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Donnerstag, 11.10.2018

Welche Reformen im deutschen Fußball möglich sind

Union Berlin legt ein brisantes Positionspapier vor, aber: Eine Analyse zeigt, dass nicht jeder Vorschlag umsetzbar ist.

Von Patrick Reichardt und Thomas Eßer

Dirk Zingler, Präsident des 1.FC Union Berlin, hält einen Kurswechsel im deutschen Fußball, der den stufenlosen Wettbewerb der Vereine fördert „für dringend notwendig“.
Dirk Zingler, Präsident des 1. FC Union Berlin, hält einen Kurswechsel im deutschen Fußball, der den stufenlosen Wettbewerb der Vereine fördert „für dringend notwendig“.

© Britta Pedersen/dpa

Auf sechs Seiten hat Zweitligist Union Berlin jüngst für seine Ideen für Veränderungen im deutschen Fußball geworben. Was wäre in naher Zukunft wirklich umsetzbar? Und welche Thesen entsprechen den Wünschen der Fans?

Die drei Profiligen sollen von 18 auf 20 Teams aufgestockt werden

Meinungen: Das Thema Ligengröße steht bei den Anhängern derzeit nicht im Fokus. „Ich sehe das nicht als einen der Kernpunkte, um näher am Fan zu sein“, sagte Jochen Grotepaß von der Interessengemeinschaft „Unsere Kurve“. Auch bei den Vereinen stößt die Idee nicht auf Begeisterung. „Ich bin spontan auch kein Freund von der Idee, die Liga aufzustocken“, sagte Gladbachs Manager Max Eberl, der das Union-Papier als „eher kontraproduktiv“ bezeichnete.

Bewertung: Hilft nicht weiter.

Fakten/Einordnung: Eine Aufstockung würde zusätzliche Einnahmen und deutlich mehr Spiele bringen. Jeder Bundesligist hätte 38 statt 34 Ligaspiele pro Saison. Doch die Klubs hadern schon jetzt mit dem straffen Terminplan. Andererseits: Die anderen großen Ligen (Spanien, England, Italien, Frankreich) spielen mit 20 Teams.

Von der 2. bis zur 4. Liga soll es künftig einen direkten Aufsteiger geben

Meinungen: Dieses Thema wurde mit Blick auf die Regionalliga immer wieder diskutiert. „Das halte ich für gefährlich – das ist aber meine ganz persönliche Meinung. Wir haben heute schon das Problem mit stark subventionierten Vereinen, die den Aufstieg erzwingen wollen“, sagte Grotepaß. Der finanzielle Kampf könnte sich durch die geringere Zahl an direkten Aufsteigern weiter erhöhen.

Bewertung: In der Regionalliga sinnvoll.

Fakten/Einordnung: Vor allem für Zweitligisten ergäbe sich die Gefahr, dass der Weg in die Bundesliga noch schwieriger wird. Schon in den vergangenen Jahren setzte sich in der Relegation stets der Bundesligist durch. In der fünfgleisigen Regionalliga hat der DFB mit einer Übergangslösung reagiert: Dieses Jahr steigen erstmals vier Drittligisten ab. Doch das reicht noch nicht: Dass manche Meister der Regionalliga direkt aufsteigen und andere noch einmal Relegation spielen müssen, ist ungerecht und dem Fan nicht vermittelbar.

Im deutschen Profifußball sollen Play-offs eingeführt werden

Meinungen: Dieser Vorschlag kommt immer wieder. Stuttgarts Sportvorstand Michael Reschke forderte die Play-offs für einen spannenderen Kampf um die Meisterschaft, Union will nun die Aufstiegs-Playoffs. Grotepaß meint: „Ich fände mehr direkte Aufsteiger besser. Dann hätte man mehr Bewegung in den Ligen.“

Bewertung: Zeitlich schlecht machbar.

Fakten/Einordnung: Der Fußball-Kalender ist schon mit 34 Spieltagen, DFB-Pokal, Europapokal und Länderspielen ziemlich voll. Ein sinnvolles Format für Play-offs liegt bislang nicht auf dem Tisch. Bei einfachen K.o.-Spielen wäre der Faktor Glück zu groß, für längere Play-off-Serien wie beim Eishockey oder Basketball ist keine Zeit.

Der Gehaltsetat und die Anzahl an Leihspielern sollen begrenzt werden

Meinungen: Viele Fans, denen immer höhere Summen immer schwerer zu vermitteln sind, befürworten dies. Die Vereine haben bei einer Einführung Sorge vor einer massiven Schwächung im internationalen Vergleich. „Da würden sich die anderen vier Topligen in Europa ins Fäustchen lachen“, sagte Leipzigs Trainer Ralf Rangnick. Das weiß auch Grotepaß. Er meint, dass eine Einführung nur europaweit Sinn ergeben würde.

Bewertung: Die Vereine schwächen sich nicht selbst.

Fakten/Einordnung: Da die Fußballklubs in Deutschland eigenständige Unternehmen sind, müssten sie Gehaltsbeschränkungen selbst einführen. Das würde nicht nur wie von Rangnick geschildert zu einer internationalen Schwächung führen, sondern auch die aktuellen Vorteile der finanzkräftigsten Klubs aus der Bundesliga schmälern. Dazu wird es nicht kommen. Eine Begrenzung an Leihspielern könnte da eher ein interessantes Modell sein.

Die Anstoßzeiten sollen den Wünschen der Fans angepasst werden

Meinungen: Vielen Anhängern stoßen inzwischen sieben verschiedene Anstoßzeiten plus englische Wochen in der Bundesliga sauer auf. Sie sind für eine Kernspielzeit. „Und wenn man Spiele am Freitagabend hat, dann müssen die Entfernungen so sein, dass die Fans auch dahin reisen können“, sagt Fan-Vertreter Grotepaß. Mainz-Sportdirektor Rouven Schröder warnte vor einer weiteren Zersplitterung des Spielplans. „Wir müssen die Zuschauer ernst nehmen, sonst spielen wir irgendwann vor leeren Rängen“, sagte er dem Kicker.

Bewertung: Ist unrealistisch.

Fakten/Einordnung: Das Höchste der Gefühle dürfte eine Erhaltung des Ist-Zustandes sein. Auch wenn schon protestiert wurde, reisen die Anhänger auch zu Auswärtsspielen am Freitag oder Montag meist in Scharen. Die DFL schafft mit den zusätzlichen Anstoßzeiten attraktive TV-Sendeplätze. Und im Gegensatz zu anderen Ligen wurde noch keine Partie ins Ausland verkauft. „Wir werden niemals ein Pflichtspiel außerhalb Deutschlands spielen“, hieß es von DFL-Boss Christian Seifert. (dpa)

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