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Mittwoch, 10.10.2018

Wenn Helfer Hilfe brauchen

Feuerwehrleute versuchen, schwere Unglücke durch Gespräche zu bewältigen. Auch Seelsorger stehen ihnen bei. Sie werden aber selten angefordert.

Von Sylvia Jentzsch

Bei dem Verkehrsunfall am vergangenen Feiertag waren die Ostrauer Feuerwehrleute nach den Ersthelfern zuerst am Ort. Ihnen bot sich ein schlimmer Anblick.
Bei dem Verkehrsunfall am vergangenen Feiertag waren die Ostrauer Feuerwehrleute nach den Ersthelfern zuerst am Ort. Ihnen bot sich ein schlimmer Anblick.

© André Braun

Das Bild, das sich den Ostrauer und Döbelner Feuerwehrleuten am vergangenen Mittwoch bot, werden sie so schnell nicht vergessen. Auf der B 169 in Höhe des Abzweiges Jahna waren ein Ford-Oldtimer und ein Skoda frontal zusammengestoßen. Eine Insassin des Skodas starb noch vor Ort, der Fordfahrer erlag in einer Klinik seinen Verletzungen. Acht Ostrauer Kameraden waren als erste am Einsatzort. Zuvor hatten sich Ersthelfer schon um Verletzte aus dem Skoda gekümmert. „Auch den Oldtimer-Fahrer hatten sie bereits aus einer Benzinlake gezogen und zugedeckt“, sagte Ostraus Wehrleiter Tom Kunath, dankbar für den Einsatz der Ersthelfer.

„Im Einsatz funktionieren wir“

„Im Einsatz funktionieren wir. Jeder weiß, was er zu tun hat. Jeder Handgriff sitzt“, schildert Kunath. Zeit für Emotionen habe da niemand. „Ich hatte auch zwei Kameraden dabei, die zum ersten Mal mit Verkehrstoten konfrontiert waren“, sagte der Ortswehrleiter. Er habe sie selbst entscheiden lassen, ob sie sich einen Einsatz unmittelbar an den Fahrzeugen zutrauen. „Sie hätten sich auch anders entscheiden können. An einer Unfallstelle gibt es viel zu tun, zum Beispiel absperren“, sagte Tom Kunath.

Nachdem der Rettungsdienst abgefahren ist, bleibt den Feuerwehrleuten noch keine Zeit, das Geschehene zu verarbeiten. Die Unfallstelle muss aufgeräumt und während der Fahrbahnreinigung die Absperrung aufrechterhalten werden. Erst, wenn die Feuerwehrfahrzeuge wieder einsatzfähig sind, ist Gelegenheit für Gespräche. „Mit den beiden Kameraden, die zum ersten Mal bei solch einem Unfall dabei waren, haben wir das Nachgespräch gesucht“, so Tom Kunath. Er selbst habe sich angewöhnt, immer vom Schlimmsten auszugehen, wenn er ausrückt. Egal, ob zu einem Brand oder zu einem Unfall. Er war schon bei vielen Einsätzen auf der B 169 dabei – auch bei einigen mit Unfalltoten.

Realitätsnahe Ausbildung

Auch die Harthaer Kameraden waren erst kürzlich bei einem schweren Unfall an der Harthaer Straße/Aschershainer Straße im Einsatz. „Wir versuchen, die Kameraden schon bei der Ausbildung auf solche Situationen vorzubereiten, in dem wir Szenarien so echt wie möglich darstellen, die Verletzten entsprechend schminken“, sagte der Harthaer Gemeindewehrleiter René Greif. Dann hätten die Kameraden während des realen Einsatzes das Bild der Übung im Kopf und könnten mit der Realität besser umgehen. Wichtig sei auch immer das Gespräch nach dem Einsatz.

„Wir setzen uns zusammen und lassen das Geschehene Revue passieren. Das muss sein“, sagte der Gemeindewehrleiter. Die Führungskräfte würden in diesen Gesprächen auch erkennen, ob die Kameraden in der Lage sind, dass Erlebte zu verarbeiten. Da reagiere jeder anders. „Die einen ziehen sich zurück und die anderen wollen lieber darüber reden“, so Greif. Wichtig sei ihm, dass keiner das Problem mitschleppt oder mit nach Hause nimmt. Greif weiß, dass es hilft, nach tragischen Ereignissen, zu reden. Wenn schon bei der Alarmierung vorauszusehen sei, dass möglicherweise ein Mensch ums Leben gekommen ist, dann überlege der Gemeindewehrleiter, wer für den Einsatz geeignet ist.

René Greif weiß, dass er professionelle Hilfe bei der Leitstelle anfordern kann. Doch die müsse auch von den Kameraden gewollt sein. „Manchmal ist es leichter, zu sprechen, wenn man seinen Gegenüber kennt, ihm vertraut“, so der Gemeindewehrleiter. Eine 100-prozentige Aufarbeitung gebe es nie. Manchmal würden die Bilder der Geschehnisse erst später hochkommen.

Wenn es möglich ist, setzt der Döbelner Gemeindewehrleiter Thomas Harnisch erfahrene Einsatzkräfte ein, wenn die Feuerwehr zu Unfällen gerufen wird, bei denen womöglich Menschen ums Leben kamen. „Wenn wir vor Ort sind, funktionieren wir. Die Gefühle sind vorerst ausgeschaltet. Es geht nur darum, zu helfen“, sagte Harnisch. Besonders schlimm sei es, wenn Kinder betroffen sind. Das gehe dann doch an die Substanz. Auch der Döbelner Wehrleiter setzt auf die Nachbesprechung im Kreis der Feuerwehrleute nach dem Einsatz. So ist das auch in Leisnig.

Eigener Krisenmanager

Doch sie haben noch eine andere Lösung. „Das Thema der Bewältigung von dramatischen Ereignissen wurde lange stiefmütterlich behandelt“, sagte Gemeindewehrleiter Bernd Starke. Während die Polizei bereits Einsatznachbereiter hatte, wurden die Feuerwehrleute allein gelassen. Vielleicht auch, weil sie immer die starken Männer waren und als solche wahrgenommen werden. „Wir haben uns dann selbst gekümmert und einen selbstständigen Heilpraktiker in Wiesenthal gefunden, den wir zu jeder Zeit erreichen können und der uns kostenlos unterstützt“, sagte Starke. Einmal, bei einem Suizid auf den Bahngleisen, sei sein Einsatz besonders notwendig gewesen.

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