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Freitag, 15.06.2018

Wenn im Auto die Welt kopfsteht

Von Silke Richter

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LINKS: Der Überschlag–Simulator in Aktion: einmal um 180Grad gedreht, aber hier ganz gefahrlos.OBEN: Wie man am besten aussteigt, wenn sich das Auto überschlagen hat und auf dem Dach liegt, lernten die Hoyerswerdaer Lessing-Gymnasiasten bei der „Aktion junge Fahrer.“Foto: Silke Richter
LINKS: Der Überschlag–Simulator in Aktion: einmal um 180 Grad gedreht, aber hier ganz gefahrlos. OBEN: Wie man am besten aussteigt, wenn sich das Auto überschlagen hat und auf dem Dach liegt, lernten die Hoyerswerdaer Lessing-Gymnasiasten bei der „Aktion junge Fahrer.“ Foto: Silke Richter

Schlittengurt, Rauschbrille, Pkw-Simulator und Überschlagauto: all diese Dinge konnten Schüler am Hoyerswerdaer Lessing-Gymnasium bei einem Verkehrssicherheitstag der „Aktion junge Fahrer“ ausprobieren und dabei sehr viel lernen. Das Projekt machte auch Spaß, hatte aber in erster Linie einen ernsten Hintergedanken.

Unvorhergesehene Situationen

Der junge Mann hat soeben einen Unfall gebaut. Die Frontscheibe des Autos ist zersplittert. „Hier fehlt das Feeling für das Auto“, meint der unverletzte Fahrzeugführer mit einem Schmunzeln. Hinter ihm ertönt jetzt verhaltenes Lachen. Mit Auslachen hat das in der Gruppe junger Männer aber nichts zu tun. Die Jugendlichen sind sich des Ernstes der Lage voll bewusst. In der Realität hätten sie sicher anders reagiert. Doch dieser Unfall ist kein echter, sondern nur simuliert. Der junge „Bruchpilot“ möchte aber seinen Namen trotzdem nicht in der Zeitung lesen – auch wenn es anderen Schülern im Pkw-Simulator gleich ähnlich ergehen wird. Wie in einem echten Fahrzeug heißt es: Einsteigen, Anschnallen, Losfahren, sich dem realistischen Verkehrsgeschehen anpassen und zur richtigen Zeit korrekt zu reagieren. Dazu gehört, unvorhergesehene Situationen zu meistern – wie plötzlichen Wildwechsel oder liegen gebliebene Fahrzeuge, die sich mitten auf der Straße befinden und Auslöser für Unfälle sein können.

Eine Station weiter haben einige Mädchen etwas Angst sich gleich auf die Zunge zu beißen. Wer möchte, kann nämlich auf einem Gurtschlitten Platz nehmen, dessen Fahrzeugsitz aus einer simulierten Geschwindigkeit von etwa 40 km/h abrupt zum Stillstand kommt und so die Situation eines Auffahrunfalls stellt. Die meisten Schüler, darunter auch einige Lehrer, trauen sich. Das Gefühl danach beschreiben die meisten Schüler als unangenehm wegen des heftigen Stoppens, auch wenn es für die Teilnehmer völlig ungefährlich ist.

Theorie ist das eine ...

Vanessa aus der elften Klasse darf als erste Schülerin den Überschlag-Simulator testen, bei dem es gilt, auszusteigen, nachdem das Fahrzeug mit dem Dach nach unten gedreht worden ist. Mit einer Leiter steigt die Schülerin in das Auto ein und schnallt sich vorschriftsmäßig an. Wie sie letztlich am besten wieder aussteigt, sich also aus der folgen sollenden misslichen Situation befreien kann, bekommt sie jetzt genaustens erklärt. In der Theorie. Die Praxis könnte ganz anders aussehen. Das wird sich gleich zeigen. Der Golf wird per Technik auf den Kopf gedreht. Noch kann Vanessa lachen. Doch dann wird es ernst. Nach dem Abschnallen gilt es nun, sich mit Händen und Füßen möglichst gut abzustützen, um dem Körper Halt und Spannung geben zu können und ihn möglichst sanft so zu positionieren und zu drehen, dass in erster Linie das Genick nicht verletzt wird und ein Ausstieg aus dem Fahrzeug möglich ist. Geschafft. Vanessa ist froh darüber, dass es vorbei ist – aber auch glücklich die Aufgabe gut gelöst zu haben: „Ich hatte zwar anfangs keine Angst, aber wenn man dann plötzlich verkehrt rum im Auto sitzt, wird einem schon etwas anders. Ich fühlte mich etwas unsicher, auch wenn die Situation nicht realistisch war. Wir hatten ja Hilfe für den Notfall. Gut, wenn es einmal durchgespielt wurde. Da ist man bei einem Unfall besser vorbereitet. Ich bin jedenfalls froh, noch nie einen Unfall erlebt zu haben, und möchte auch nie in diese Situation kommen. Aktionen wie diese verdeutlichen das und leisten wertvolle Aufklärungsarbeit“, ist die neu gewonnene Überzeugung der 17-Jährigen, die demnächst ihre praktische Prüfung für den Pkw-Führerschein absolvieren möchte und deshalb zur Zielgruppe dieses Projektes gehört.

Die Aktion zeitigt Wirkung

Die „Aktion junge Fahrer“ wurde am Lessing-Gymnasium von der Verkehrswacht Hoyerswerda in Zusammenarbeit mit der Landesverkehrswacht Sachsen und der Verkehrswacht Chemnitz organisiert. Der Stopp im Lessing-Gymnasium war eine von drei Veranstaltungen, die jährlich in verschiedenen Schulen in Hoyerswerda stattfinden, um junge Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren, wie es Gottfried Wenzel von der Verkehrswacht Hoyerswerda beschreibt. Die regelmäßige Projektarbeit an Schulen und anderen Einrichtungen zeige eine nachhaltige positive Entwicklung: „Die Statistiken weisen eindeutig darauf hin, dass Aufklärungsarbeit und Präventionsmaßnahmen wie diese Aktionen dazu beitragen, dass junge Verkehrsteilnehmer umsichtiger und vorausschauender am Verkehrsgeschehen teilnehmen. Die Zahl junger Unfallverursacher ist tendenziell rückläufig“, erklärt der technische Leiter der Landesverkehrswacht Sachsen Steven Schwarz.