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Freitag, 22.06.2018

Wachsen tut weh

Leipzigs Noch-Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) über die Probleme, bald sogar 600 000 Einwohner zu versorgen und seine Motive für einen Jobwechsel.

Immer in Bewegung: Leipzig als fahrradfreundliche Kommune zu etablieren und Autofahrer zum Umsteigen auf das Rad zu bewegen, ist eines der erklärten Ziele von Noch-Oberbürgermeister Burkhard Jung.
Immer in Bewegung: Leipzig als fahrradfreundliche Kommune zu etablieren und Autofahrer zum Umsteigen auf das Rad zu bewegen, ist eines der erklärten Ziele von Noch-Oberbürgermeister Burkhard Jung.

© Hendrik Schmidt/dpa

Leipzig wächst wie kaum eine andere deutsche Großstadt und ist mittlerweile die größte Metropole in Sachsen – doch das Rathaus kommt mit der Erweiterung der Infrastruktur kaum hinterher. Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) könnte der Stadt indessen bald verloren gehen: Im Sommer entscheidet sich, ob er als neuer Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbandes nach Berlin abwandert. Für das Amt kandidiert aber auch der Bautzener Landrat Michael Harig (CDU).

Nach zwölf Jahren als Leipziger Oberbürgermeister wollen Sie Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbandes werden. Warum? Was treibt Sie aus dem Rathaus dieser wachsenden Stadt?

Insgesamt bekleide ich nun seit fast 20 Jahren Ämter in der Stadtverwaltung: Erst als Beigeordneter für Schule, Jugend und Sport, seit 2006 als Oberbürgermeister. Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich mich an solch verantwortlicher Stelle für diese Stadt einsetzen durfte und darf. Wir haben in diesen zwei Jahrzehnten alle zusammen mehr für die Stadt erreichen können, als wir je zu hoffen gewagt haben. Dennoch reizt es mich nach 20 Jahren – ich bin jetzt 60 – , etwas Neues zu probieren.

Werden Sie im Falle der Wahl nach Berlin ziehen – oder selbst Leipziger bleiben?

Diese Frage ist noch nicht entschieden. Aber Sie können sicher sein: Leipzig würde ich sehr verbunden bleiben.

Leipzig wächst jedes Jahr um 10 000 Einwohner – eine Kleinstadt! Dieses Jahr erwarten Sie den 600 000sten Einwohner und rücken in die Liga der richtigen Großstädte auf. Wie verkraftet die Stadt die rasende Entwicklung?

Das ist wie mit Wachstumsschmerzen bei Kindern: So schön es für sie ist, groß zu werden, sind damit manchmal starke Schmerzen in den Knochen verbunden. In Leipzig sind solche Symptome bei Schulen, Kita-Plätzen, Verkehrsproblemen, steigenden Wohnungsmieten und sozialer Verdrängung zu spüren. Auf der anderen Seite ist es wunderbar zu sehen, dass die Zahl der Arbeitsplätze stärker wächst als der Zuzug. Wir erleben einen Auftrieb, der in den neuen Bundesländern einzigartig ist.

Was ist Ihre Erklärung dafür?

Von existenzieller Bedeutung war, dass wir mit den Ansiedlungen von Porsche und BMW eine Reindustrialisierung erfahren haben und mit DHL am Flughafen der Logistik-Standort gestärkt wurde. Darüber hinaus haben junge Kreative die Stadt entdeckt. Der MDR, die Hochschulen, die Kultur- und die Kunstszene haben den Nährboden bereitet. Wir als Stadt haben das Zentrum und die gründerzeitlichen Stadtquartiere belebt, aber auch Freiräume für Neues erhalten und das Seenland bekommen. Dieser Mix macht Leipzig zu einem Musterbeispiel für eine urbane, kompakte europäische Bürger-Stadt. Aber nochmal: Ohne neue Jobs wäre das so nicht passiert. Wir haben zurzeit 220 Start-ups – allein in der Innenstadt.

Viele Leipziger sind allerdings genervt vom Wachstum: Schlange stehen für Kita-Plätze, seit Jahren steigende Mieten und Nahverkehrstarife, überfüllte Klassen und Straßen.

Es ist immer schöner, wenn man sich eingerichtet hat, oder? Viele Menschen möchten auch eine Villa an der Ostsee, mit Blick auf die Zugspitze, aber nicht weit ins Kino und zum Flughafen – „und drumherum das Hummelgesumm“, wie es Kurt Tucholsky ironisch beschrieben hat. Aber im Ernst: Die Probleme sind da, und wir müssen mit ihnen umgehen. Es gibt aber keinen Königsweg, und die Lösungsmöglichkeiten sind sehr komplex. Natürlich ist die Stadt gefordert, und wir tun auch, was wir können. Oft passt aber das unglaublich schnelle Wachstum, das wir erleben, nicht zusammen mit gesetzlichen Vorgaben und Regularien, von denen wir wahrlich nicht zu wenige haben. Bei den Themen Verkehr und Wohnen sind Kommunen überfordert, hier brauchen wir ein stärkeres Engagement von Bund und Freistaat.

Zur Person

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Geboren wurde Burkhard Jung am 7. März 1958 in Siegen.

Nach dem Studium der Germanistik und Evangelischen Theologie begann er 1986 am evangelischen Gymnasium in Siegen-Weidenau als Lehrer für Deutsch und Evangelische Religion.

1991 wurde Jung Schulleiter am Evangelischen Schulzentrum Leipzig, wechselte 1999 in die Verwaltung, zunächst als Beigeordneter für Jugend, Schule und Sport, ab April 2001 als Beigeordneter für Jugend, Gesundheit, Schule.

Für Olympia 2012 war er zwei Jahre zudem städtischer Olympiabeauftragter, trat aber 2003 nach Provisionszahlung an die Marketingagentur SCI zurück.

Am 26. Februar 2006 wurde Jung als Nachfolger von Wolfgang Tiefensee zum Oberbürgermeister Leipzigs gewählt.

In erster Ehe war Burkhard Jung mit Juliane Kirchner-Jung verheiratet, hat vier inzwischen erwachsene Kinder und zwei Enkel. Seit 2014 lebt er mit Ayleena Jung, vormals Wagner; zusammen, die er 2016 heiratete.

... aber zurzeit droht die Lebensqualität zu sinken!

Leipzig war schon immer eine dynamische Stadt. Vielleicht ist Dynamik der Normalzustand für Leipzig. Unsere Aufgabe im Rathaus ist es, dafür zu sorgen, dass die Lebensqualität nicht leidet. Wir geben allein dieses Jahr eine Milliarde Euro für Investitionen in die Infrastruktur aus: für Schulen, Kitas, Straßen und Straßenbahnen.

Aber reicht das?

In den vergangenen Jahren sind bereits 10 000 neue Kita-Plätze entstanden, bis Ende 2019 sollen nochmal 4500 Plätze hinzukommen. Die Lücke dürfte bald geschlossen sein. Nun sind die Schulen das größte Thema. Wir müssen bis 2030 voraussichtlich 30 neue Schulen bauen. Die Kosten betragen bis 2025 allein 600 Millionen Euro. Das ist eine enorme Aufgabe – und auch die Stadt findet immer schwerer Bauingenieure und Baufirmen.

Gegen die Mietsteigerungen demonstrieren die Leute bereits auf der Straße …

Die Bestandsmieten sind aber nach wie vor moderat. Bei Neubauten gibt es allerdings tatsächlich große Steigerungen. Die Antwort darauf lautet: Bauen, bauen, bauen – auch im sozialen Wohnungsbau. Hier sind auch Bund und Land gefragt. Wir brauchen milliardenschwere Förderprogramme, das kann keine Stadt alleine leisten. In einem größeren Wettbewerb werden die Mieten dann nicht mehr so klettern können wie bisher.

Wie stark profitiert die Stadt von der boomenden Wirtschaft?

Die Gewerbesteuer-Einnahmen sind seit 2012 um 45 Prozent auf 290 Millionen Euro gestiegen, unser Anteil an der Einkommenssteuer wuchs um 60 Prozent auf 157 Millionen. Dieses Geld geben wir vor allem für Investitionen aus. Generell rechnen wir aber damit, dass die Einnahme-Zuwächse die Kosten des Wachstums nicht ausgleichen. Und die jüngsten Tariferhöhungen wollen auch bedacht sein.

Leipzig hat die Zitterpartie um den Wasserwerke-Prozess in London gegen die Schweizer Großbank UBS endgültig gewonnen. Was bringt das für die Stadt?

Wir haben zwar die 500-Millionen-Forderung abgewehrt – aber damit keinen Cent mehr im Portemonnaie. Allerdings haben wir jetzt wieder Planungssicherheit. Wir können wichtige Investitionen wie die Beschaffung neuer Straßenbahnen anschieben.

Zurzeit wirft man der Stadt vor, sie sauge junge Leute aus den Dörfern ab. Kommt das Wachstum vor allem aus dem Umland?

Nein, das ist längst ein Nullsummenspiel. Von 10 800 Zuzügen 2017 kamen nur 942 Menschen aus Sachsen. Gleichzeitig sind 909 Leipziger sogar in unsere Nachbar-Landkreise abgewandert. Einen positiven Saldo haben wir vielmehr gegenüber Westdeutschland mit fast 2000 Zuzügen. Hinzu kommen 4500 Menschen aus dem Ausland, viele von ihnen mit Asyl-Anträgen. Übrigens ist unser Zuwachs keine Armuts-Zuwanderung mehr wie früher. Die Stadt zieht junge, gut ausgebildete Familien an. 60 Prozent sind Akademiker.

Wann hört das Wachstum auf? Wo ist die Grenze der Stadt erreicht?

Perspektivisch wird es wohl immer eine Stärkung der Ballungsräume geben – die Städte wachsen seit mindestens 100 Jahren. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Leipzig sogar für eine Million Menschen geplant und erbaut, allerdings unter anderen Lebensverhältnissen. In Spitzenzeiten um das Jahr 1933 haben auf dem früheren Stadtgebiet gut 700 000 Menschen gelebt. Das erscheint mir heute eine Größenordnung, bei der wir sagen würden: Leipzig hat seine Grenzen erreicht. Dann sollten wir verstärkt schauen, wie wir Umlandgemeinden besser einbinden, um den Ballungsraum zu entlasten. Neue Hochhaussiedlungen wünscht sich wohl niemand.

Leipzig macht auch als Kriminalitätshochburg von sich reden: Krawalle, Drogen, Überfälle am helllichten Tag. Was ist Ihr Gegenmittel?

Ich sage immer wieder: Wir haben zu wenig Polizei auf der Straße. Mehr sichtbare Präsenz im Stadtbild bedeutet eine wesentlich wirkungsvollere Prävention. Jetzt steht Ministerpräsident Michael Kretschmer im Wort, wenn ab nächstem Jahr in Sachsen 1000 neue Polizisten kommen, auch Leipzig gut zu versorgen. Ich habe seine Zusage, und ich nehme ihn beim Wort! Wir rechnen mit etwa 250 Beamten mehr. Auch wir als Stadt haben die Zahl unserer Ordnungskräfte erhöht. Dieses Jahr kommen 40 weitere Kräfte dazu. Auf ihren Fahrzeugen steht jetzt in großen Buchstaben: Polizeibehörde. Damit sind wir besser sichtbar im Straßenbild.

Wie gut ist denn Ihr Verhältnis zu Michael Kretschmer?

Sein Auftakt war ein Zeichen der Dialogbereitschaft und des Verständnisses für unsere Situation. Ich habe da großes Vertrauen. Aber natürlich wird man ihn letztlich an seinen Taten messen.

Gespräch: Sven Heitkamp

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