• Einstellungen
Samstag, 14.07.2018

Was bleibt

Russland erlebt laut Fifa die beste WM aller Zeiten. Das liegt auch am Erfolg der Sbornaja.

Von Thomas Körbel

Der russische Stürmer Artjom Dsjuba salutiert nach seinem Treffer gegen Spanien. Die Geste kommt gut an bei den patriotischen Fans. Aber hält die Stimmung auch nach der WM?
Der russische Stürmer Artjom Dsjuba salutiert nach seinem Treffer gegen Spanien. Die Geste kommt gut an bei den patriotischen Fans. Aber hält die Stimmung auch nach der WM?

© dpa/Antonio Calanni

Die rechte Hand geht zum militärischen Gruß an die Stirn. Der Bizeps des russischen Stürmers Artjom Dsjuba spannt sich beeindruckend, während er auf dem Stadionrasen strammsteht und aus Freude über sein Tor salutiert. Dreimal durfte Dsjuba jubeln, spätestens nach seinem Treffer beim Achtelfinalsieg gegen Spanien war die soldatische Geste Kult. Es ist eines jener Bilder, die symbolisch sind für den Erfolg dieser WM.

Es ist ein Bild, das gut ankommt bei den patriotischen Fans der Sbornaja. Sportlich ist Russland weit gekommen, zuletzt hatte es die Sowjetunion 1970 ins Viertelfinale geschafft. Dort war zwar auch diesmal Schluss, aber ein Ruck ist durchs Land gegangen. War die Freude auf das Weltturnier in den Tagen vor dem Eröffnungsspiel bei den Russen zurückhaltend, wandelte sich die Stimmung im Rausch der ersten Siege. Sie wurde befeuert vom bunten Karneval der ausländischen Fans. Quasi über Nacht wurde aus Skepsis gegenüber dem eigenen Team Bewunderung, die sich in „Rossija“-Rufen, Straßenfesten und Autokorsos entlud. „Ich hätte nicht erwartet, dass eine solche Stimmung das Land ergreifen würde“, jubelte Alexej Sorokin, Generaldirektor des Organisationskomitees.

Gianni Infantino, Präsident des Weltverbandes Fifa, sieht sich bestätigt. „Heute kann ich es mit vollster Überzeugung sagen. Ich habe es erlebt, und Sie haben es auch erlebt: Es ist die beste Weltmeisterschaft, die jemals stattgefunden hat“, erklärte er am Freitag in Moskau.

Kaum einer dürfte zufriedener den sportlichen Hurra-Patriotismus beobachtet haben als Präsident Wladimir Putin. Er wollte ein Fest der Völkerverständigung, um der Welt zu zeigen, wie gastfreundlich und liebenswert Russland ist. „Russland ist wieder wer, sogar im Fußball“, könnte das Fazit lauten. Dabei wirkt der Jubel der Russen für Beobachter aufgesetzt. Die Zeitung The Moscow Times findet eine nüchterne Einordnung: „Die Russen mögen keinen Fußball, sie lieben Siege.“

So vermochte die WM über Schattenseiten hinwegzutäuschen. Der ukrainische Regisseur Oleg Senzow sitzt seit 2014 wegen angeblicher Terrorpläne in russischer Haft und befindet sich seit Wochen in einem Hungerstreik für die Freilassung ukrainischer Häftlinge. In der Moskauer Presse war das kaum ein Thema. Im Schatten der WM kündigte die Regierung eine einschneidende Erhöhung des Rentenalters an. Es gab Proteste außerhalb der Spielorte, der Ärger könnte sich später entladen.

Was wird bleiben? Teure Stadien, von denen die meisten im russischen Ligabetrieb kaum gefüllt werden können; Infrastruktur, die einige Städte etwas lebenswerter macht; eine Sbornaja, die ein wenig vom Erfolg zehren wird, bevor die Kritiker wieder auf den Plan treten. Trainer Stanislaw Tschertschessow warnt bereits, sich nicht auf dem WM-Erfolg auszuruhen. „Wir hoffen, dass in Russland eine neue Epoche beginnt. Alle wollen Fußball spielen“, sagt er, aber: „Jetzt ist die Frage, wie wir den Fußball weiterentwickeln.“ Dsjuba und seine Mitstreiter werden es nicht leicht haben nach der Euphoriewelle. (dpa)

Desktopversion des Artikels