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Montag, 13.08.2018

War es richtig, die Polizei zu rufen?

Vor drei Jahren wurde die Klipphausener Schülerin Anneli entführt und ermordet. Die Familie trägt schwer an dem Schicksal und stellt kritische Fragen.

Anneli-Marie-Figur am Grab in Sora.
Anneli-Marie-Figur am Grab in Sora.

© Claudia Hübschmann

Klipphausen. Es tut unheimlich weh. Immer noch, nach drei Jahren. Dieser Tage saß Uwe Riße mit seiner Frau am Frühstückstisch und plötzlich weinten beide los. „Manchmal kommt die Erinnerung eben hoch“, sagt der Vater von Anneli. Am 13. August 2015 ist die damals 17-jährige Anneli-Marie von zwei Männern in der Nähe ihres Elternhauses in Robschütz (Gemeinde Klipphausen) entführt worden. Eine sehr ruhige Wohngegend, direkt an Feldern und am Waldrand gelegen. Anneli ging nach dem Abendbrot wie immer mit ihrem Hund Paula spazieren. Tags darauf musste sie qualvoll sterben. Ihre Peiniger waren Dilettanten, hatten keinen Plan für die Übergabe des geforderten Lösegelds von 1,2 Millionen Euro, das Vater Riße, ein Bauunternehmer, auf die Schnelle zusammenbrachte.

Die Familie fürchtet sich wieder vor diesen 13. und 14. August. „Wir werden uns zusammensetzen“, sagt der Vater, „und in Stille und im Gespräch Anneli gedenken.“ Alle Familienmitglieder tragen eine gewaltige Last, sagt Riße. Einen riesengroßen Rucksack: die Eltern, die Geschwister und selbst die Enkel. „Wir schleppen die Last unser ganzes Leben lang mit uns“, sagt Riße. Vielleicht erwächst daraus auch etwas Positives, zum Beispiel die Einsicht, dass es nicht lohnt, sich über Kleinigkeiten aufzuregen. Zu Annelis 20. Geburtstag am 22. Juni ist die Familie am Abend zuvor und am Tag selbst ganz früh morgens geschlossen ans Grab neben der Kirche in Sora gegangen. Dort steht die lebensgroße Statue. Anneli als ein lächelnder Engel, der uns beschützt und uns den Weg weist. Danach haben sich die Eltern aufs Motorrad, eine Harley Davidson Bad Boy, Baujahr 1994, gesetzt und sind mit Freunden zu einer Ausfahrt gestartet. Anneli hätte sich darüber gefreut. Ganz bestimmt.

Fünf Tage der Entführung

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13. August 2015: Gegen 19.30 Uhr überwältigen die beiden Täter Anneli auf einem Verbindungsweg nach Luga. Die Täter fordern 1,2 Millionen Euro Lösegeld.

14. August: Über 1200 Polizisten sind im Einsatz. Das Lösegeld steht bereit. Anneli wird auf einem Hof in Lampersdorf ganz in der Nähe ihres Elternhauses brutal ermordet. Die Täter hatten Angst vor einer späteren Identifizierung.

15. August: Es gibt eine erste Spur im Tharandter Wald. Fehlanzeige.

16. August: Die DNA des ersten Täters Marcus B. wird festgestellt.

17. August: Beide Täter werden festgenommen, zuerst Norbert K. in Dresden, dann Markus B. in Bayern.

Hätte die Familie oder die Polizei vor drei Jahren etwas anders machen können? Gab es Fehler? Nein, sagt Riße, Fehler gab es nicht. Doch natürlich stellt sich die Frage: War es richtig, die Polizei zu rufen? Wäre die Entführung ohne Polizei anders ausgegangen? Die zweite Frage lautet: Hätten wir den Tätern schneller auf die Spur kommen können? Die Familie ging damals davon aus, dass die beiden Entführer das Terrain vorher ausspioniert haben mussten. So etwas bleibt in einem Dorf nie verborgen. Drei Landwirte wohnen in der Nachbarschaft. Mit zweien wurde telefoniert. Den Dritten haben sie nicht erreicht. Über ihn wäre die Familie auf die Namen der Entführer gekommen. Hätte das den Fortgang der Ereignisse ändern können?

Riße ärgert sich vor allem darüber, dass es den Tätern Markus B. und Norbert K. offenbar ganz gut in der Haftanstalt geht. Das habe Riße gehört. Sie würden auch keine Reue zeigen. „Nicht die Spur“, sagt Riße. Wenn sich die Polizei anders verhalten hätte, würde Marcus B. behaupten, wäre es zu dem Mord nicht gekommen. Riße: „Das ist doch perfide.“ Seine Idee, mit den Tätern ins persönliche Gespräch zu kommen, hat Riße noch nicht aufgeben. Das ist ein eher theoretischer Gedanke, denn die Verurteilten müssen dem Gespräch zustimmen. Spätestens in fünf Jahren kommt der erste Täter, Norbert K., frei. Der andere erhielt eine lebenslange Strafe. Riße fragt sich, ob das Strafmaß für solche Taten von der Justiz wirklich ausgeschöpft wird. „Spüren die Täter die Verachtung der Gesellschaft oder wird hier nicht eher eine Streichelzoomentalität gelebt?“ Er könne jetzt nur auf eine göttliche Gerechtigkeit hoffen.“

Für Uwe Riße ist es vor allem qualvoll zu wissen, dass Anneli so leiden musste. Das beschäftigt ihn täglich. Die körperlichen und seelischen Qualen seiner Tochter sind immer präsent. Sie sind im Rucksack, den er schleppen muss. Und das ist es auch, was ihn an einem Gespräch mit den Tätern so interessiert: Was genau ist damals mit seiner Tochter passiert? Der Mensch ist in der Lage, unheimlich viel Leid zu ertragen. Das hat die Familie Riße erfahren. Sie möchte jetzt vor allem, dass Annelis Geist weiter lebt. Deshalb hat sie die Anneli-Marie-Stiftung ins Leben gerufen, die über die Zeit der Eltern hinaus weiter bestehen wird. Und Gutes tut im Sinne von Anneli.

Im Online-Gästebuch der Stiftung ist beispielsweise zu lesen: „Liebe Familie Riße, ich werde am kommenden Schicksalstag Ihrer lieben Anneli eine Kerze anzünden. Ich verneige mich vor Ihnen. Noch nie hat mich ein Verbrechen so berührt. Seien Sie umarmt.“