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Freitag, 09.11.2018

Was am 9. November 1938 in Pirna geschah

Vor 80 Jahren wurden jüdische Geschäfte in der Stadt geplündert. Eine Gedenktafel am Pirnaer Markt erinnert daran.

Von Mareike Huisinga

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Der Pirnaer Historiker Hugo Jensch sitzt in seinem Arbeitszimmer auf dem Sonnenstein. Auf dem Schreibtisch liegt das Bild seines Freundes Esra Jurmann, jüdischer Kaufmannssohn, vertrieben aus Pirna während der Nazizeit.
Der Pirnaer Historiker Hugo Jensch sitzt in seinem Arbeitszimmer auf dem Sonnenstein. Auf dem Schreibtisch liegt das Bild seines Freundes Esra Jurmann, jüdischer Kaufmannssohn, vertrieben aus Pirna während der Nazizeit.

© SZ/Jörg Stock

Diese Tafel erinnert an die Zerstörung des Ladens von Wolf Jurmann Am Markt 14.
Diese Tafel erinnert an die Zerstörung des Ladens von Wolf Jurmann Am Markt 14.

© Norbert Millauer

Pirna. Am 9. November vor 80 Jahren brannten über 1 400 Synagogen und Betstuben im Deutschen Reich. Jüdische Wohnungen und Friedhöfe wurden zerstört, SA-Trupps schlugen Schaufensterscheiben von jüdischen Geschäften ein. Die Polizei sah tatenlos zu, wie auch die meisten Mitbürger. Auch in Pirna kam es während der Novemberpogrome zu zahlreichen Gewaltszenen. Kaum einer hat darüber so akribisch recherchiert wie Hugo Jensch. Der pensionierte Geschichtslehrer und Historiker wohnt seit 1950 in Pirna und hat unter anderem das Buch „Juden in Pirna“ herausgegeben.

Zwei Textilgeschäfte am Markt werden zerstört

In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 ziehen SA-Horden durch die Altstadt von Pirna. Ihr Ziel ist das Bekleidungsgeschäft von Abraham Wolf Jurmann am Markt 14. Die SA-Leute zertrümmern die Scheiben und demolieren die Ladeneinrichtung.

Wolfs Sohn Esra wird aus der Schule nach Hause geschickt. Er geht über die Schloßstraße zum Markt hinunter. Was er fühlt, als er sich dem Geschäft nähert, beschreibt er in seiner Autobiografie: „Und jetzt hatte ich Angst. Ich sah die zertrümmerten Fenster … Menschen standen herum, gafften.“ Überall liegen Scherben. Der neunjährige Junge ist entsetzt. Nicht nur das Jurmannsche Textilgeschäft wird zerstört. SA-Leute zerstören auch den gegenüberliegenden Konfektionsladen von Benno Weiner mit allerheftigster Gewalt. Nur ein Fenster bleibt heil.

Schuhgeschäft in der Breiten Straße wird verwüstet

Das Schuhhaus Neustadt in der Breiten Straße 9b wird ebenfalls Opfer des Nazi-Terrors in diesen Morgenstunden. Erna Tannchen hatte den Laden bereits 1933 vom Vorbesitzer Leopold Neustadt übernommen. Nach den Ausschreitungen am 10. November legt die jüdische Inhaberin beim damaligen Oberbürgermeister Dr. Brunner Beschwerde ein und bittet um Schutz. Erfolglos. „Sie wurde von ihm abgewiesen mit der Bemerkung, er könne ihr nicht helfen“, berichtet Hugo Jensch und fügt hinzu: „Es war recht naiv zu glauben, die Behörden würden sie beschützen.“

SA-Leute plündern Fabrikantenvilla Heß am Postweg

Furchtbare Szenen ereignen sich auch in der Villa des jüdischen Fabrikanten Manfred Heß, der am Postweg eine Villa und eine Lackfabrik besitzt. Tochter Ursula hatte damals die Gewalt miterlebt. Mit ihr sprach Hugo Jensch. Die Zeitzeugin erinnert sich genau und beschreibt eindrücklich: „Es wurde gesagt, dass sich ein Pöbel auf dem Pirnaer Markt versammelte und dass die Versammelten uns gegenüber angespornt wurden. Diese Menge bestand hauptsächlich aus einem Kontingent von SA. Sie kamen aus der Stadt Wehlen, wo wir ganz unbekannt waren. Später an dem Tag stürmte der Pöbel, mehrere Hundert, unser Haus, nachdem sie Ziegelsteine durch das Fenster geworfen hatten. Sie richteten großen Schaden an, schütteten Tinte auf Bettücher ... Wir versteckten uns auf der Treppe, die in den Keller führte.“ Welche Ängste muss das damals junge Mädchen mit ihrer Familie ausgestanden haben.

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Der Pogromnacht folgt die Verhaftung jüdischer Männer aus Pirna

Wie sehr die Medien gleichgeschaltet waren, zeigt der Artikel im Pirnaer Anzeiger vom 11. November 1938: „In Pirna machte sich der Zorn gegen die Mordjuden ebenfalls in verschiedenen Aktionen Luft. Unter anderem wurden die Scheiben jüdischer Geschäfte zertrümmert und einige Juden in Schutzhaft genommen.“ Zu den internierten Männern zählen Wolf Jurmann, Manfred Heß, Alfred Cohn und Ernst Noack. Die Männer werden in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Dort empfängt Wolf Jurmann nicht nur Schläge und Prügel, sondern auch ein Schreiben vom Oberbürgermeister der Stadt Pirna. Sämtliche entstandene Schäden vom 8., 9. und 10. November 1938 seien von den jüdischen Eigentümern unverzüglich zu beheben. Auf eigene Kosten. Mehr Zynismus ist kaum vorstellbar. Nach Wolf Jurmanns Entlassung aus Buchenwald lebt die Familie zunächst in Dresden. Wolf Jurmann gelingt die Ausreise nach England. Er versucht, seine Familie nachkommen zulassen, aber wegen des Kriegsbeginns am 1. September 1939 scheitert dieser Plan.

Frau Jurmann und ihre Söhne Manfred und Esra werden nach Riga ins Ghetto deportiert. Manfred kommt in einem Außenlager des KZ Stutthof bei Danzig um, Frau Jurmann kehrt von einem „Sondereinsatz“ nicht mehr zurück. Die Kleidung der Erschossenen wurde damals im Lager unter den Insassen verteilt. Esra Jurmann erkannte den markanten Schal seiner Mutter an einem jungen Mädchen. „Er wusste sofort Bescheid“, sagt Hugo Jensch mit leiser Stimme.

Esra Jurmann überlebt, geht später nach London. Seine Erlebnisse schreibt er in dem Buch „Vor allen Dingen war ich ein Kind – Erinnerungen eines jüdischen Jungen“ auf. Hugo Jensch aus Pirna nimmt Kontakt zu ihm auf, sie werden Freunde. Gemeinsam besuchen sie Schulen und Veranstaltungen, auf denen Esra Jurmann als Zeitzeuge über die Gräueltaten der Nazis berichtet. Vor vier Jahren verstarb Esra Jurmann. „Es darf kein Vergessen geben“, fordert Hugo Jensch und spricht damit für alle Opfer des NS-Regimes.

Der Verein AKuBiZ und der Laienchor Pir Moll erinnern mit einer Veranstaltung an die Novemberpogrome von 1938 und stellen neben verschiedenen Liedern auch einige Biografien Verfolgter vor. Die Teilnahme ist kostenfrei. Sie findet am 19. November um 18.30 Uhr im Internationalen Begegnungszentrum, Lange Straße 38a, Pirna, statt.

Ein Porträt über Pirnas dienstältesten Hobbyhistoriker Hugo Jensch lesen Sie hier.