegen in zehn Spielen durch die WM-Qualifikation jagte. Beim direkten Vergleich beider Länder in Russland fielen dann die Deutschen um – 0:2, Gruppenletzter in der Vorrunde. Beim vermeintlichen Siegertrio lagen die Banker komplett daneben.

Der UBS-Sprecher ist dennoch zufrieden. „Sieht man mal von der zugegebenermaßen entscheidenden Prognose des Weltmeisters ab, waren wir so schlecht nicht“, sagt er. Das Modell habe bei zwei Dritteln der Spiele richtig gelegen, „leicht mehr als erwartet“. Da es immer Überraschungen gebe, habe sich herausgestellt, „dass Deutschland nicht immer gewinnt, und Gary Lineker auch nicht immer recht hat“.

Natürlich würden solche Prognosen mit einem Augenzwinkern erstellt, „aber auf Basis sehr ernsthafter Analysemethoden und Fakten“, heißt es von UBS. Und eine Fußball-WM werde auch immer genutzt, „uns mit den Volkswirtschaften der Gastgeber zu beschäftigen“. Die geschätzten Ausgaben in Höhe von 10,3 Milliarden Euro, die zur Vorbereitung auf das Turnier in Infrastruktur- und ähnliche Projekte geflossen seien, könnten in Russland von größerem wirtschaftlichen Nutzen sein als in einem stärker entwickelten Land, prophezeien die Schweizer Analysten.

Und wie groß ist die Gefahr, sich mit verpeilten Prognosen lächerlich zu machen und dass Kunden falsche Vorhersagen auf das Geschäftsmodell übertragen? Kunden und Mitarbeiter der globalen Organisation verstünden sehr gut, solche Reports auch richtig zu lesen und zu bewerten, sagt der Sprecher. Negatives Feedback habe es noch nicht gegeben. Immerhin hatten die Investmentbanker in ihrer Untersuchung eingeräumt: „Wir sind bescheiden genug, Deutschland nicht auf der Stelle zum Sieger auszurufen.“ Beim deutschen Sommermärchen 2006 hatten UBS-Propheten mit Italien den Champion richtig vorausgesagt, obwohl die Azzurri als Außenseiter galten.

Und wer holt am Sonntag den Pokal? Der UBS-Sprecher kneift. „Da sind wir mal ganz diplomatisch“, sagt er. „Wir freuen uns auf die zwei verbleibenden Spiele und tollen Fußball. Möge der Bessere gewinnen!“ Denn trotz falscher Vorhersage wird diese Weltmeisterschaft nicht wiederholt.

Fazit: Der Fußball bleibt unberechenbar. Zum Glück. Und am Ende wird wohl nur Jürgen H. mit seinem Internet-Kommentar zur UBS-Prognose recht behalten: „Am Ende der WM wird es mit 100-prozentiger Sicherheit einen Weltmeister geben.“

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