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Mittwoch, 03.01.2018

„Von Vollbeschäftigung sind wir weit entfernt“

Sachsens Arbeitsagentur-Chef Hansen über fehlende Fachkräfte, Langzeitarbeitslose und polnische Grenzgänger.

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Klaus-Peter Hansen ist der erste Sachse, der die Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit in Chemnitz leitet. Der 55-Jährige stammt aus Zittau, lebt in Bautzen und pendelt seit vielen Jahren in wechselnde Orte.
Klaus-Peter Hansen ist der erste Sachse, der die Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit in Chemnitz leitet. Der 55-Jährige stammt aus Zittau, lebt in Bautzen und pendelt seit vielen Jahren in wechselnde Orte.

© Robert Michael

Herr Hansen, ein sächsischer Fabrikant sagte neulich: Wer jetzt noch arbeitslos ist, der will nicht arbeiten. Stimmt das?

Nein, das ist falsch. Ein Kellner in der Sächsischen Schweiz wird im Winter nicht deshalb arbeitslos, weil er nicht arbeiten will. Es gibt unterschiedliche Arten von Arbeitslosigkeit. Mancher sucht nach der Ausbildung oder nach dem Studium eine adäquate Anstellung. Wenn alle Stränge reißen, werden wir auch bei Siemens oder Bombardier in Görlitz im schlimmsten Fall Arbeitslosigkeit erleben müssen, wie in Freiberg nach der Insolvenz von Solarworld. Da hilft Pauschalisierung nicht. Unser Programm ist Helfen.

Rund 50 000 Sachsen sind aber langzeitarbeitslos. Müssten sie nach vier Jahren Wirtschaftsaufschwung in Sachsen nun nicht Arbeit finden?

Auch bei Langzeitarbeitslosen wäre es falsch, sie abzustempeln. Viele haben unterschiedliche Handicaps. Da sind außer Stellenangeboten je nach Fall auch Familienhilfe, Schuldnerberatung oder Suchtberatung wichtig. Freilich sehen wir die Gefahr, dass jemand nach drei, vier Jahren Arbeitslosigkeit sich in dieser Situation einrichtet, mit etwas staatlichen Leistungen und etwas Schwarzarbeit. Das sind für mich aber nur Einzelfälle. Wer lange arbeitslos ist, braucht professionelle Begleitung. Manche müssen erst wieder einen strukturierten Tagesablauf bekommen.

Zum Beispiel mit einem Ein-Euro-Job?

Ja, dafür gibt es weiterhin Programme. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hat uns dafür Instrumente geliefert, auch das Land Sachsen. Die Langzeitarbeitslosen sind nicht jahrelang genau dieselben, es ist ein ständiges Rein und Raus. Es gab mal 130 000 Langzeitarbeitslose in Sachsen.

Viele von ihnen sind aber in Rente gekommen statt in Arbeit …

Ja, etwa die Hälfte des Rückgangs der Arbeitslosigkeit kann auf dem Faktor Demografie beruhen. Wir geben aber keinen verloren. Wenn jemand nicht für die angebotenen Arbeitsplätze qualifiziert ist, heißt die Antwort: Bildung!

Zu Jahresanfang haben Sie die Arbeitsagentur-Geschäftsstellen in Radeberg und Bischofswerda geschlossen. Ist dort schon Vollbeschäftigung?

Nein, Vollbeschäftigung haben wir nirgendwo in Sachsen. Wir haben noch keine bayerischen oder baden-württembergischen Verhältnisse, von Vollbeschäftigung sind wir weit entfernt. Wir haben die beiden Geschäftsstellen geschlossen, weil wir unsere Mitarbeiter effizient einsetzen möchten. In Bischofswerda haben zuletzt zwei Mitarbeiter aus Bautzen stundenweise gearbeitet. Viele unserer Dienstleistungen lassen sich online erledigen, für einen persönlichen Kontakt sind Kamenz oder Bautzen in zumutbarer Zeit erreichbar.

Wann kann Sachsen denn mit Vollbeschäftigung rechnen? Einige Regionen haben dieses Jahr doch Arbeitslosenquoten um vier Prozent gemeldet, darunter Radeberg, Dippoldiswalde und Klingenthal.

Politiker fragen mich auch gerne nach solchen Prognosen, aber ich habe keine Glaskugel. Die Arbeitslosenquote in Sachsen hatte im abgelaufenen Jahr nur noch die Zahl 6 vor dem Komma, im Jahr zuvor war es noch die 7. Im neuen Jahr werden wir wohl die 5 vor dem Komma sehen, im Jahresdurchschnitt. Ab 2025 werden wir wohl bei den Quoten zum Überholen von Bayern und Baden-Württemberg ansetzen, wenn die Rahmenbedingungen gleich bleiben und nicht wieder eine Wirtschaftskrise kommt. In sieben Jahren werden wir rechnerisch gleich viele Bewerber wie Stellenangebote in Sachsen haben, auf dem Ausbildungsmarkt ist das schon drei Jahre so.

In Dresden und Leipzig ist die Arbeitslosigkeit höher als in vielen Teilen des Landes. Ist Vollbeschäftigung dort schwieriger zu erreichen?

Die Großstädte haben mehr Pendler, die mit den Einwohnern konkurrieren. Dorthin zieht es Jugendliche zum Beispiel aus Löbau, Ehrenfriedersdorf oder Olbernhau auf der Suche nach einem Platz zum Leben und Arbeiten. Auch Menschen mit Mitgrationshintergrund verlassen häufig den ländlichen Raum und suchen eine Community in der Großstadt. Das verzögert den Abbau der Arbeitslosigkeit in Städten wie Dresden, Leipzig und Chemnitz.

Noch höher ist die Arbeitslosigkeit in Görlitz und in Ihrer Heimatstadt Zittau. Bleibt das so?

Ja, im Verhältnis innerhalb Sachsens, aber nicht im Vergleich innerhalb Deutschlands oder gar Europas. Auch an der Neiße hat sich die Arbeitslosigkeit mehr als halbiert, sie lag mal jenseits von 25 Prozent. Denken Sie an den gewaltigen Stellenabbau etwa im Waggonbau und in der Energiewirtschaft. Meine Kollegen in Polen und Tschechien in den Grenzregionen zu Sachsen stehen vor ähnlichen Problemen wie wir. Es gibt hohe Langzeitarbeitslosigkeit, und gleichzeitig suchen Unternehmen händeringend nach Fachkräften.

Sind Bewerber aus Polen oder Tschechien eine Konkurrenz für sächsische Arbeitslose?

Der ausgebildete Elektriker aus Zgorzelec wird eher Arbeit in Görlitz finden als der ungelernte Sachse. Aber der ungelernte Pole findet auch keine Arbeit in Görlitz. Es nützt nichts, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Ein Unternehmer stellt die Mitarbeiter ein, die er braucht. In der neuen Autoräderfabrik von Borbet in Kodersdorf sind ein Drittel der Mitarbeiter Grenzgänger. Ohne sie würde der Betrieb nicht laufen. In Sachsen arbeiten rund 56 000 Menschen mit ausländischem Pass. Davon sind 13 300 Polen, 7 200 Tschechen und 3.600 Rumänen. Das ist zu wenig, um unsere Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. Über 318 000 beschäftigte Sachsen sind über 55 Jahre jung und erreichen in den nächsten zehn Jahren das Rentenalter. Der Ersatzbedarf der sächsischen Wirtschaft an Mitarbeitern wird explodieren.

Demnach sind Polen eine Hilfe gegen den drohenden Fachkräftemangel?

Wir brauchen Zuwanderung. Schon versuchen auch tschechische Betriebe, Polen etwa nach Mlada Boleslaw zu holen. Aber ein Pole, der mobil ist, geht vielleicht lieber nach Warschau. Wir müssen bei Zuwanderung an viele Quellen denken. In letzter Zeit wurde dabei leider meistens nur über Flüchtlinge gesprochen. Zur Zuwanderung gehört aber auch der Kanadier, der nach Dresden an ein Fraunhofer-Institut kommt. Oder der arbeitslose Koch aus Spanien und Griechenland. Wir sollten auch noch mehr um Rückkehrer werben, also um Sachsen, die bisher anderswo arbeiten.

Sie haben mal das Jobcenter in Berlin-Neukölln geleitet. Nützt Ihnen diese Erfahrung für Sachsen?

Wir reden viel über Ausländer, vielleicht weil wir zu wenige persönlich kennen. In Berlin-Neukölln haben 70 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund. Dort habe ich eine große Vielfalt erlebt. Nun bin ich wieder in Sachsen und brauche manchmal ein paar Sekunden, um hier diesen Hype um das Thema Ausländer zu verstehen. Wir stehen in Sachsen völlig am Anfang bei der Beschäftigung von Ausländern. Jedoch ist das eine gesellschaftliche Aufgabe, die wir nicht alleine lösen können. Das kann gelingen, wenn alle Menschen in Sachsen mehr Toleranz leben, Vorurteile ablegen und die Chancen der kulturellen Vielfalt erkennen. Das wird gelingen, braucht jedoch auch Zeit. Auch in den sächsischen Arbeitsagenturen und Jobcentern gibt es Mitarbeiter, die es nicht nur schön finden, dass Menschen aus anderen Ländern hier leben wollen. Aber wir sollten uns daran erinnern, dass die meisten Auswanderer in den letzten 500 Jahren aus Europa kamen, nicht etwas aus Afrika. Ich habe einen Tag der Vielfalt in meiner Dienststelle organisiert, da ging es auch um Themen wie sexuelle Orientierung, Menschen mit Handicap, Generationsunterschiede und Religionen.

Manche haben Angst vor Überfremdung, andere vor Digitalisierung in der Wirtschaft. Was sagen Sie denen?

Die Digitalisierung ist Fluch und Segen zugleich. Mein Büro ist schon papierlos, solange mir niemand etwas hinlegt. Es sind schon immer Arbeitsplätze durch technischen Wandel weggefallen, zum Beispiel wurde die Kassiererin in der Sparkasse durch Automaten ersetzt. Andererseits gibt es Menschen, die diese Automaten entwickeln und herstellen. Nicht alles, was technisch geht, wird für die Betriebe bezahlbar sein, nicht alles wird tatsächlich gemacht werden. In Sachsen werden sich durch die Digitalisierung fast alle Berufe verändern, wenige Berufsbilder werden ganz verschwinden. Das ist nicht unbedingt schlimm, denn wir brauchen wohl in der Zukunft auch arbeitsplatzreduzierende Effekte. Schließlich fehlen künftig Mitarbeiter. Wir müssen aber stetig in die Menschen investieren, die da sind, damit sie dem Wandlungsprozess folgen können. Aber es bleibt natürlich vor allem die Aufgabe der Wirtschaft, ihre Mitarbeiter auf dem neuesten Stand zu halten.

In welchen Berufen gibt es schon Fachkräftemangel in Sachsen?

Zum Beispiel bei examinierten Pflegefachkräften, da kommen zehn Angebote auf jeden Arbeitslosen. Engpässe gibt es zum Beispiel bei Klempnern oder Mechatronikern. Die Unternehmer müssen immer mehr unternehmen, um Fachkräfte zu gewinnen.

Das Gespräch führte Georg Moeritz.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 9 Kommentare

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  1. Klaus

    Der sog. "Fachkräftemangel" lässt sich für die Firmen ganz einfach durch entsprechende Gehaltsangebote lösen. Durch Jammern bekommt man hingegen keine Fachkräfte. Angebot & Nachfrage - so funktioniert Marktwirtschaft.

  2. Realist

    Es ist vieles richtig was der Chef der Arbeitsagentur sagt. Ja auch Pendler sind erforderlich da es eben in kleinen Regionen keine entsprechende Arbeit gibt. Was die standige Aussage bezüglich Zuwanderung berifft so sollte man sehr vorsichtig sein in den nächsten 10 bis 20 Jahren fallen sehr viel Arbeitsplätze weg so im Logistigbereich ect . Emercon zeigt es jetzt schon die Lager funktionieren vollautomatisch durch Robotereinsatz Gäb es diese nicht benötigte man über 1000 Arbeiter das wird bei weiteren Unternehmen so kommen. So ein Roboter kostet heute 10 000 /20 000 Euro Anschaffung - wenn man dies mit den Lohnkosten/Nebenkosten vergleicht wir einem klar das ein Unternehmer auf Technik umsteigt. Nun kommt sofort ja es gibt ja auch neue Möglichkeiten ,nun nicht jeder hat das Zeug Softwareentwickler ect zu werden. Im Pflege u. Dienstleistungsbereich werden jedoch schon heute Mitarbeiter dringend benötigt ,es würden sich auch mehr für so einen Beruf entscheiden wenn er gut bezahlt wird

  3. Rudi

    Wir stehen vor gewaltigen Veränderungen was die Technik betrifft. Viele Jobs werden schlichtweg überflüssig. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen kann man dem entgegensteuern.

  4. Die Fachkraft

    Ab wann ist man eine Fachkraft? 14 Jahre Berufserfahrung in der Geschäftsführung, Controlling und Management, Branchen Autmobilbau, Druckerei und Grafik sowie Logistik. Ausbildung als Mechaniker, Fachabi sowie Masterstudium mit Abschluss Wirtschaftsinformatik. Davon 8 Jahre selbstständig - jetzt arbeitslos, da mein Auftraggeber geizknöchlig seine Rechnungen nicht bezahlte... Seit sechs Monaten bewerbe ich mich auf konkret passende Stellen - ohne Erfolg. 50 Bewerbungen = 50 Absagen. Am Ende ging es immer um Geld!!

  5. Knut

    Sehe die Probleme genau bei dem Punkt Gehalt: warum sollten sich hier Fachkräfte engagieren, die nicht mal mit den durchschnittlichen 2.600,- in Dtl. entlohnt werden und sich genau deswegen gen Westen wenden? Was die AG hierzulande im Osten Dtl. anbieten kann man nur unter Ausnutzung der Arbeitsmarktverhältnisse im Osten verbuchen (die Beamtendienstverhältnisse auf Rosa-Wolke mal komplett außen vorgelassen); wenn ein "West"-Unternehmer sich nach 10 Jahren denn mal eine Luxuskarosse kauft, muss es bei manchem "Ost"-Unternehmer mal schon nach 2 Jahren passieren: Geschäfte laufen gut, MA´s verdienen (knapp) über Mindestlohn, also "GUT", Schicht! Da wird der ARGE-Chef auf Sicht nicht dran vorbeikommen. Weil es einfach ein funktionierendes Modell im Arbeitsmarkt ist, also wen will er denn locken? Oder die unsäglichen Politiker mit ihrem Fachkräftemangel? Wen?

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