• Einstellungen
Dienstag, 13.03.2018

Von Flammen gezeichnet

Ein Feuer hat Nadka Ivanovas Gesicht für immer mit Narben gezeichnet. Doch die Bulgarin will sich ins Leben zurückkämpfen. Eine Geschichte über das Menschenrecht auf Gesundheit in Deutschland.

Von Marco Krefting

Die Bulgarin Nadka Ivanova ist ein Opfer der Flammen – und der Gesetze für die medizinische Behandlung von EU-Bürgern.
Die Bulgarin Nadka Ivanova ist ein Opfer der Flammen – und der Gesetze für die medizinische Behandlung von EU-Bürgern.

© dpa/Sven Hoppe

Als ich mich das erste Mal gesehen habe, habe ich mich wie ein Ungeheuer gefühlt.“ Brandwunden im Gesicht, ein Augenlid nur noch starr. Auf den Tag genau ein Jahr nach ihrem grausamen Unfall spricht Nadka Ivanova darüber, wie ihr Zimmer in Flammen stand. Wie sie selbst in Flammen stand. Wie das Feuer ihr Wunden ins Fleisch brannte. Es blieben Narben, die sie bis heute zeichnen. Die ihr zwar nicht den Lebensmut raubten, die aber aus einer selbstständigen Frau eine Hilfsbedürftige machten.

Nadka Ivanova, 55 Jahre alt, geboren in Bulgarien, verunglückt in München. Ihre Geschichte ist ein Beispiel dafür, was auch andere Männer und Frauen erleben, die im vergleichsweise sehr guten deutschen Gesundheitssystem durchs Raster fallen. Schätzungsweise 80 000 bis mehrere 100 000 Menschen in der Bundesrepublik können wie sie drastische Probleme bekommen, wenn sie krank werden. Dazu zählen Obdachlose, verschuldete Krankenversicherte, aber auch Bürger aus anderen Staaten der Europäischen Union, die in Deutschland einen Job suchen. Letztere werden nur in Notfällen behandelt.

Dann geht es beispielsweise darum, akute Schmerzen zu lindern. Alles darüber hinaus – selbst Operationen, um die Funktion eines Augenlids wiederherzustellen – müsste selbst bezahlt werden. Von kosmetischen Eingriffen oder Reha-Maßnahmen ganz zu schweigen. Es drohen also für Menschen, die eh schon wenig Geld haben, Schulden über Schulden.

Für die Arbeit suchenden EU-Bürger gibt es spezielle gesetzliche Regeln, die 2016 – zwei Tage vor Heiligabend – verschärft wurden. Für Nadka Ivanova hat sich dadurch nach ihrem Unfall das persönliche Drama weiter zugespitzt.

Ihre Geschichte in Deutschland beginnt vor rund anderthalb Jahren: Da kommt die Bulgarin nach München, um Arbeit zu suchen. Ihr Bruder ist mit seiner Familie schon da. Als Roma wird Ivanova in der Heimat diskriminiert. „Wenn Leute eingestellt werden, achtet man sehr auf das Aussehen“, übersetzt eine Dolmetscherin ihre Erzählung. Es ist die dunklere Hautfarbe, die die Herkunft sofort verrät, weshalb andere sie in eine Schublade stecken. 18 Euro Sozialhilfe habe sie bekommen, erzählt Ivanova. Pro Monat. „Sogar in Bulgarien kann man nicht mit 18 Euro überleben.“

Schnell findet Ivanova, ausgebildet in einer Schneiderei, einen Job als Reinigungskraft in einem Restaurant in München. Angemeldet, alles korrekt, versichert sie. Von den 450 Euro muss sie das meiste für die Miete ausgeben. Weitere Hilfsgelder will sie nicht. Das betont sie immer wieder. Und das merkt man ihr an: Nadka Ivanova möchte auf eigenen Beinen stehen, nicht abhängig sein von anderen, vom Staat.

Am 17. Januar 2017 kommt sie morgens früh nach Hause, es ist kalt. Sie schaltet einen gasbetriebenen Wärmestrahler in ihrem Zimmer ein. Gegen 8.40 Uhr entzündet sich ein Feuer. Nadka Ivanova verliert kurz das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kommt, steht der Raum in Flammen. Ihrer Erinnerung nach betet sie zu Gott.

Während die 55-Jährige das erzählt, hält sie sich ihre Hände mit gespreizten Fingern vor die Augen. „Ich habe nicht gemerkt, dass ich verbrannt war. Ich stand unter Schock.“ Es folgt eine Explosion, vermutlich ging eine der Gasflaschen hoch. Sie sprengt ein Loch in die Wand, durch das Ivanova sich ins Freie retten kann.

Drei Monate später wacht Nadka Ivanova im Krankenhaus auf. Ihr Bruder erzählt ihr, dass er sie identifizieren musste. Vom Feuer gezeichnet, die Haare verbrannt, an zig Geräte angeschlossen, habe er sie erst nicht erkannt. Es war eine Tätowierung am rechten Unterarm, die ihm half. Heute ist da nur unleserliche Tinte zu sehen.

„Meine ersten Versuche zu sprechen, waren nicht sehr erfolgreich“, schildert Ivanova. Auch ihre Familie schweigt: Der Bruder, die Neffen und Nichten verraten ihr nicht, was passiert ist. Erst als Ärzte die Verbände an den Armen wechseln, sieht Ivanova die Verbrennungen. „Aber ich habe nicht gewusst, dass ich im Gesicht verbrannt bin.“ Das erfährt sie erst später beim Blick in den Spiegel. „Das war so ein Schock für mich. Ich hab‘ gedacht, das bin nicht ich“, sagt Nadka Ivanova. In diesem Moment glänzen Tränen in ihren Augen.

Ihr rechtes Augenlid schließt seit dem Unfall nicht mehr. „Wie umgedreht“, beschreibt es Nadka Ivanova und greift mit den Fingern zum Auge, klappt das Lid ein Stück weit um. Einige Brandwunden am Körper sind so heftig, dass Teile der Knochen zu sehen sind. Die Hände sind so stark betroffen, dass sie nicht greifen, nichts festhalten kann. „Ich habe nicht geglaubt, dass ich es schaffe“, sagt die Bulgarin.

Weil alle Unterlagen – Anmeldungen, Steuernummer, Rechnungen – verbrannt sind, kann sie nicht beweisen, wer sie ist. „Die Ärzte haben geglaubt, dass ich illegal hier bin.“ Und weil sie vor der Brandkatastrophe nur geringfügig beschäftigt war, nicht aber Sozialleistungen beantragt hatte, ist Ivanova in Deutschland nicht krankenversichert. Und obwohl sie EU-Bürgerin ist, gelten für sie die seit Ende 2016 strengeren Regeln für die Gesundheitsversorgung.

Arbeit Suchende etwa aus Bulgarien, die seit weniger als fünf Jahren in Deutschland leben, haben binnen zwei Jahren nur noch höchstens einen Monat Anspruch auf Gesundheitsversorgung. Und das auch bloß bei akuten Erkrankungen und Schmerzen sowie bei Schwangerschaften. Alle Behandlungen und alle Medikamente darüber hinaus müssen selbst gezahlt werden. Je krasser die Verletzungen, umso höher sind also im Zweifel die Schuldenberge.

Das Bundessozialministerium – damals noch unter Regie von Andrea Nahles (SPD) – begründet die Gesetzesverschärfung mit Entscheidungen der höchsten Gerichte in Deutschland und der EU. Der Bundestagsabgeordnete Harald Weinberg von den Linken findet, die Regierung mache es den Arbeitslosen in der EU so schwer wie möglich: „Die Abschottungsstrategen um Frau Nahles haben ganze Arbeit geleistet. Die Menschen dürfen so lange nicht zum Arzt, bis sie gehen und nicht wiederkommen.“ Er findet: „Die Angst vor armen Menschen aus der EU, die nach Deutschland kommen, ist hysterisch.“

Das Sozialgericht im rheinland-pfälzischen Speyer hat in einem Beschluss vom August festgestellt, die Regelung enthalte „nichts weiter als eine Kombination besonders unbestimmter Rechtsbegriffe, deren erkennbarer Zweck darin besteht, im Regelfall gerade keine existenzsichernden Leistungen zu gewähren, auch wenn Hilfebedürftigkeit besteht“. Das sei in manchen Fällen sogar verfassungswidrig.

Immer häufiger engagieren sich daher Hilfsorganisationen wie der Verein Ärzte der Welt. Auch Nadka Ivanova wendet sich an sie. Die Klinik hatte sie verlassen – auch aus Angst vor ins Horrende steigenden Kosten. Der Verein half in vielerlei Hinsicht. Ärzte kümmern sich ehrenamtlich um das Brandopfer. Inzwischen kann sie ihre Hände wieder bewegen und zupacken – so wie es ihre energische Art ist. „Nach einem Jahr versuche ich wieder, am Leben teilzuhaben und alles zu erreichen, was ich will“, sagt sie. Mit der Zeit verliert sie auch die Hemmungen, das flammengezeichnete Gesicht öffentlich zu zeigen.

Dass sie wieder arbeiten und finanziell auf eigenen Beinen stehen kann, sei ihr größter Wunsch gewesen. „Jetzt möchte ich nicht mehr abhängig von irgendjemandem sein.“ Seit Anfang dieses Jahres hat Nadka Ivanova wieder einen Job: Sie putzt in einem Seniorenheim. „Die alten Menschen wollen sich mit mir unterhalten, aber ich verstehe sie nicht“, sagt die Frau. „Jetzt ist es Zeit, Deutsch zu lernen.“ (dpa)

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.