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Donnerstag, 08.11.2018

Wenn die Kamelie durcheinanderkommt

Von Henry Berndt

Ein wenig stolz ist Helmut Trepte ja schon, doch seine frühe Kamelien-Blüte macht ihn auch nachdenklich.Foto: Rene Meinig
Ein wenig stolz ist Helmut Trepte ja schon, doch seine frühe Kamelien-Blüte macht ihn auch nachdenklich.Foto: Rene Meinig

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Da war dieser kleine Topf, an dem Helmut Trepte einfach nicht vorbeigehen konnte. Aus „heißer Liebe“, wie er sagt, kaufte er seiner Frau Doris vor 20 Jahren in der Pillnitzer Schlosskirche eine Kamelie. Das Pflänzchen ist ein Nachkomme der bekanntesten Pflanze der Stadt. Auf etwa 230 Jahre wird das Alter der Pillnitzer Kamelie geschätzt. Vor wenigen Tagen erhielt der Methusalem sein schützendes Winterquartier zurück.

Die Kamelie der Treptes fand ihren Platz im Garten in Kleinzschachwitz zwischen einer gewaltigen Lärche und einer noch größeren Eiche. Die nicht gerade pflegeleichte, aus Ostasien stammende Pflanze mag es auch im Sommer eher schattig. Deswegen gedieh sie hier, unweit der Terrasse, prächtig. Wenn es draußen kalt wurde, nahm Doris Trepte sie anfangs mit in die Wohnung. Dafür hielt sie die Kamelie mit der Schere klein. „Irgendwann habe ich aber gesagt, ‚Schluss damit, Mädel‘“, erinnert sich ihr Mann. „Die soll jetzt mal wachsen.“ Und so schafften sich die Treptes ein Winterquartier für ihre Pflanze an. Zunächst ein kleineres Zelt, später ein großes, 2,50 Meter hoch. Ihre Pflanze misst inzwischen stattliche zwei Meter. Nur einmal im Jahr wird sie gedüngt. Das reicht.

Da der 70-Jährige und seine 69-jährige Gattin ihren Handel mit Straßenbeleuchtung von zu Hause aus betreiben, können sie sich beim Blick aus dem Fenster fast den ganzen Tag an ihrer Kamelie erfreuen.

Auf die Sackkarre

Noch steht sie draußen, doch wenn das Thermometer deutlich unter null fällt, dann wird Helmut sie auf die Sackkarre packen und sie wenige Meter rüber ins Zelt fahren, wo die edle Schönheit standesgemäß auf grünen Teppich gebettet wird. Dank Heizlüfter und Thermostat herrschen im Zelt den ganzen Winter über angenehme 3 bis 5 Grad. „Den Tipp hat mir mal ein Schlossgärtner aus Pillnitz gegeben“, sagt er.

Geblüht hat ihre Kamelie in den vergangenen Jahren stets ab Mitte Februar, wenn sie zurück ins Freie geholt wurde. Dieses Jahr jedoch scheint der nicht enden wollende Sommer die Pflanze einigermaßen verwirrt zu haben. Schon Ende Oktober entdeckte Helmut Trepte die erste Blüte. Hunderte Knospen könnten ihr in den kommenden Wochen folgen, womöglich noch vor dem Umzug ins Winterquartier. „Ich hab gedacht, ich seh nicht recht“, sagt er. „Das ist doch wirklich ein Phänomen.“ So richtig freuen können sich die beiden über die frühe Pracht aber nicht.

„Wir lesen in der Sächsischen Zeitung schon seit vielen Jahren vom Klimawandel“, sagt Helmut Trepte. Schmelzende Pole und Gletscher seien ja eindeutige Zeichen. „Aber jetzt sehen wir es mit eigenen Augen: Da ändert sich was.“ Wo solle das dann noch enden, wenn jetzt schon eine Pflanze in Blüte steht, bevor sie in ihr Winterquartier umzieht?

Die Mutter-Kamelie in Pillnitz wird dagegen wie gewohnt erst ab Februar ihre ersten Blüten zeigen, auch wenn die Knospen sich bereits jetzt bilden. Die Hauptblütezeit, die auch im kommenden Jahr Tausende Touristen anziehen wird, ist der März. Allerdings sei es nicht völlig ungewöhnlich, dass kleinere Kamelien nach einem langen Sommer auch schon im Herbst zu blühen beginnen, erfährt man auf Nachfrage in der Schlossgärtnerei.

Für Helmut und Doris Trepte bleibt ihre kleine große Garten-Kamelie dennoch ein Wunder der Natur, das sie auch weiterhin mit viel Liebe hegen und pflegen wollen – genauso wie ihre Ehe. Im kommenden Jahr feiern sie Goldene Hochzeit.

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